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Aus der jüdischen Welt

Ariel ShiboletFreie Musik für einen freien Geist
Ein junger Mann spielt in einer Fußgängerzone auf einem Saxofon.

Ariel Shibolet ist als Saxophonist bekannt in der israelischen und internationalen Improvisationsszene. Im Rahmen eines Berliner Schulprojekts für musikalische Improvisation unterrichtete er nun eine 5. Klasse - und nahm mit den Teenagern eine CD auf.Mehr

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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 26.10.2012

"Das Recht des Fremden auf Leben und Würde"

Für Romani Rose gibt es Parallelen zwischen Sinti und Roma und den Juden

Von Igal Avidan

Das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin-Tiergarten
Das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin-Tiergarten (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)

Lange hat es gedauert, bis der Holocaust an den Juden sowie an Sinti und Roma mit zwei zentralen Gedenkstätten in der deutschen Hauptstadt gewürdigt werden konnte. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, sieht bei allen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten.

"Ich fühle mich als Israeli und als Jude geehrt, denn die Sinti und Roma sind unsere Brüder und Schwestern. Wir hätten ihrer gemeinsam gedenken sollen, denn sie sind Teil von unserem Holocaust. Denn meine Verwandten wurden wohl in den gleichen Konzentrationslagern eingesperrt und ermordet."

Der israelische Künstler Dani Karavan steht strahlend neben dem Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma, das er am Berliner Reichstag entworfen hat. Es ist 12 Jahre her, seitdem er vom Zentralrat der Sinti und Roma mit diesem Gedenkprojekt beauftragt wurde. Trotz aller Hindernisse ist es ihm gelungen, einen stillen Ort des Gedenkens und der Einkehr zu schaffen, der Respekt für die Ermordeten erzeugt.

1988 gründeten die Journalistin Lea Rosh und der Historiker Eberhard Jäckel eine Berliner Initiative zur Errichtung des Mahnmals für die sechs Millionen ermordeten Juden Europas. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, lehnte dieses Vorgehen ab. Für ihn war der Völkermord an den Sinti und Roma der Shoah gleichwertig.

"Und dann haben wir mit einer Anzeige 1989 gesagt, das kann nicht ein Denkmal für die Juden sein, dass kein nicht ein Denkmal für die Sinti und Roma sein, das muss ein Denkmal für die Opfer des Holocaust sein und das heißt für beide Minderheiten zusammen."

Ignatz Bubis, der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, lehnte sogar zwei Gedenkstätten auf dem gleichen Gelände ab, geschweige denn ein gemeinsames Mahnmal – aus religiösen Gründen. Nach einem Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem weigerte sich Bubis, gemeinsam mit Rose einen Kranz niederzulegen. Der israelischen Zeitung "Haaretz" sagte er:

"Wenn wir das gemeinsam mit den Zigeunern machen, dann kann dort kein Rabbiner Kaddisch sagen. Und was machen wir, wenn auch die Homosexuellen kommen und mit dabei sein wollen?"

An dieser Position konnte auch die Anerkennung des Völkermordes an die Sinti und Roma durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog nichts ändern, dessen Zitat aus dem Jahr 1997 auf einer Glaswand am Rande des Mahnmals zu lesen ist:

"Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz, mit dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden."

Nachdem der Bundestag 1999 die Errichtung von zwei Denkmälern beschlossen hatte, beauftragte Romani Rose den renommierten israelischen Künstler Dani Karavan mit der Arbeit, der bereits einige Denkmäler für die Opfer des Holocaust realisiert hatte.

"Karavan ist eine künstlerisch weltweit anerkannte Persönlichkeit. Vor seinem Hintergrund als Mensch, dessen Angehörige auch im Nationalsozialismus betroffen waren, brachte er nach meiner Überzeugung die entsprechende Sensibilität mit, die notwendig ist, um so ein Denkmal zu schaffen."

Um eine Hierarchiesierung der Opfer zu vermeiden, bat der Zentralrat der Sinti und Roma darum, beide Holocaust-Mahnmale gleichzeitig der Öffentlichkeit zu übergeben. Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas wurde 2005 feierlich eingeweiht, siebeneinhalb Jahre vor dem der Sinti und Roma, und dass, obwohl das "jüdische" Mahnmal 20 Mal größer und zehnmal teurer war.

Dennoch würdigt jetzt Romani Rose die große Unterstützung durch jüdische Persönlichkeiten wie Yehudi Menuhin, Simon Wiesenthal und Simon Weil. Rose betont, dass in letzter Zeit 19 Roma in Tschechien und 11 in Ungarn ermordet wurden, ganze Gruppen aus Frankreich abgeschoben wurden. Als Vertreter einer Minderheit, die keinen Staat und keine Regierung hat, zieht Romani Rose Parallelen zur Situation der Juden vor 1933:

"Es gibt jüdische Menschen, die manchmal in Diskussionen die Bedeutung des Staates Israel für die jüdischen Menschen in der Welt manchmal gar nicht einschätzen können. Man muss nur die Situation vergleichen zwischen Juden und Sinti und Roma. Wir erleben heute einen gewaltbereiten Rassismus, der sich in Ländern Ost-Europas zeigt, mit all den Toten. Und ich habe nie gesehen, dass man davon von deutscher Politik dagegen mal die Stimme erhoben hätte.

Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann werden wir einen ganz anderen Antisemitismus haben, einen gewaltbereiten Antisemitismus, weil es die Stimme des Staates nicht mehr gibt, der die Situation der Juden verkörpert. Und wir können das am besten repräsentieren".
Solange es Israel gibt, solange gibt es auch für unsere Minderheit die Sicherheit."

Für den israelischen Künstler Dani Karavan steht das Denkmal für das Recht der Fremden auf Leben und Würde. Und für Romani Rose soll das Kunstwerk neue Impulse im Kampf gegen den Anti-Ziganismus, aber auch gegen den Antisemitismus setzen.


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