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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.04.2012

Das Neue Palais als schönstes Exponat

Ausstellung "Friederisiko" in Potsdam

Von Winfried Sträter

Gäste und Förderer feiern vor dem Neuen Palais in Potsdam die Ausstellung "Friederisiko". (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Gäste und Förderer feiern vor dem Neuen Palais in Potsdam die Ausstellung "Friederisiko". (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Der Titel der Schau "Friederisiko" soll die Risikofreude des Preußenkönigs betonen. Sie präsentiert sich im von ihm entworfenen Neuen Palais und erzählt von seiner Ruhmsucht bis zum banalen Tageslauf. Es ist die wichtigste Friedrich-Ausstellung des Jahres.

Potsdam hat ein Problem. Genauer: Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hat ein Problem in Potsdam. Besucher aus aller Welt wollen Schloss Sanssouci sehen. Aber wer strebt ins Neue Palais? Sanssouci ist der touristische Inbegriff von Potsdam – durch seine exponierte Lage und seine Originalität unter den Prachtbauten europäischer Herrscher. Nur historisch besonders Interessierte nehmen den stolzen Repräsentationsbau am westlichen Ende des Parks wahr, der nach 1769 zunächst "Friedrichsruhe" hieß und heute Neues Palais.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (l.) mit Georg Friedrich Prinz von Preußen (M) und dessen Frau Sophie Prinzessin von Preußen die Bilder im blauen Kabinett der Potsdamer Ausstellung "Friederisiko. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (l.) mit Georg Friedrich Prinz von Preußen (M) und dessen Frau Sophie Prinzessin von Preußen in der Ausstellung. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)Das soll sich zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen nun ändern - mit einer Ausstellung, die ihresgleichen sucht. Denn die Ausstellung ist mehr als nur die Schau von Exponaten: Sie ist im Kern die Präsentation eines Hauses, das für sich ein phänomenales Exponat ist. Gebaut von 1763 bis 1769 als opulentes Siegeszeichen Friedrichs, nachdem er mit Glück und Geschick den Siebenjährigen Krieg erfolgreich überstanden hatte und Preußen zu einer europäischen Großmacht aufgestiegen war.

In diesem Haus (und in der alten Residenzstadt Potsdam mit ihren Preußenfans) den Großen darzustellen, den Sieger: Das hätte für die Ausstellungsmacher eine Versuchung sein können, aber zu dem Bau hätte es überhaupt nicht gepasst. Denn das Interessante an ihm ist, dass hier nicht ein Herrscher seine Macht zur Schau stellt, sondern ein filigranes Bild von sich entwirft. Mit der Erforschung des Neuen Palais sind die Ausstellungsmacher dem Mann auf die Spur gekommen, um den sich ihre Ausstellung dreht. Kurator Alfred Hagemann:

"Erst durch dieses nähere Kennenlernen dieses Hauses ist uns eigentlich immer deutlicher geworden, welch persönliches Objekt das Neue Palais ist: Es ist nicht das Ergebnis des Willens eines Künstlers, eines Architekten so sehr, sondern es ist der Wille Friedrichs, der hier bis in die Details, bis in die Lage der Türen und Treppen, bis in die Hängung der Gemälde alles durchdringt mit dem Ziel, uns eine Botschaft zu hinterlassen."

An diesem Erkenntnisprozess lassen die Ausstellungsmacher die Besucher teilhaben. Sie präsentieren Räume in ihrer originalen Gestalt - ein Drittel der Räume war seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglich – und sparsam, aber gezielt Exponate, mit denen man die sehr verschiedenen Seiten dieses Herrschers kennenlernen kann. 6000 qm Ausstellungsfläche – 72 Räume, ein 1,5 Kilometer langer Pfad für die Besucher: Es ist quantitativ – und qualitativ – eine große Ausstellung. 480 zusätzlich eingebrachte Exponate: Das ist eine vergleichsweise bescheidene Zahl, die aber nicht Ausdruck eines Mangels ist, sondern die Architektur der Ausstellung deutlich macht: Das wichtigste Exponat sei, so der wissenschaftliche Leiter des Ausstellungsteams, Jürgen Luh, das Neue Palais:

"Man kann eben von Friedrich die Ideen, was er denkt, aus den Räumen herauskristallisieren, und das ist das Interessante im Umgang mit dem Neuen Palais, und ich glaube, auf diese Art und Weise kommt man zu einem neuen, anderen, realistischen und unserer Zeit angebrachten Friedrich-Bild."

Eine großartige Idee: "Der Modeaffe". Damit beginnt der Rundgang – oder genauer: ein möglicher Rundgang, denn man kann an verschiedenen Stellen in die Ausstellung einsteigen und wird auch nicht auf einen bestimmten Gang gezwungen. "Der Modeaffe": ein Einakter, den Friedrich 1742 selbst verfasst hat. Über einen Erbonkel, der sich über die Modevernarrtheit seines Neffen ärgert. Eine höfische Komödie, in der Friedrich mit seiner eigenen Auseinandersetzung mit seinem Vater, dem Soldatenkönig, spielt, der ihm Vernarrtheit in Moden wie dem Flötenspiel vorwarf. Aber – geschrieben 1742, am Wendepunkt seines Lebens, als er die Seiten gewechselt hatte, König geworden war und nun den Ehrgeiz hatte, Ruhm zu erlangen. In mehreren Räumen sind Szenen des Stücks effektvoll mit Papierfiguren inszeniert und mit aufschlussreichen Kommentaren über Friedrich und seine Eigenarten versehen. Ein spielerischer Einstieg, der deutlich macht, wie entspannt sich diese Ausstellung dem Phänomen Friedrichs nähert. Jürgen Luh:

"Die Streitigkeiten – war Friedrich gut, war Friedrich böse, war er ein Kriegsherr, war er tolerant – all das, was Sie unter Widerspruch kennen, das versinkt so langsam, und man kann sich dem Menschen auf andere Weise nähern, man kann sich tatsächlich nicht nur der Figur, die historisch interpretiert wird, die historisch ausgenutzt wird, nähern, sondern man kommt ihm selbst auf die Schliche."

Die Ausstellung zeichnet nicht Friedrichs Werdegang nach, seine Kriege, seine aufgeklärten Korrespondenzen, seine Kartoffel-Mission – sie dreht sich vielmehr um Themen, die von seiner Ruhmsucht bis zum banalen Tageslauf reichen.

Jede Ausstellung braucht ihren Höhepunkt – diese hat ihn mit der Skulptur "Der nackte Voltaire" – eine Leihgabe aus dem Pariser Louvre, die Friedrichs Verhältnis zu dem Philosophen thematisiert, das im Streit endete, ohne eine direkte Entschuldigung Friedrichs, aber mit der Entschuldigungsgeste, indem Friedrich den Aufruf unterstützte, Voltaire zu Lebzeiten ein Denkmal zu setzen. Allein dies: die verstörend eindrucksvolle Skulptur Voltaires als nackter alter Mann im Neuen Palais: Das ist ein Ereignis.

Ärgerlich ist bei dieser Ausstellung eigentlich nur ein Mangel: Die Exponate enthalten keine erläuternden Schilder – das war leider in dem denkmalgeschützten Haus nicht möglich. Die Besucher müssen sich anhand der Begleitbroschüre orientieren.

Und es bleibt der etwas merkwürdige Titel: "Friederisiko". Ein mit einer PR-Firma erfundenes Wort, das Friedrichs Risikofreude ausdrücken soll – mit dem man aber nicht recht warm wird, auch nach dem Rundgang durch die Ausstellung nicht, die im übrigen ihrem Anspruch gerecht wird, die wichtigste Friedrichsausstellung dieses Jahres zu sein.

Links bei dradio.de:

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