Seit 18:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 18:00 Uhr Nachrichten
 
 

Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 02.06.2010

"Das Lied von den zwei Pferden"

Hans-Ulrich Pönack über ein bildgewaltiges Roadmovie über die Mongolei

Mit "Die Geschichte vom weinenden Kamel" wurde die junge Filmemacherin Byambasuren Davaa bekannt. In ihrem neuen Film begibt sie sich wieder in ihre Heimat Mongolei und zeigt eine einzigartige Naturlandschaft und deren fortwährende Zerstörung.

Deutschland 2009, Regie: Byambasuren Davaa, Hauptdarsteller: Urna
Chahar-Tugchi, Hicheengui Sambuu, Chimed Dolgor, 91 Minuten, ohne
Altersbeschränkung


Die 1971 in Ulaanbaatar in der Mongolei geborene Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin war von 1989 bis 1994 Moderatorin und Regieassistentin beim Mongolischen Fernsehen, studierte daneben Jura und begann 1998 ein Zweitstudium an der Hochschule für Filmkunst in ihrer Geburtsstadt.

Im Jahr 2000 ging sie nach Deutschland, wo sie ihr Studium an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in der Abteilung Dokumentarfilm fortsetzte. 2003 drehte sie, zum Vordiplom, gemeinsam mit dem italienischen Kameramann und Regisseur Luigi Falorni, den Film "Die Geschichte vom weinenden Kamel". Das in der Südmongolei, in der Wüste Gobi gedrehte 87-minütige Werk ist ein spielerisches Doku-Drama um das örtliche Hirten- und Nomadenleben, eingebettet in eine wahre Märchengeschichte um ein Albinokamelfohlen, das nach schwerer Geburt von der Mutter verstoßen wird und mit Hilfe eines alten Rituals doch noch von der Mutter angenommen wird. Der Film entpuppte sich als Überraschungserfolg, erreichte über 300.000 Kinozuschauer hierzulande, erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter eine "Oscar"-Nominierung in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm".

2005 drehte Byambasuren Davaa ihren Abschlussfilm an der HFF: "Die Höhle des gelben Hundes". Der für 600.000 Euro produzierte dokumentarische Spielfilm entstand erneut in ihrer mongolischen Heimat und gewährt tiefe Einblicke in den Glauben und den Alltag der dortigen Menschen. Der Film wurde von der Mongolei für die Auslands-"Oscar"-Nominierung eingereicht, fand bei uns knapp 300.000 Kinozuschauer und wurde 2006 – bei der Verleihung des "Deutschen Filmpreises" - mit der Auszeichnung als "Bester Kinder- und Jugendfilm" bedacht. Mittlerweile lebt Byambasuren Davaa in Deutschland.

In ihrem neuen Film begibt sie sich wieder in ihre Heimat, verlässt aber nun die Welt und Atmosphäre des mongolischen Nomadenlebens und blickt auf die gesellschaftliche und politische Realität ihres geteilten Heimatlandes. Blickt auf den Zwiespalt einer einzigartigen Naturlandschaft und auf die fortwährende Zerstörung derselben durch, vereinfacht gesagt, Industrialisierung, Beton und Müll - bewegt sich dabei aber im spirituellen "Seelen-Milieu". Sie stellt die charmante, resolute, aus der Mongolei stammende Sängerin Urna Chahar-Tugchi in den Mittelpunkt des Geschehens. Sie hat einst von ihrer Großmutter eine traditionelle Pferdekopfgeige geschenkt bekommen, die einst in den Wirren der Kulturrevolution zu Bruch ging. Lediglich der Hals und der Kopf des Instruments blieben erhalten. Darauf finden sich eingeritzt die ersten Zeilen eines alten mongolischen Volkslieds, "Die zwei Pferde des Dschingis Khan", dessen weiterer Text wie auch die Melodie selbst verschollen ist.

Aus Respekt vor ihrer Großmutter und um deren letzten Wunsch zu erfüllen, begibt sich Urna auf eine lange Reise durch das Land, auf der Suche nach Bewahrung und Erinnerung. Zu den (ungeteilten) Wurzeln ihres Volkes. Und um die Geige wiederherstellen zu lassen und um das Lied zu finden. Eine tiefe wie exotische Atmo-Tour: Natürlich ist es ein anderes Sehen, ein anderes Zusehen, Empfinden, Zuhören. Wir befinden uns im Lichtspiel der Ruhe. Der Magie. Der Begegnung mit Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis; erleben die Tradition und "das Moderne" in der Inneren wie in der Äußeren Mongolei. Und begleiten "dieses wunderbare Individuum" Urna auf ihrer "Schatzsuche", die sie schließlich ins Hinterland und zum Erfolg führt. Eine alte Frau, unglaublich altersschön (keine Schauspielerin, sondern eine "wahre" Sängerin: Chimed Dolgor), besitzt doch den Schlüssel zum Ursprung.

Was für eine wunderbare Entdeckung, was für eine magische Filmperle. Auf anderem Terrain als sonst üblich erdacht, angesiedelt, erlebt und erfühlt, sehr viel besonnener, natürlich unspektakulärer, ins tiefe Herz und den aufnahmebereiten Kopf schön und bewegend eintauchend. Der zwischen Magie, Poesie und "Heute" pendelnde Film ist ein ebenso spirituelles wie bildgewaltiges Road Movie (Kamera, der Holländer Martijn van Broekhuizen), dessen Seh-Kraft ebenso beeindruckt wie seine Seelen-Stärke, dessen spielerische wie dokumentarische Gedankengänge interessant sind, dessen Hauptakteurin ein authentischer Menschen-Schatz ist: Urna Chahar-Tugchi, weltweit bekannte "Ethno-Sängerin", die mit deutschem Pass in Kairo lebt ("Ich bin eine Reisende mit meiner Heimat in mir"), ist eine spannend-leise Vermittlerin zwischen den Kulturen und eine außerordentliche Persönlichkeit, der man gerne neugierig folgt und auf deren Musik man nun "CD-gespannt" ist. "Das Lied von den zwei Pferden" hinterlässt großes Interesse an einer unbekannten Region unserer Welt.

Im Abspann heißt es: "Mein besonderer Dank gilt Maestro Tsendijin Batchulum und seinem wunderbaren Pferdekopfgeigen-Ensemble. Einen Tag nach unseren Dreharbeiten kam es zu politischen Auseinandersetzungen in Ulaanbaatar. Alle Instrumente und Kostüme, die wir in diesem Film sehen, wurden dabei zerstört".

Filmhomepage

Filme der Woche

Neu im KinoAttraktive Chefin im tristen Büro
Der britische Schauspieler Nick Frost (dpa / picture alliance / Dan Himbrechts)

Bruce war drauf und dran, als 13-Jähriger die Salsa-Junioren-WM zu gewinnen. Dann hat er lange mit dem Tanzen nichts mehr am Hut - bis er eine neue Chefin bekommt. Um sie zu beeindrucken, fängt er wieder damit an.Mehr

Neu im KinoUnsterblich verliebte Todgeweihte
Schauspielerin Shailene Woodley, aufgenommen am 30. März 2014 in London. (picture alliance / dpa / Tal Cohen)

Die Jugendbuchverfilmung um die 16-jährige Hasel, die unheilbar an Schilddrüsenkrebs erkrankt ist, schafft, was schon der Romanvorlage gelang: unkonventionelle Charakterzeichnung und Herzkino ohne Gefühlsduselei.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur