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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.10.2013

Das Leid der Liebenden

Ingeborg Bachmann: "Malina", Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 480 Seiten, 10 Euro

Das Leben war für Ingeborg Bachmann nicht selten eine Qual. (AP Archiv)
Das Leben war für Ingeborg Bachmann nicht selten eine Qual. (AP Archiv)

Lesen und Liebe haben Ingeborg Bachmann einsam gemacht und ihr Werk geprägt. Auch ihr Roman "Malina" erzählt vom Leben als Qual. Zu ihrem 40. Todestag am 17. Oktober bringt der Suhrkamp Verlag den Roman erneut heraus.

Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" erschien erstmals am 17. März 1971 im Suhrkamp Verlag und ist der einzige zu Lebzeiten publizierte Text aus dem "Todesarten"-Zyklus. Bereits im ersten Jahr erlebte das Buch zwei Neuauflagen mit insgesamt 30.000 Exemplaren. "Malina" wurde ein Bestseller und eine absolute Herausforderung für die Kritiker, die sich, wie schon lange nicht mehr, zu positionieren hatten.

Während Marcel Reich-Ranicki "Malina" als "trübes Gewässer" mit "pseudophilosophischem Anspruch" bezeichnete, sprach Joachim Kaiser von einem aufregend-schönen, "antimodischen" Buch. Hans Mayer analysierte "Malina" hingegen als ein Kunstwerk, das kein schönes werden konnte "im unschönen Dasein".

In "Malina" gibt es drei Personen und Stimmen, die ineinander verwoben sind: Ivan, Malina und ein namenloses weibliches Ich. Erzählt wird die Geschichte, die keine ist, so Bachmann, von der Ich-Figur, die Schriftstellerin ist. Sie lebt mit Malina - ihrem männlichen Doppelgänger, einer Zwitterfigur, liebt aber Ivan. Doch ihre Liebe ist so leidenschaftlich, und sie selbst von der Utopie beseelt, jeden Moment als einen ekstatischen Zustand zu erfahren, dass Ivan dem nicht entsprechen kann.

Schreiben macht einsam

So bleibt nur die Kunst als Möglichkeit, um für die Absolutheit der Liebe eine Sprache und Form zu finden. "Schreiben ist solitär", so Bachmann, und führt, wie die Liebe, in die tiefste Einsamkeit. "Malina" sollte deshalb auch als eine "geistige, imaginäre Autobiographie" verstanden werden, geschrieben in einer Nachtexistenz.

In zahlreichen (Alb)Träumen, imaginären Dialogen, in fiktiven Telefonaten und anhand von Märchen und Legenden versucht das Ich zu verstehen, warum Liebe nicht möglich ist und das Leben eine ungeheuerliche Kränkung. Dabei fühlt es sich von einer omnipotenten Vaterfigur in wechselnden Kostümen im blutbeflecktem Schlächterschurz und rotem Henkersmantel, beherrscht, die das Ich immerzu vernichten will.

Jedes Verbrechen kann immer wieder passieren

In der traumatischen Gegenwärtigkeit des Romans klingt die Warnung an, dass alles jederzeit wieder passieren kann. Denn der Virus Verbrechen ist allgegenwärtig. Es ist nicht von Bedeutung, wann und wo, sondern dass eine Erfahrung gemacht wurde.

Es gibt "kein Maß für die Unzeiten", in die, "was niemals in der Zeit war, hineinspielt".
Zum 40. Todestag Ingeborg Bachmanns am 17. Oktober 2013 legt der Suhrkamp Verlag den Roman "Malina" in einer äußerst handlichen Version,10 mal 15 Zentimeter, vor. Die Ausgabe wird zudem von einem unveröffentlichten Text Elfriede Jelineks begleitet, den diese bereits 1983 für den "Spiegel" schrieb. Für sie ist Bachmann die erste Frau nach 1945, die mit "radikal poetischen Mitteln das Weiterwirken des Krieges, der Folter, der Vernichtung in der Gesellschaft" thematisiert hat. Man sollte, so Ingeborg Bachmann, "ein Buch auf verschiedene Arten lesen können und es heute anders lesen als morgen".

Besprochen von Carola Wiemers

Ingeborg Bachmann: Malina
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
480 Seiten, 10 Euro

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