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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.05.2013

Das Leben zwischen Bordellen und Kaschemmen

Hernán Rivera Letelier: "Die Liebestäuschung", Insel Verlag, Berlin 2013, 315 Seiten

Ein Meister fantasievoller Sexszenen: der Autor Hernán Rivera Letelier (picture alliance / dpa / Gattoni/Leemage)
Ein Meister fantasievoller Sexszenen: der Autor Hernán Rivera Letelier (picture alliance / dpa / Gattoni/Leemage)

Das harte Leben von Minenarbeitern, die leidenschaftliche Liebe einer Frau und ein Mordkomplott gegen den chilenischen Präsidenten: Das ist der Stoff des neuen Romans von Hernán Rivera Letelier. Ein opulentes und unterhaltsames Buch, das kluge Einblicke in Chiles Geschichte gibt.

Ein kleiner Ort in der chilenischen Atacamawüste: Sommer 1929. Der Präsident hat seinen Besuch angekündigt. Der bleibt nicht ohne Folgen. 40 Jahre hat der Ort Pampa Unión existiert. Das ist nicht wenig für eine kleine Stadt, die nie von der Regierung anerkannt wurde. In seinem Epilog schreibt der chilenische Autor:

"Übrig sind von ihm lediglich ein paar rostrote Mauergerippe, auf denen noch die Namen irgendwelcher Geschäfte und Kneipen stehen. Auf den Mauerresten entlang der Calle Larga, die in ihren besseren Zeiten als 'Straße der Huren' bekannt war, können die gelegentlichen Besucher noch einige der Gemälde bestaunen, mit denen die Bordelle seinerzeit die Wände ihrer Salons schmückten."

Anfang des 20. Jahrhunderts hat ein menschenfreundlicher Arzt hier ein Krankenhaus errichtet für die schwer schuftenden Arbeiter in den umliegenden Salpeterminen. Unter unmenschlichen Bedingungen müssen die Männer hier arbeiten, die Frauen dürfen nur in den mineneigenen Geschäften einkaufen – zu überteuerten Preisen.

Pampa Unión bietet am Wochenende dagegen alles, was das Herz begehrt. Hier können die Arbeiter sich amüsieren, saufen und huren, Waren aus aller Welt finden. Denn hier haben sich Glücksritter und Kaufleute angesiedelt, hier bemüht man sich – trotz der Bordelle und Kaschemmen – um ein respektables Sozialleben. Nicht zuletzt gibt es ein Kino, auf dessen Programm kulturell hochstehende Filme stehen. Begleitet werden Ende der Zwanzigerjahre diese Filmvorstellungen von einem schönen Fräulein, der Tochter eines – im Herzen – anarchistischen Friseurs.

Von dieser nicht mehr ganz jungen Frau und ihrer ungewöhnlich leidenschaftlichen Liebe erzählt der Roman vor allem. Sie wurde von Nonnen erzogen, passt eigentlich nicht so recht ins harte Wüstenleben und erlebt dann doch das, wovon eine anständige Frau nicht zu träumen wagt: Sex mit einem Unbekannten, unerhörte, alle Grenzen sprengende Leidenschaft mit einem zwielichtigen Musiker.

Letelier kann, was oft genug schief geht und klingt: gute Sexszenen schreiben. Er ist konkret und fantasievoll. Die reine Freude. Andererseits geht es aber auch und vor allem um die - zur Feier des Präsidentenbesuchs am 7. August 1929 neu gegründete Musikkapelle. Deren Mit-glieder, ihre Lebensgeschichten und Gelage, ihre Träume und ihre Trauer stehen ebenso im Zentrum dieses Romans, der opulent und unterhaltsam ist, der klug Einblicke gibt in die chilenische Geschichte. Wie der Friseur, der obwohl oder weil er sich als Revolutionär opfern und den gehassten Präsidenten beseitigen will, für ein grausames Ende aller Beteiligten sorgt. Dass es noch viel schrecklicher war, als der Autor sich das ausgedacht hat, davon erzählt er in seinem Epilog, der, auch wenn er nicht wahr sein sollte, sicher stimmt.

Besprochen von Manuela Reichart

Hernán Rivera Letelier: Die Liebestäuschung
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
Insel Verlag, Berlin 2013
315 Seiten, 19,95 Euro

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