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Das Konsumreich Peter Pans

Über die "Haben-Haben-Haben-Wollen"-Gesellschaft

Von Jacques Schuster

Der kapitalistische Konsumdruck leistet der Infantilisierung der Gesellschaft Vorschub, meint Jacques Schuster.
Der kapitalistische Konsumdruck leistet der Infantilisierung der Gesellschaft Vorschub, meint Jacques Schuster. (picture alliance / dpa / Arne Meyer)

Während unsere Lebenserwartung wächst, sinkt unser gefühltes Alter. Das ist zwar angenehm, hat aber auffällige Nebeneffekte: Der Jugendwahn war nur der Vorbote, inzwischen erleben wir eine regelrechte Infantilisierung quer durch alle Lebensbereiche, warnt der Journalist Jacques Schuster.

Am Wochenende kann man ihn am Berliner Kurfürstendamm erleben. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, mit seinen Inlineskatern rast er über den Boulevard, tanzt und singt dazu. Am Henriettenplatz nimmt er schließlich sein Basekap und die Sonnebrille ab und – siehe da – ein Mann tritt zutage, der längst das Kap der Reife umschifft hat. Über 60 wird der alte Junge sein. Ein Extrem? Mitnichten! Immer häufiger treten reifere Damen selig ihren Roller; mehr und mehr Männer - auch schon reich an Jahren - gehen auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn verzückt "Zelda" nach, einem Videospiel auch für Erwachsene.

"Ich will gar nicht groß werden", rief Peter Pan, als er ins Nimmerland floh. "Ich will immer ein kleiner Junge sein und meinen Spaß haben." Heute gibt es viele Peter Pans. Sie sind männlich und weiblich und haben sich Nimmerland in ihre Welt geholt. Man muss dabei gar nicht auf die "Botox-to-go"-Anzeigen verweisen oder an die Neigung vieler alter Mädchen erinnern, sich anzuziehen, als wäre die natürliche Verwitterung, die uns alle ereilt, ausgesetzt.

Es genügt schon, auf den Umgang der Menschen mit ihren Statussymbolen wie dem iPhone zu schauen. Mit ihm wird ständig gespielt. Auch sieht es immer wie neu aus, weil es immer auch neu ist. Gibt es ein moderneres Modell, ist das alte eben alt und taugt nicht mehr. Es ist die Macht der frühkindlichen Bedürfnisbefriedigung, der so viele Menschen erlegen sind. Das "Haben, haben, haben"-Wollen scheint das Motto großer Teile der Gesellschaft geworden zu sein, die sich an ihren Smartphones erfreuen wie das Baby am Schnuller in der oralen Phase.

Zum Erwachsensein gehört "die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Aufschub unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung", schrieb Neil Postman. Der amerikanische Gesellschaftskritiker stellte eine Tabelle der kindlichen Eigenschaften auf und setzte ihr die der Erwachsenen gegenüber. Für die Kinder stehe der Impuls, so Postman, für die Erwachsenen die Überlegung, für die Jungen das Gefühl, für die Älteren die Vernunft, für die Kids der Narzissmus, für die Oldies das Verantwortungsgefühl. Aber im Reich der nie endenden Adoleszenz gilt diese Unterscheidung nicht.

Woran liegt das? Der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber hält den Kapitalismus für den Auslöser. Der Druck, die eigenen Produkte loszuwerden, zwinge die Firmen dazu, unter den Menschen die Lust am Konsum zu wecken. Das mag sein, ist aber nicht alles. Die Kleinfamilie kommt hinzu. Sie schafft den Peter Pan! Besaß die Mehrheit der Deutschen früher zwei und mehr Kinder, so stehen dem Einzelkind in der immer älter werdenden Gesellschaft mit Vater, Mutter und zwei Großeltern heute sechs Erwachsene gegenüber, die den süßen Fratz mithilfe ausgefeilter Verwöhnexzesse in einen Haustyrannen verwandeln, der nicht altern will.

Schlimm daran ist: Der Infantilismus hat die Politik erreicht. Mit den Piraten gibt es eine Partei, die das "Haben, haben, haben"-Wollen zur Hauptforderung ihres Programms erhoben hat. Mal setzt es sich in dem Wunsch um, den öffentlichen Nahverkehr ohne Fahrschein zu nutzen, mal in dem Begehr, alles zu besitzen und über alles frei zu verfügen, was im Internet vorhanden ist, womit wir wieder in der oralen Phase des nach allem grapschenden Kleinkindes wären. Mithilfe der Piraten ist sie zum Politikum geworden. Unter diesen Bedingungen versteht man auch die Logik ihrer Parteimitglieder, das Wahlrecht ab zwölf Jahren zu fordern, genau wie die Attacken auf das Urheberrecht. Fremdes Eigentum war für Kinder noch nie ein Argument.

Bisher allerdings gab es Erwachsene, die ihnen erklärten, was "mein" und "dein" bedeutet. Doch vor der Masse der ewigen Jugendlichen scheinen selbst Brüssel und Berlin zurückzuweichen. Die Bundesregierung hat die Verabschiedung des Urheberrechtsabkommens ACTA nach Protesten der Jugend längst ausgesetzt. Und heute wird das Europaparlament das Abkommen aller Voraussicht nach ablehnen. Willkommen im schaurig-schönen Reich des Peter Pan!

Jacques Schuster, Historiker und Journalist, 1965 in Berlin geboren, studierte Geschichte und Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin. Von 1994 bis 1997 war er regelmäßiger Autor der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Süddeutschen Zeitung" und des "Tagesspiegels". Von 1998 bis 2006 leitete Schuster das Ressort Außenpolitik bei der "WELT", jetzt ist er Verantwortlicher Redakteur der "Literarischen Welt". 1996 erschien sein Buch "Heinrich Albertz – Ein Mann, der mehrere Leben lebt".



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