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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.05.2011

"Das ist hier schon ein heiliger Ort"

Regisseur Andreas Dresen schwärmt von den Filmfestspielen in Cannes

Regisseur Andreas Dresen in Cannes (picture alliance / dpa)
Regisseur Andreas Dresen in Cannes (picture alliance / dpa)

Nach der Premiere seines neuen Films "Halt auf freier Strecke" in Cannes schwärmt der deutsche Regisseur Andreas Dresen von den Filmfestspielen an der französischen Mittelmeerküste.

Joachim Scholl: Es ist sein zweiter Auftritt in Cannes, der deutsche Regisseur Andreas Dresen präsentiert nach seinem letzten großen und erfolgreichen Film "Wolke 9" ein neues Werk: "Halt auf freier Strecke". Das Thema des Films lässt keinen Menschen kalt, der nicht nur so in den Tag hinein lebt, sondern auch mal ans Ende denkt, und alle fürchten wir wohl genau diesen Moment, wenn der Arzt ein ernstes Gesicht macht und einem erklärt, es tut mir leid, Sie werden bald sterben. So ergeht es der Hauptfigur in Andreas Dresens Film, Diagnose Hirntumor, inoperabel. Was dann geschieht, davon erzählt "Halt auf freier Strecke". Im Studio in Cannes begrüße ich nun Andreas Dresen, guten Tag!

Andreas Dresen: Guten Tag, grüße Sie!

Scholl: Gestern war Premiere von "Halt auf freier Strecke". Wie hat denn das Festival-Publikum auf diesen harten Film reagiert?

Dresen: Also es war eine sehr schöne Premiere, es war sehr aufregend, weil der Film ist auch erst vor zwei Tagen fertig geworden. Wir waren Donnerstag früh noch in Berlin im Studio und haben die letzten Handgriffe gemacht, dann ging der Film am Freitag hier runter, und gestern dann die Vorführung. Es war große, atemberaubende Stille im Saal, wurde aber auch gelacht – der Film hat ja durchaus auch komische Momente –, und hinterher dann minutenlange Standing Ovations, das war schon was ganz, ganz Tolles, also erlebt man nicht alle Tage. Und die Leute im Kino und auch die, mit denen ich danach gesprochen habe, waren glaube ich sehr bewegt.

Scholl: Vor dieser Situation, die Frank, Ihre Hauptfigur, erlebt – gespielt von Milan Peschel –, davor graut sich jeder Mensch. Gleichzeitig hat das Kino das Thema des Sterbens schon oft aufgegriffen in dieser Form. Was hat Sie zu diesem Film bewegt, Herr Dresen?

Dresen: Mich hat vor allen Dingen interessiert, dass im Kino natürlich häufig und ausgiebig gestorben wird, und man aber leider ganz selten sieht, was es wirklich für die Beteiligten bedeutet. Der Tod inflationär ist kein Problem, da tut es auch nicht so weh. Aber mal genau hinzuschauen, und zwar ohne dramaturgische Ausflüchte, das war für uns das Interessante hierbei. Häufig werden ja in Filmen Todeskonstellationen benutzt als dramaturgisches Vehikel für eigentlich andere Geschichten, also die berühmte letzte Reise ans Meer, noch mal eine letzte Liebe, Konstellationen wie diese.

Bei uns ist ausschließlich das Thema, wie geht der Sterbende, wie geht seine Familie, seine Freunde, wie gehen seine Arbeitskollegen, wie gehen die damit eigentlich um? Was hat man für Ladehemmungen, wie schwer kommt man damit klar, sich einer schicksalhaften Fügung zu stellen? Und davon wollten wir so genau wie möglich erzählen, weil ich glaube, dass das ein Thema ist, was unbedingt ins Kino gehört.

Scholl: Genau wie möglich, sagen Sie, und vor allem ist in diesem Film ganz vieles echt. Es sind echte Ärzte, die da sprechen, echte Schwestern, die man sieht, es ist auch, wenn man so will, eine echte Diagnose in einem echten Ärztezimmer. War das wichtig, diese Authentizität?

Dresen: Na der Film kreuzt dadurch immer quasi ganz doll die Wirklichkeit, und durch diese wunderbaren Leute, diese wirklich teilweise großartigen Ärzte, die eine sehr schwere Arbeit machen, kam etwas in die Geschichte rein, was wir selber uns hätten schwer ausdenken können. Die bringen natürlich ihre gesamte Lebens- und Berufserfahrung mit und es ist sehr schwer, einem Schauspieler zu erklären, wie der Ton eines Arztes sein muss, der so eine Diagnose stellt. Der Arzt, der das in unserem Film tut, der muss das zwei-, dreimal die Woche schwererweise machen genau in genau diesem Zimmer, an genau diesem Schreibtisch. Er weiß natürlich, was er tut, und er weiß auch, mit welchen möglichen Reaktionen er konfrontiert ist. Und genau so führt er dieses Gespräch und es war für uns etwas ganz, ganz besonderes und hat uns natürlich auch sehr geholfen und uns auch immer wieder mit der Nase auf das zurückgestoßen, von dem wir eigentlich erzählen, und das auch wirklich ernst zu nehmen.

Scholl: Das heißt, Sie haben diese Szenen und diese Dialoge auch erst im Zusammenspiel mit den echten Darstellern und den Schauspielern erarbeitet?

Dresen: Ja, das muss man sich so vorstellen, dass wir eigentlich die Situation vorgegeben haben, aber es keine geschriebenen Dialoge gab. Also wir haben tatsächlich den Film improvisiert, die Schauspieler haben Situationen versucht auszufüllen und dabei die Worte zu finden. Und in dem Moment, wo dann Laien oder Leute aus Originalberufen dazukommen, bringen die natürlich ihre eigene Erfahrung mit und reden ihren eigenen Text, und die Schauspieler müssen reagieren. Und da bekommt man ganz häufig auch ganz wunderbare Dinge geschenkt.

Scholl: Trotzdem entwickelt ja der Film keine ... ja man könnte so sagen, so Todesmetaphysik. Also keine Gespräche über den Sinn des Lebens. Sind solche Dialoge oder solche Gespräche ja oft fast ein Klischee schon geworden. Aber im normalen Leben nicht?

Dresen: Das hängt vom Milieu ab. Bei uns spielt der Film in einem eher kleinbürgerlichen Milieu, der Mann, der diese Diagnose bekommt, arbeitet bei der Post in einem Paketverteilungszentrum, seine Frau Simone ist Straßenbahnfahrerin, sie haben sich gerade ein Häuschen am Stadtrand geleistet mit ihren beiden Kindern. Und das sind nicht unbedingt Menschen, die jetzt permanent reflektierend an ihre Wirklichkeit rangehen. Sie versuchen, sich der Situation zu stellen, und dann ist es natürlich auch so, dass die Geschwindigkeit der Vorgänge wenig Raum lässt. Also Frank stirbt innerhalb von drei Monaten und alle sind eigentlich mit den praktischen Dingen gefordert und teilweise überfordert. Und das gibt wenig Raum für metaphysische Dialoge, nach denen habe ich da aber auch nicht gesucht.

Scholl: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Andreas Dresen über seinen neuen Film "Halt auf freier Strecke", der in Cannes gestern Premiere feierte. Bei aller Härte entwickelt der Film durchaus Humor, Sie haben das vorhin schon erwähnt, da gibt es so eine Szene, wo der Tumor des Moribunden Frank bei Harald Schmidt in der Talkshow zu Gast ist, das ist so eine der Tagträumereien des Kranken. Ist das eine Art Galgenhumor, oder wie ist das entstanden?

Dresen: Na ja, das hat damit zu tun, dass es ärztliche Alternativtherapien gibt. Eine davon nennt sich Visualisierung, dass man versucht, sich seine Krankheit vorzustellen, optisch vorzustellen, und das ist im Prinzip so eine Phantasmagorie, wie Sie es richtig gesagt haben. Er versucht dann irgendwie, sich diese Krankheit vorzustellen, und hat einen Menschen plötzlich vor Augen. Und dieser Tumor als Bild begleitet ihn dann quasi bis zum Tod. Das ist natürlich auch ein Todesbild, das da entsteht. Und für uns hat dieser Auftritt die Möglichkeit gegeben, dem Film, wenn man so will, eine surreale Komponente zu geben. Also es wird zum Schluss hin natürlich auch eine Ebene eingezogen, die in gewisser Weise episch ist, die die naturalistische oder realistische Erzählung ein bisschen aufbricht. Frank führt auch so eine Art Videotagebuch mit seinem iPhone, wo er reflektiert. Und das gibt uns die Chance, je weiter der körperliche Verfall auch voranschreitet, ihn trotzdem noch lebendig bleiben zu lassen. In seiner Fantasie, in seinem Kopf kann er noch sprechen, ist er noch in der Welt und tut Dinge, die er in seinem Krankheitszustand eigentlich nicht mehr tun könnte. Und das fanden wir interessant.

Scholl: Sie haben auch bewusst auf Musik verzichtet in diesem Film. Zwischendurch greift Frank mal zur Gitarre. War das von vornherein Absicht, bloß keinen düsteren Soundtrack, der dann so alles mit Molltönen zukleistert?

Dresen: Na ja vor allen Dingen wollte ich nicht manipulieren und Musik Gefühle reindrücken in den Film, die aus der Situation selber besser entstehen sollen. Es war aber vor allen Dingen auch die Schwierigkeit, ich konnte mir ehrlich gesagt überhaupt keine Musik vorstellen für diese Geschichte. Ich habe mit dem Schnittmeister lange überlegt und wir beide lieben Musik, ich arbeite auch sehr gerne mit Musik, aber in diesem Fall, es kamen einfach nicht die Töne, wo wir dachten, das könnte zu dieser Geschichte passen. Und dann ist es dann so, dass man es dann lieber lässt, weil sonst rutscht man ganz schnell in eine ganz blöde, klischeehafte Geschichte rein und sentimentalisiert alles.

Scholl: Andreas Dresen, Sie jetzt wieder in Cannes, es ist das zweite Mal jetzt. Großer Glamour ist das Markenzeichen dieses Festivals, die Stars, der rote Teppich, die Paparazzi – drinnen der harte Stoff im Film. Wie ging das für Sie zusammen?

Dresen: Ja das ist ja hier irgendwie immer so. In einem Artikel neulich habe ich gelesen, da war vom umgekehrten Eskapismus die Rede von Cannes, dass sozusagen überall auf der Welt die Menschen ins Kino gehen, um die Tristesse des Alltags zu vergessen, und in Cannes rennen die Reichen und Schönen quasi von der Croisette in die düsteren Sozialdramen. Das ist ein bisschen auch hier so tatsächlich. Also im Kino selber ist das natürlich ganz anders als hier draußen auf der Straße, das ist hier schon in gewisser Weise ein heiliger Ort, wo sehr viele Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen, die Film sehr lieben, und dann spielt im Saal dieses ganze Glamouröse eigentlich überhaupt nicht die Rolle, sondern es ist dann eine ganz große Konzentration da auf das, was da gleich auf der Leinwand passieren wird. Also ich habe noch nie eigentlich so eine würdevolle Atmosphäre erlebt im Umgang mit Filmen wie hier. Also kaum hat man diesen Teppich und diese Straße verlassen.

Scholl: Beim letzten Mal haben Sie sich noch über die hohen Bierpreise beschwert, haben Sie sich dieses Mal ein bisschen mehr Taschengeld eingesteckt?

Dresen: Na ja, das bleibt nicht aus, das muss man, wenn man nach Cannes fährt, weil wie gesagt, hier kostet ein normales mittleres Bier 12 Euro, da kann einem der Durst schon vergehen, muss ich sagen, ich gehe dann lieber zur Tanke in die Vorstadt und hole mir da ein paar Büchsen.

Scholl: Ich hätte eigentlich gedacht, dass man so als eingeladener Prominenter sowieso immer alles bezahlt bekommt?

Dresen: Na ja momentan ist halt sowieso wenig Zeit zum Biertrinken, es ist ja doch ein Ort ... Ich komme hier auch gar nicht zum Filmegucken, man ist hier zum Arbeiten, ich bin vorgestern Abend hier angekommen, gestern lief der Film zweimal, dazwischen gibt es dann Pressetermine, abends haben wir natürlich mit dem Team zusammengesessen und gefeiert. Ansonsten ist man den ganzen Tag eigentlich damit beschäftigt, das zu tun, was ich jetzt gerade tue, Interviews zu geben, und da sollten man besser nicht allzu viel Bier getrunken haben. Können mir die Preise gerade nicht so viel anhaben!

Scholl: Andreas Dresen, wir wünschen noch schöne Tage in Cannes, herzlichen Dank, dass Sie sich für dieses Gespräch Zeit genommen haben!

Dresen: Ja, gerne!

Scholl: Der Film von Andreas Dresen heißt "Halt auf freier Strecke", gestern war Premiere auf dem Filmfestival in Cannes.


Links bei dradio.de:
Auftakt mit starken Frauen <br> Die ersten Wettbewerbsfilme in Cannes (DLF)
Filme gucken unter Palmen - 64. Filmfestspiele in Cannes

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