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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.03.2008

Das Internet als Stromfresser

Behrendt: Ökobilanz der IT-Technologien fällt negativ aus

Moderation: Katrin Heise

Die Platine eines Computer-Mainboards (Stock.XCHNG / Rodolfo Clix)
Die Platine eines Computer-Mainboards (Stock.XCHNG / Rodolfo Clix)

Wer im Internet surft, verschlechtert die Ökobilanz erheblich. Zu diesem Ergebnis kommt Siegfried Behrendt vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Ein Großteil des immensen Energieverbrauchs gehe auf die "archaische" Netzinfrastruktur zurück, insbesondere die Rechenzentren. Deren Wirkungsgrad sei relativ gering. Allein mit verbesserter Gebäudetechnik ergebe sich ein gewaltiges Einsparpotential.

Katrin Heise: Siegfried Behrendt ist vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT), und er hat zusammen mit seinem Institut und dem Bundesumweltministerium eine Broschüre zusammengestellt genau zu diesem Thema, die wird auf der CeBIT vorgestellt. Wir sprechen jetzt schon mit ihm. Ich begrüße Sie, Herr Behrendt!

Siegfried Behrendt: Ja, einen schönen guten Tag!

Heise: Wenn ich das jetzt mal auf mich persönlich, das, was wir eben gehört haben, noch mal runterbreche, wenn ich Sie jetzt beispielsweise per E-Mail eingeladen hätte und vorher mich im Internet über Sie, beispielsweise über Google, kundig gemacht hätte, wie wäre dann meine Ökobilanz?

Behrendt: Nun, das müsste man sicherlich mal genau ausrechnen. Aber grundsätzlich, jede Google-Anfrage ist mit einem Energieverbrauch, ist mit dem Freisetzen von Kohlendioxid verbunden. Im Durchschnitt kann man sagen, pro Google-Anfrage sind das rund zehn Watt, die Sie verbrauchen, an Leistung benötigen. Für jede eBay-Aktion brauchen Sie ebenfalls Strom und setzen rund 18 Gramm CO2 frei. Das heißt insgesamt, jede Aktivität, die mit dem Computer gemacht wird, die mit dem Internet verbunden ist, verbraucht Strom.

Heise: Sie haben mir vorhin noch etwas gesagt, nämlich, wenn ich meine Tageszeitung nicht in Papierform kaufe, sondern aus dem Internet runterlade, das ist ziemlich erheblich?

Behrendt: Ja, vor allen Dingen dann, wenn man nicht selektiv Informationen aus dem Netz holt, sondern eben ganze Texte und vor allen Dingen ganze Zeitungen herunterlädt. Wir haben das mal gemacht für den "Berliner Tagesspiegel". Ein PDF-Download eines "Tagesspiegels" vollständig würde im Grunde genommen so viel Strom benötigen, wie eine Waschmaschine fürs Waschen bei Waschen einer Waschmaschinenladung benötigen würde.

Heise: Das ist schon ziemlich erheblich. Aber ist die Herstellung einer Zeitung dann quasi ökologischer?

Behrendt: Nun, wir haben natürlich auch Vergleiche angestellt. Im Grunde kann man sagen, eine Zeitung gedruckt ist in dem Fall in der Tat ökologischer, um Größenordnungen ökologischer, verbraucht also weniger Energie. Sie ist dann nicht ökologischer, wenn man das Internet dazu nutzt, gezielt Informationen herauszunehmen, herunterzuladen. In dem Moment, wo man sich berieseln lässt, wo man viele Texte runterlädt, wo man ganze, große Texte herunterlädt, dann ist in der Tat die digitale Variante die ökologisch schlechtere.

Heise: Erzählen Sie uns doch oder erklären Sie uns noch mal, was der eigentliche Energieverbrauch ist. Das ist ja jetzt nicht unbedingt mein Computer, der den Strom aus der Steckdose da frisst und mein Bildschirm, sondern da steckt ja viel dahinter.

Behrendt: Ja, der Computer, mit dem wir direkt zu tun haben, wo wir natürlich wissen, dass der Strom verbraucht, ist nur der kleinere Teil, der große erhebliche Teil entsteht vor allen Dingen durch das Netz. Wir sind über die PCs miteinander vernetzt, über das Internet. Es gibt ein Rückgrat, und das ist die Netzinfrastruktur, bestehend vor allen Dingen aus Rechenzentren oder aus Basisstationen für die Mobilkommunikation. Diese Netze verbrauchen einen relativ großen Stromverbrauch.

Es sind vor allen Dingen die Rechenzentren, die zu den Hotspots geworden sind. Und man kann durchaus sagen, dass rund ein Drittel des Stromverbrauchs auf diese Rechenzentren entfällt. Hinzu kommt vor allen Dingen auch eben der schlechte Wirkungsgrad dieser Rechenzentren, wenn man das mal sich anschaut. Ich hab das auch einmal berechnet. Dann fällt allein die Hälfte des Energieverbrauches eines Rechenzentrums auf die Klimatisierung, auf die bauliche Infrastruktur. Nur 70 Prozent des davon noch vorhandenen Stroms kommt dann beim Server an. Und wenn man das mal weiter runterbricht auf die Prozessoren, dann kommt von diesem Teil des Stromverbrauchs noch mal 60 Prozent an. Und für die eigentliche Rechenleistung ist das noch ein Bruchteil, der übrigbleibt.

Das heißt, das Netz selber ist eigentlich recht archaisch. Das ist noch wenig effizient, und hier besteht auch ein erhebliches Potenzial, tatsächlich auch den Stromverbrauch zu reduzieren.

Heise: Da würde ich gerne gleich noch mal drauf eingehen. Ich würde aber ganz kurz noch mal bei dem Einzelnen vorm Bildschirm bleiben. Das heißt, wenn ich sparen will, bleibt mir eigentlich nur beispielsweise das Altbekannte, was mir immer gleich wieder einfällt, die Standby-Funktion nachts auszuschalten?

Behrendt: Na, das ist sicherlich nicht das Einzige, aber das ist schon mal eine ganz interessante Möglichkeit, Strom einzusparen. Gleichwohl auf den Einzelnen bezogen, ist das wenig. Ja, das sind nur wenige Watt Leistung, die hier dann eingespart werden. Aber eben, es sind viele Millionen Nutzer letztendlich in Deutschland, weltweit viele Hunderte von Millionen, die mit einer ähnlichen Infrastruktur, mit ähnlichen PCs, mit Servern und Routern ausgestattet sind, und die Summe macht es dann am Ende. Wenn man das mal auf Deutschland bezieht und sich den Standby-Verbrauch, nicht nur den PC, sondern all der vielen kleinen Geräte sich anschaut im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik, dann sind das immerhin 20 Terawattstunden, die hier benötigt werden, eine Leistung, größenordnungsmäßig Stromverbrauch Berlin. Oder anders ausgedrückt, man könnte durchaus zwei Atomkraftwerke abschalten, gelänge es, diesen Standby-Verbrauch auf Null zu reduzieren.

Heise: Das ist aber auch sehr interessant. Umweltschonende Computertechnologie, das Thema auf der CeBIT und bei uns hier im "Radiofeuilleton" mit Siegfried Behrendt vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Jetzt kommen wir mal zur großen Branche. Wie kann so ein Rechenzentrum sparen, das heißt Gebäudetechnik? Wenn Sie sagen Klima, ist es vor allem, müssen die an der Gebäudetechnik irgendwie was ändern?

Behrendt: Ja, das ist zunächst mal auch sicherlich Gebäudetechnik, Klimatisierung 50 Prozent. Insofern ist es zum Beispiel schon mal eine Frage der Abwärmenutzung. Momentan wird die Wärme abgeführt, sie ist damit verloren gegangen. Man könnte dadurch entsprechend Gebäude, auch Räumlichkeiten heizen damit. Es ist eine Frage der intelligenten Gebäudetechnik.

Aber es gibt weitere Ansätze. Ich denke hier an flexible Betriebskonzepte, die den Energiebedarf erheblich reduzieren helfen. Die Strategie heißt hier beispielsweise Virtualisierung, dass nicht nur für eine Anwendung ein Server zur Verfügung steht, sondern dass eben entsprechend die Server gepoolt werden, und auf diese Art und Weise verschiedene Anwendungen dann entsprechend hier gedeckt werden.

Heise: Das heißt, die sind im Moment gar nicht besonders ausgelastet?

Behrendt: Sie sind nicht ausgelastet. Auch hier ist der Wirkungsgrad in der Regel vergleichsweise gering, das ist natürlich sehr unterschiedlich, hängt von den Anwendungen ab. Aber auf diese Art und Weise lässt sich dann doch die Auslastung der Server erheblich steigern. Man kann auch durchaus weitergehen und sagen, jetzt, wenn man das mal als System betrachtet und nicht nur Rechenzentren hier und den Personalcomputer dort, sonst als System betrachtet, dann sind sogenannte Thin Clients, diese schlanken Kunden, durchaus eine interessante Lösung, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Das sind eben nicht die herkömmlichen PCs, die unterm Tisch stehen, sondern relativ kleine, schlanke Geräte, die einen erheblichen Teil ihrer Rechenleistung in das Netz verlegen. Und wenn dieses intelligent gestaltet ist, dann lässt sich eben aufgrund der dann geringeren Hardware auch entsprechend Strom einsparen.

Heise: Aber Sie würden wahrscheinlich doch nicht jetzt jedem raten, gleich sein altes Gerät zu entsorgen? Da haben wir ja gleich den nächsten Punkt. Wie entsorge ich eigentlich umweltverträglich, und was Neues anzuschaffen, das kann es doch auch nicht sein, denn da sind ja auch Folgekosten mit verbunden?

Behrendt: Ja, sicherlich. Man muss immer zwei Rechnungen aufmachen, die ökonomische, ob sich das überhaupt lohnt, dann seine Geräte auszutauschen, und die andere ist die ökologische. Da ist es sicherlich nicht so hier zu raten, aus diesen Energieeffizienzgründen gleich sein Gerät entsprechend auszumustern. Wobei man durchaus diese Berechnung anstellen kann. Da gibt es einen Punkt, wo man sagen würde, in einer Gesamtbilanz ist das möglicherweise sinnvoll, nach einigen Jahren sein altes Gerät auszutauschen, weil mittlerweile wesentlich effizientere Geräte auf dem Markt sind.

Heise: Und wohin dann damit?

Behrendt: Nun, das ist in Deutschland relativ klar geregelt.

Heise: Sind Sie damit zufrieden, mit dem Recycling?

Behrendt: Wir haben seit einigen Jahren ein Elektrogesetz, was uns danach verpflichtet, die Geräte entsprechend ordentlich zu entsorgen, sprich beim Händler zurückzugeben, bei den kommunalen Entsorgern abzugeben, dass die Geräte eben nicht mehr wie vor einigen Jahren noch auf die Mülldeponie kommen, in die Müllverbrennung, sondern entsprechend einem Recycling zugeführt werden.

Wenn Sie mich danach fragen, ob ich damit zufrieden bin, dann würde ich sagen: Nein. Das ist ein erhebliches Fortschritt gegenüber der früheren, ungeordneten Situation. Aber man muss sehen, dass doch die Sammelquoten und die Recyclingquoten relativ niedrig sind. Und zum anderen muss man auch sehen, dass momentan vor allen Dingen Masse auch recycelt wird.

Aber entscheidend ist vor allen Dingen auch, dass man künftig stärker Gewicht darauf legt, die sogenannten Funktionsmaterialien zu recyceln. Das sind die Stoffe, die man bislang wenig in Betracht gezogen hat. Bislang hat man sich mit Massenstoffen wie Kupfer und Kunststoffen im Wesentlichen beschäftigt. Künftig wird es vor allen Dingen auch darum gehen, eben das Silber, das Indium, Wismut, einen Großteil des Periodensystems der Elemente aus den Geräten herauszuholen. Warum? Weil das künftig die knappen Ressourcen sein werden.

Heise: Umweltschutz in der Informationstechnologie. Danke schön an Siegfried Behrendt für dieses Gespräch. Er hat zusammen mit seinem Institut für Zukunftsstudien und dem Bundesumweltministerium eine Broschüre herausgegeben, die im Rahmen der CeBIT vorgestellt wird.

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