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Signale / Archiv | Beitrag vom 19.03.2006

Das Innehalten

Wann ist ein Bürger wirklich frei?

Von Karlheinz A. Geißler

Studenten in Freiburg machen eine Auszeit - vor einer Skulptur von Aristoteles. (AP)
Studenten in Freiburg machen eine Auszeit - vor einer Skulptur von Aristoteles. (AP)

"Wer rastet der rostet." Ein dummer Spruch. Unzähligen Heranwachsenden ist er als Direktive und Mahnung zugleich aufgenötigt worden. Glücklicherweise haben diese ihn, als sie schließlich erwachsen waren, nicht allzu konsequent befolgt. Sonst gäbe es nämlich weder Gast- noch Rasthäuser und auch nirgends Parkplätze, Parkbänke und Parklandschaften.

Irgendwie scheint das Rasten doch auch ein unverzichtbarer Teil jener Hochgeschwindigkeitszivilisation zu sein, der wir tagein, tagaus die Ruhe, die Stille und die Bedächtigkeit opfern. Die neuerdings wieder auferstehenden Areale des Wartens, insbesondere in Großbahnhöfen, aber auch die den gut frequentierten Lounges an den Flughäfen signalisieren dies zumindest.

Das Innehalten, das erzwungene wie auch das freiwillige, scheinen immer noch genügend Attraktion zu haben, um in dessen Ermöglichung zu investieren. Warum würde sich ansonsten eine so große Zahl von Autofahrern besonders am Wochenende und zur Ferienzeit, wiederholt in den absehbaren, angekündigten Staus auf den Schnellstraßen begeben.

Innehalten ist eine notwendige und sehr beliebte Dehnungsfuge, um die unterschiedlichen Hochgeschwindigkeitsaktivitäten gehetzter Zeitsparer zu verbinden und sie doch gleichzeitig auch auseinander zu halten. Aufs Abbremsen kann und sollte man nicht verzichten.

Auch wenn die wenigsten Zeitgenossen Goethes tiefe Wahrheit gar nicht kennen, fühlen tun sie diese schon:

"Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott."

Mit erheblich weniger Folgebereitschaft kann der Weimarer Dichterfürst rechnen, wenn er behauptet, die Geduld sei die wichtigste, zumindest aber eine der besten Eigenschaften des Menschen.

Innehalten bedeutet, "gnädig" mit unserer eigenen Natur und mit jener um uns herum zu sein. Innehalten heißt, das von der Natur vorgegebene weder zu überrennen noch zu ignorieren. All jene, die versuchen, schneller als das Leben zu sein, schädigen letztlich nicht nur ihre eigene Natur, sondern, auch die ihrer Mitmenschen und sie schädigen darüber hinaus das sensible Gleichgewicht ihrer natürlichen Mitwelt.

Dort, wo die Rast, das Innehalten verboten, vernachlässigt oder unterschlagen wird, wächst das Zerstörungspotential. Eine friedliche Existenz ist gezwungenermaßen aufs Ausruhen, aufs Anhalten und aufs Abbremsen angewiesen. Friede ist langsam, Krieg ist schnell.

Innehalten ist die "Einheit von Moment und Dauer", ist die "Paradoxie des Augenblicks mit Ewigkeitswert" (Luhmann). In diesem lebendigen Zustand gewinnt man Zeit, weil man sie verliert und auch vergisst.

So, wie uns das ja täglich auch während der dunklen Seite des Tages widerfährt, im Schlaf. Regelmäßiges Innehalten, eingebettet in den Rhythmus von Helligkeit und Dunkelheit, ist ein fester, naturgegebener Bestandteil menschlicher Existenz. Es belegt nachdrücklich, dass der Mensch eben nicht, wie das Geld, zu ununterbrochener Mobilität und Aktivität bestimmt und auch nicht dazu geeignet ist.

Aber auch die lichte Seite des Tages bedarf gelebter und gepflegter Zeitoasen. Das bestechendste Argument dafür findet man bei Cicero:

"Mir scheint nämlich, selbst ein freier Bürger nicht wirklich frei zu sein, der nicht irgendwann auch einmal einfach innehält."

Es war die Frau des Archimedes, die, so überliefert es die Legende, genau um das schöpferische und innovative Potential des Innehaltens wusste. Sie drängte ihren rastlos denkenden Mann, den bekanntesten Mathematiker, Physiker und Konstrukteur des griechischen Altertums, anlässlich seines ununterbrochenen Sinnierens über die Methode des Echtheitsnachweises einer Goldkette, doch einmal innezuhalten. Sie riet ihm, eine Pause zu machen und diese zu einem Besuch der örtlichen Badeanstalt zu nutzen. Dort entdeckte Archimedes beim Eintauchen, dass der Wasserspiegel in der Wanne stieg, da sein Körper das Wasser verdrängte. In diesem Moment des Innehaltens war der entscheidende Impuls für die Lösung seines Problems gesetzt.

Das Innehalten kann daher als Entdecker des "archimedischen Prinzips" gelten. Was aber lernen wir daraus? Nur zu, und öfters mal Innehalten, es gibt noch vielerlei, das auf unsere Entdeckung wartet. Wenn wir nur ab und zu einmal abbremsen würden.


Karlheinz Geißler wurde 1944 in Deuerling/Oberpfalz geboren. Er studierte Philosophie, Ökonomie und Pädagogik in München. Seit 1975 Universitätsprofessor für Wirtschafts- und Sozialpädagogik an der Universität der Bundeswehr in München. Gastprofessuren u. a. in Linz, Bremen und Innsbruck. Karlheinz Geißler hat zahlreiche Bücher zum Thema "Zeit" publiziert, darunter "Zeit leben" (1997), "Zeit" (1998) und zum Thema Bildung "Der große Zwang zur kleinen Freiheit" (1998). Kürzlich erschienen ist das Buch "Wart mal schnell – Minima Temporalia", das auch als Hörbuch (Komplett-Media Verlag) vorliegt.

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