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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.12.2011

Das ewig neue Thema vom gerechten Regieren

Doppeleröffnung am Theater Meiningen mit William Shakespeare und Richard Wagner

Von Volker Trauth

William Shakespeare als Marmorplastik. Mit seiner Komödie "Maß für Maß" feierte das Theater Meiningen die Wiedereröffnung.  (picture alliance / dpa)
William Shakespeare als Marmorplastik. Mit seiner Komödie "Maß für Maß" feierte das Theater Meiningen die Wiedereröffnung. (picture alliance / dpa)

Das Theater Meinigen startete nach der Sanierung gleich mit zwei Stücken: Veit Güssow versetzte Shakespeares "Maß bei Maß" in die heutige Medienwelt - mit vielen unnötigen Zutaten. Schlüssiger inszenierte Ansgar Haag die Wagner-Oper "Das Liebesverbot".

Die Eröffnungsbeiträge des Theaters (Anfang Januar kommt noch Schillers "Jungfrau von Orleans" hinzu) knüpfen bewusst Verbindungen zur 180-jährigen Geschichte des Theaters. Da ist Shakespeare. Der Dramatiker war der meistgespielte Autor der berühmten "Meininger". Mit Inszenierungen Shakespeares zogen sie in die Welt - nach St. Petersburg, London und Chicago. "Maß für Maß" wurde allerdings nach dem Tod des "Theaterherzogs" im Jahre 1921 aufgeführt. Richard Wagner ist einer der Säulen des Spielplans gewesen. Im Foyer steht eine Büste des Komponisten neben der von Franz Grillparzer. In den vergangenen Jahrzehnten waren es Inszenierungen von Wagner-Opern, die den Ruf des Meininger Theaters begründeten: August Everdings "Meistersinger" und Christine Mielitz´ berühmt gewordener "Ring".

In beiden Stücken des Eröffnungswochenendes geht es um das ewig neue Thema vom "gerechten Regieren", das Spannungsverhältnis von Macht und Moral, von Recht und Gerechtigkeit. Sowohl bei Shakespeare als auch bei Wagner sind zum Aufhalten des Sittenverfalls schärfere Gesetze erlassen worden - beziehungsweise wird wie bei "Maß für Maß" die rigidere Durchsetzung bereits bestehender Gesetze beschlossen. Bei Shakespeare setzt im verlotterten Wien der Herzog Vincentio einen Statthalter (Angelo) ein, damit der die von ihm selbst nachlässig gehandhabten Gesetze rücksichtslos durchpeitscht. Weil er aber unerkannt in der Stadt bleibt, kann er das Schlimmste verhindern: die Hinrichtung des "sündigen" Claudio und die von Angelo erpresste Hingabe von dessen Schwester Isabella als Preis für die Begnadigung.

Bei Wagner, der das Geschehen in das von den Stauffern regierte Palermo verlegt, ist Friedrich der Statthalter, will die Liebesnacht mit Isabella erzwingen und wird vom rebellischen Volk demaskiert, wobei sich am Ende mit dem Aufmarsch einer Militärkapelle Vorboten einer Diktatur ankündigen. Die Meininger Theaterleute haben beide Textvorlagen (obwohl in ihrer Entstehung etwa 250 Jahre auseinander liegend) im Zusammenhang gesehen, gleichsam als Fortsetzungsgeschichte. Bei Shakespeare sehen sie die Gefährdung und Gerade-Noch-Rettung der Demokratie, bei Wagner das Zurückweichen der Demokratie vor der Diktatur. Diese Parallele zu veranschaulichen, haben sie für beide Inszenierungen eine sich ähnelnde Grundvariante des Bühnenbilds gewählt.

Mit seiner Inszenierung will Gastregisseur Veit Güssow die Shakespearekomödie in die gegenwärtige Medienwelt versetzen und beweisen, dass es in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit "kein funktionierendes Begriffspaar von Demokratie und Kapitalismus" gibt. Diese Vorgaben erweisen sich als ambitionierte Kopfgeburten und liefern den Schauspielern kaum "Fleisch" für ihre Rollengestaltung. Als unnötige Zutaten erweisen sich auch die vielen aktualisierenden O-Ton-Fetzen und Videoschnipsel. Aus dem Off erklingen pubertäre Verleumdungen im Rahmen des Cyberspace-Mobbings unter Jugendlichen, in deutsch und türkisch Fäkalienausdrücke und auf der Leinwand sehen wir Cem Özdemir oder Angela Merkel bei Wahlkampauftritten und zu Guttenberg sowie Koch-Merin bei Unschuldsbeteuerungen.

Der fatalste Missgriff aber ist die Umwandlung des Angelo in eine "Lord Angela", die sich von Isabella lesbische Liebesbeweise erpressen will. Anja Lenßen spielt diese Lord Angela als neunmalkluge Jungpolitikerin und verkündet vom Rednerpult beziehungsweise vom Schreibtisch aus unentwegt Herrschaftsparolen. Schauspielerführung findet kaum statt, jeder stirbt für sich allein. Lediglich wenn Lukas Spisser als zum Tode verurteilter Claudio seiner Schwester gegenüber die die von ihr verlangte Liebesnacht verweigert, um sein Leben ringt, beginnt so etwas wie Partnerspiel.

Von ungleich anderem künstlerischem Zuschnitt aber Ansgar Haags Inszenierung von Wagners "Liebesverbot". Wesentlich schlüssiger die Personenführung, genauer akzentuiert die Umschlagpunkte des szenischen Geschehens. Sängerdarstellerisch ragen Roland Hartmann als Polizeichef Brighella und Dae-Hee-Shin als Friedrich heraus. Hartmann zeigt mit kerniger Bass-Bariton-Stimme in jähem Bruch das Komödiantische der Commedia dell´ arte Figur Brighella und die Brutalität des Schlächters, und der in diesem Jahr für den "Faust" im Fach Solo-Gesang nominierte Dae-Hee-Shin besticht durch einen auf dem Punkt sitzenden stählernen Tenor.

Erfreulich, dass die 320 Arbeitsstellen, mit denen das Theater der größte Arbeitgeber der Stadt ist, zumindest bis zum Jahre 2016 gesichert scheinen - nachdem die Thüringische Landesregierung ihren Förderanteil bis auf 13,5 Millionen erhöht hat.

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