Kritik / Archiv /

Das Erstaunen der Welt

Olaf B. Rader: "Friedrich II. - Ein Sizilianer auf dem Kaiserthron. Eine Biografie". C.H. Beck Verlag München 2010, 592 Seiten

Aufgeschlagenes Buch
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Göttlicher Messias oder Teufel in Person. Die zeitgenössischen Meinungen über Kaiser Friedrich II. gingen weit auseinander. Der Historiker Rader geht einer der bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Geschichte akribisch nach und hinterfragt diese kritisch.

Seine Vorfahren waren Wikinger und Schwaben, aber er lebte auf Sizilien und in Süditalien: Kaiser Friedrich II., geboren am 26. Dezember 1194. Manche seiner Zeitgenossen hielten ihn für den Teufel in Person, andere für einen göttlichen Messias. Der Schweizer Historiker Jakob Burckhardt nannte ihn den "ersten modernen Menschen". Friedrich Nietzsche beschrieb ihn so: "Krieg mit dem Papst bis auf's Messer! Friede, Freundschaft mit dem Islam." Wer war dieser sagenumrankte Kaiser? Dieser Frage geht der Historiker Olaf B. Rader von der Humboldt-Universität und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in seinem neuen Buch "Friedrich II. – Ein Sizilianer auf dem Kaiserthron" nach.

Olaf B. Rader ist es gelungen, ein neues Standardwerk der Mittelalter-Forschung im Allgemeinen und der Forschung über Friedrich II. im Besonderen vorzulegen, die Forschung auf einen modernen Stand zu bringen, sie zusammenzufassen und Übersicht zu schaffen. Es war auch eine enorme Fleißarbeit, denn das Buch basiert auf einem großen Fundus an historischem Quellenmaterial, es hinterfragt kritisch-hermeneutisch, penibel und ausführlich.

Trotz seiner akribisch-detaillierten Wissenschaftlichkeit bietet "Friedrich II." über große Strecken auch für Nicht-Insider und Friedrich-Neueinsteiger eine Art populärwissenschaftliches Lesevergnügen, erzählt chronologisch und bietet der gelungenen Vereinfachung halber drei große Hauptthemen: "Herrschaften", "Feindschaften" und "Leidenschaften"; die drei Untertitel des Kapitels "Leidenschaften" zum Beispiel lauten: "Der Liebhaber", "Der Dichter" und "Der Falkner". Also ein Buch, das klar aufgebaut ist, sinnlich Neugierde weckt und Lust macht: die Kapitel beginnen stets szenisch-literarisch, folgen dem angelsächsischen Erzählstil.

"Friedrich II." beginnt zum Beispiel wie ein Zweiter-Weltkriegs-Thriller: "Pattons Panzer waren schnell. Einfach zu schnell in Palermo." Zu schnell in Palermo, als dass Hitlers Truppen noch den Sarkophag Friedrichs nach Deutschland hätten bringen können.

"Friedrich II." ist ein hervorragendes Sachbuch. Wünschenswert und notwendig wäre allerdings eine intensivere Aufarbeitung von Friedrichs Verbindungen zur arabischen bzw. muslimischen Welt gewesen, die Olaf B. Rader mehr antippt als ausführt. Gerade in diesem Punkt besteht geschichtswissenschaftlich ein enormer Nachholbedarf, inwieweit man Friedrich II. als den ersten großen Vermittler zwischen Christentum und Islam bezeichnen kann. Die Leibgarde Friedrichs bestand grundsätzlich nur aus Muslimen. Über seinen Hof kam das Wissen der arabischen Welt nach Europa: zum Beispiel moderne Mathematik und Astronomie.


Besprochen von Lutz Bunk

Olaf B. Rader: "Friedrich II. – Ein Sizilianer auf dem Kaiserthron – Eine Biografie"
C.H. Beck Verlag München 2010
592 Seiten, 29.95 Euro

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

RomanIhr Sohn lief offenen Auges ins Unglück

Ein Bildnis der Jungfrau Maria in de Sophienkathedrale in Kiew

Der Roman beruht auf einem Theaterstück am Broadway: "Mutter Jesu" erzählt die Geschichte ihres Sohnes aus ihrer Sicht. Es ist die Geschichte einer Mutter, die ihren Sohn nicht beschützen konnte.

BildbandBedrohte Primaten

Goldgelbe Löwenäffchen in ihrem Gehege im Heidelberger Zoo

In seinem umwerfenden Bildband zeigt der Fotograf Thomas Marent die nicht immer affentypischen Protagonisten innerhalb ihrer Lebenswelt: von winzigen Mausmakis über Brillenlanguren bis hin zu aggressiven Löwenäffchen.

SachbuchWunderwelt der Wahrnehmung

Das Ohr eines zwei Wochen alten Babys

Dass wir beim Gehen nicht dauernd auf die Nase fallen, verdanken wir Sinneszellen, die in den Muskeln präzise Messungen vornehmen. Solche und ähnliche erstaunliche Leistungen unserer Wahrnehmungsorgane erklärt das Buch "Biologie der Sinne".

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin