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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29.05.2013

Das Comeback riskanter Papiere

Schattenbanken in den USA

Von Heike Wipperfürth

Blick aufs Parkett der New Yorker Börse (AP)
Blick aufs Parkett der New Yorker Börse (AP)

Hochriskante Kredite, minimales Eigenkapital und enorme Summen fremden Geldes - genau diese Geschäftspolitik der Schattenbanken war es, die in den USA maßgeblich an der Entstehung der Finanzkrise beteiligt war. Jetzt feiert das Geschäft mit hochspekulativen Papieren ein Comeback.

New York, Tenth Avenue, ein Autohaus neben dem anderen. Jede große Marke ist an dieser Automeile vertreten. Hier ist der Kunde König - und kann auch ohne gute Bonität einen Autokredit aufnehmen, sagt dieser Autoverkäufer und: Wir helfen vielen kreditunwürdigen Kunden.

Vier Jahre nach der Insolvenz und Staatsübernahme des schwer angeschlagenen Autobauers General Motors werden in den USA wieder mehr zweitklassige Autokredite für Schuldner mit mangelhafter Bonität vergeben – mit einem Zinssatz bis zu 13 Prozent. Rund ein Viertel der Autoverkäufe im dritten Quartal des vorigen Jahres wurde mit Krediten für Kunden mit schlechter Kreditwürdigkeit finanziert - das sind drei Prozent mehr als zur gleichen Zeit.

Auch der Markt für verbriefte Autokredite, der während der Finanzkrise eingebrochen ist, hat sich inzwischen wieder erholt. So wurden mit Autokrediten besicherte Anleihen mit einem Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar in den ersten acht Monaten des vorigen Jahres an der Wall Street ausgegeben – ein neuer Rekord seit der Finanzkrise. Einer der Käufer? Google. Der Suchmaschinenbetreiber hat vor einigen Monaten Hunderte von Millionen Dollar in verbriefte Autokredite von Honda und Hyundai investiert. Experten überrascht das nicht.

"Es gibt viele Anzeichen dafür, dass sich der Markt wieder belebt. Zum Beispiel gab es mehrere Verbriefungen von Kreditkartenschulden. Wir können die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Das klassische Banking, das den Leuten so gut gefällt, gibt es einfach nicht mehr."

Schattenbanken als Feinde des Wohlstandes und florierender Märkte, die keinerlei Kontrolle unterliegen – so lautete nach der großen Finanzkrise in den USA der Vorwurf vieler Experten, die das hochspekulative Geschäft mit riskanten Papieren reguliert sehen wollten. Ein Vorwurf, den Dan Zwirn, früher Leiter eines ehemals milliardenschweren Hedge Fonds so nicht gelten lassen will.

"Die meisten Leute wissen doch gar nicht, wer reguliert wird und wer nicht. Wenn man keine Einlagen nimmt und nicht versichert ist, gilt man als Cowboy oder Heuschrecke. Aber das stimmt doch nicht. Meine alte Firma wurde reguliert – von der SEC, der FSA, der HMT, den einzelnen US Bundesstaaten – es hörte überhaupt mehr auf."

Wer Kishore Yalamanchili in seinem Büro über der Sixth Avenue in Manhattan bei einem der umstrittenen Hedge Fonds besuchen will, braucht sich nicht auf große Überraschungen gefasst zu machen. So anonym wie der karge Konferenzraum wirkt, so unpersönlich gibt sich auch der Finanzier. Er hat viel zu tun. Seine Aufgabe: Die verbrieften Hypothekenkredite im Portfolio zu überwachen und mit dem ehemaligen Giftmüll aus der Finanzkrise so viel Geld wie möglich zu verdienen.

"2012 war ein gutes Jahr für verbriefte private Wohnungshypotheken. Die Preise sind aufgrund der steigenden Immobilienpreise nach oben geklettert."

Bis 2011 war der promovierte Ingenieur ein leitender Angestellter bei Blackrock, mit einem verwalteten Vermögen von 3,7 Milliarden Dollar die größte Schattenbank der Welt. Auch jetzt ist er wieder im Schattenbankenmillieu aufgetaucht:

Bei Karya Capital, einem Hedge Fonds, der 500 Millionen Dollar verwaltet. Das Geschäft im Verborgenen blüht, sagt Kishore Yalamanchili.

"Auch konservative Geldmanager investieren wieder in diesen Sektor. Die Erträge, die sie anderswo erzielen können, sind so gering, dass sie auf Wertpapiere mit einer niedrigen Bonitätsbeurteilung zurückgreifen müssen, um höhere Erträge zu erzielen."

Keine Bankenlizenz, wenig Transparenz, kaum Kontrolle – Schattenbanken erlebten während der turbulenten Zeiten in der Finanzkrise einen tiefen Fall. Doch seit die Banken immer risikoscheuer werden und riskante Kredite aus ihren Büchern verbannen, blüht das unregulierte Geschäft mit Krediten wieder auf. Der Blick auf eine aktuelle Statistik genügt: Voriges Jahr wurde ein Viertel aller Finanztransaktionen weltweit in dem 67 Billionen Dollar schweren Schattenbankenmarkt abgewickelt. Und das ist erst der Anfang.

"Ich sehe mich als Kapitalgeber für Habenichtse – das ist eine große Marktchance. Ganz egal, ob es sich um Konsumenten oder Immobilien oder sonst etwas handelt – diejenigen, die alles haben, was sie brauchen, bekommen genug Angebote, um sich Geld zu borgen. Aber diejenigen, denen es nicht so gut geht, bekommen überhaupt keine Kredite. Ich will ihnen helfen."

Dan Zwirn weiß, wovon er spricht. Der 42-Jährige mit dem breiten Kreuz leitete einen zwölf Milliarden Dollar schweren Hedge Fonds mit 275 Angestellten. Er vergab Kredite an Firmen, die kein Geld von den Banken bekamen, zum Beispiel ein Krankenhaus in Italien, das seine Zulieferer nicht bezahlen konnte, und eine Glücksspielautomatenfirma in den USA.

Ein lukratives Geschäft: Sein Hedge Fonds verdiente zweistellige Renditen, und Zwirn wurde Multimillionär - bis das Unvorstellbare geschah. Sein Unternehmen geriet wegen eines Buchhaltervergehens beim Kauf eines Flugzeuges in das Visier der US Aufsichtsbehörde SEC - und musste schließen.

Fünf Jahre brauchte der "Harvard Business School"-Absolvent, um seine Unschuld zu beweisen - mit Erfolg. Nun will er noch einmal von vorne anfangen. Leicht fällt ihm das nicht.

"Ich habe Kredite verliehen, aber ich habe mir auch Geld geliehen, um sie zu finanzieren. Wir haben dem Krankenhaus in Italien ein Darlehen mit einem Zinssatz von 16 Prozent vergeben, mussten aber mit Verlusten und Eigenkapitalkosten und Betriebsausgaben leben. Wenn es immer schwieriger wird, die Kredite zu finanzieren, muss ich viel mehr Geld von den Kreditnehmern verlangen."

Kein Thema beherrscht die Branche derzeit so sehr wie eine strengere Regulierung – auch auf einer Verbriefungskonferenz im Pierre Hotel, einem Fünf-Sterne-Hotel an der 61. Strasse in Manhattan. Während sich die Teilnehmer an Kaffee und Kuchen laben, befasst sich der Redner mit einem Problem: Der uneinheitlichen Gesetzgebung in Europa und den USA. Sie würde die Durchführung von Transaktionen erschweren.

"Es gibt eine mangelnde Harmonisierung zwischen den amerikanischen und europäischen Aufsichtsbehörden. Das hat teurere Transaktionskosten zur Folge."

Dennoch sind Verbriefungen, in denen Banken massenhaft Kredite in Pakete bündeln, um sie an Investoren zu verkaufen, dank ihrer hohen Rendite wieder gefragt. Das beste Beispiel: Die 2012 aufgelegte 1,6 Milliarden Dollar schwere Anleihe der Pizzakette Dominos. Sie ist mit zukünftigen Einnahmen aus Franchise Verträgen besichert und wirft jährlich 5,3 Prozent ab – das ist wesentlich mehr als die Rendite der zehnjähren US Staatsanleihen von 1,7 Prozent.

Auch aus dem Studium auf Pump wollen immer mehr Investoren Kapital schlagen. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres wurden in den USA Studienkredite in der Höhe von 5,6 Milliarden Dollar vergeben – das ist dreimal so viel wie zur gleichen Zeit im Vorjahr.

Für Mike Moro sind diese Studienkredite ein attraktives Geschäft. Der Wertpapierhändler ist Mitarbeiter bei SecondMarket Holdings, einer außerbörslichen Handelsplattform in New York. Er freut sich riesig auf seine neue Aufgabe: Mit Studienkrediten besicherte Wertpapiere direkt an Investoren zu verkaufen.

"Sie bleiben ein interessantes Angebot für viele Anleger."

Ob das gut geht, wird sich zeigen. Denn 30 Prozent der Schuldner befinden sich bereits 90 Tage im Rückstand – das ist die höchste Ausfallsrate seit 2007. Weil die Studiengebühren gestiegen sind und es immer schwerer wird, nach dem Studienabschluss einen guten Job zu bekommen, warnen Experten bereits vor einer Blase, die demnächst platzen könnte.

Auch Beth Handson muss monatlich einen Betrag zur Rückzahlung ihres Studentenkredites überweisen – eine sichere Geldanlage für Anleger ist die 27-Jährige aber nicht. Die junge Amerikanerin aus dem US Bundesstaat Maryland arbeitet als Lehrerin und hat zwei Nebenjobs – doch die Zahlungen machen den Schuldenberg von 70.000 Dollar kaum kleiner.

"Wie alt war ich denn eigentlich, als ich meinen ersten Schuldschein unterschrieben habe. Siebzehn oder so? Lese ich in dem Alter wirklich alle Seiten eines Schuldscheins, um genau zu wissen, auf was ich mich einlasse?"

Gary Gorton ist ein Finanzprofessor an der Yale Universität in Connecticut. Der ehemalige Berater des gestrauchelten Versicherungsriesen AIG ist ein Befürworter der Schattenbanken, bezweifelt aber den Reformwillen der Politiker und der Branche, die er so gut kennt.

"Die neuen Regeln, die es seit der Finanzkrise in den USA gibt, sind nicht schlecht, haben sich aber nicht mit den Schattenbanken auseinandergesetzt. Keine der neuen Regeln setzt sich mit dem auseinander, was während der Krise passiert ist."

Im September dieses Jahres will das "Financial Stability Board" – das ist ein Gremium, das sich aus den Aufsichtsbehörden der wichtigsten Finanzplätze zusammensetzt - in St. Petersburg die internationalen Regulierungslücken des unkontrollierten Handels mit Krediten schließen – eine Aktion, die Gary Gorton aus ganzem Herzen unterstützt.

Vor allem aber verlangt er eine Reform der 2,6 Billionen Dollar schweren US Geldmarktfonds. Die Fonds sammeln das Geld der US-Kleinverleger ein und galten als so sicher wie Bankkonten – bis es zur Finanzkrise kam. Der 62 Milliarden Dollar schwere Reserve Primary Fonds hatte in wertlose Anleihen der zusammengebrochenen Investment Bank Lehman Brothers investiert – und musste schließen.

Es folgte eine Flucht der Anleger, die innerhalb kürzester Zeit 230 Milliarden Dollar aus Geldmarktfonds abzogen. Die US Regierung sah sich gezwungen, 4,4 Milliarden Dollar in 21 Fonds zu pumpen, um eine Panik zu verhindern. Warum? Die US Geldmarktfonds gelten als kurzfristige Großgeldgeber – auch Finanzfirmen und Unternehmen in Europa sind von ihnen abhängig und benötigen das Geld der US Fonds, um ihre laufenden Geschäfte zu finanzieren. Das ganze Finanzsystem war von der Panik bedroht.

Vorschläge zur Kontrolle der Geldmarktfonds gibt es reichlich. Heute müssen sie genauer anführen, wo sie investieren. Außerdem müssen sie mehr flüssige Geldreserven zur Verfügung stellen. Gary Gorton wünscht sich mehr Sicherheitspuffer und eine Einlagenversicherung für Geldmarktfonds, wie sie 1933 während der US Bankenkrise eingeführt wurde, damit es nicht wieder zu einer Flucht der Anleger kommt – doch dagegen sträuben sich die Lobbyisten der mächtigen Branche, sagt der Finanzexperte.

"Banken und Ökonomen haben sich gegen die Einführung einer Einlagenversicherung gewehrt. Sie haben davor gewarnt, dass Bankkunden höhere Gebühren bezahlen müssen. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es seit der Einführung der Einlagenversicherung vor 75 Jahren keine systemische Bankkrise mehr gab."

Während sich die Aufsichtsbehörden und Finanzexperten die Köpfe über neue Regeln zerbrechen, um die Schattenbanken an die Kandare zu nehmen, schlagen immer mehr Internetfirmen aus dem Mangel an klassischen Bankdarlehen Kapital.

"IBM, Google und Amazon – sie alle helfen ihren Kunden bei der Finanzierung. Sie kennen das Geschäft ihrer Kunden und können sie fragen, ob sie eine Bank haben, die ihnen hilft. Sollte das nicht der Fall sein, können sie einspringen und helfen. Sie sind mächtig genug, um frisches Kapital aufzutreiben."

Selbst die großen Einzelhändler Amerikas wollen mit den Banken konkurrieren. Der Konzern Home Depot zum Beispiel. Schlafzimmerlampen drei Meter hoch gestapelt, Abwaschbecken, Farbeimer und Rasenmäher soweit das Auge reicht, doch in der überdimensionalen Halle der Baumarktkette an der 23. Straße in Manhattan kann man auch eine Kreditkarte beantragen, seit das Unternehmen Kunden anlocken will, die sich ein neues Badezimmer oder den Ausbau des Wohnzimmers nur auf Pump genehmigen können.

Eine freundliche Verkäuferin steht hinter einem Tresen am Eingang, um Fragen zu beantworten. Sie kennt sich aus.

"Sie können den Antrag hier bei mir ausfüllen. Ich oder eine der Kassiererinnen dort drüben können es auch für Sie tun."

Neben ihr liegt auch eine Broschüre, die ein neues Angebot verkündet: Die Vergabe eines Kredits bis zu 40.000 Dollar. Ein Angebot für die rund 10 Millionen Familien in Amerika, die ohne Bankkonten leben und sich für eine Renovierung oder einen Anbau kein Geld leihen können. Die Verkäuferin kennt die genauen Konditionen noch nicht und bittet die Kunden, die Broschüre zu durchzublättern, um sich über Einzelheiten zu informieren.

"Es handelt sich um einen Kredit. Das ist neu. Wir bieten das erst seit ein paar Monaten an."

In der "Columbia Business School" schlurft die zukünftige Finanzwelt-Elite in Strickpullis und Mützen in ihre Vorlesungen. Der Finanzprofessor Patrick Bolton sitzt in seinem Büro und denkt nach. Wird das Reich der Schattenbanken weiterwachsen und noch mehr Einfluss auf die Finanzwelt ausüben?

Ja, sagt er, ganz bestimmt.

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