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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.01.2012

Das Böse in uns

Jussi Adler-Olsen: "Das Alphabethaus", Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012, 592 Seiten

Von Tobias Wenzel

Erfolgreich: der dänische Schriftsteller Jussi Adler-Olsen (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Erfolgreich: der dänische Schriftsteller Jussi Adler-Olsen (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Der Däne Jussi Adler-Olsen ist einer der vielgelesenen Gegenwartsautoren in Deutschland. Seine Thriller um den Sonderermittler Carl Mørck stürmen regelmäßig die "Spiegel"-Bestsellerliste. Nun erscheint auch sein Debütroman "Das Alphabethaus" in deutscher Übersetzung.

"Jetzt fahren wir auf der Autobahn von meinem Haus in Allerød dorthin, wo ich als Kind lebte. Für mich war das die Hölle!"

Jussi Adler-Olsen, kurze, graumelierte Haare und ein ebensolcher Bart, wache Augen, in denen sich seine Erzählfreude spiegelt, fährt in seinem schneeweißen Auto unter trist bewölktem Himmel. Voraus in der Ferne reißt die Wolkendecke langsam, aber sicher auf:

"Mein Vater war Psychiater und wir mussten ihm immer dorthin folgen, wo er eine neue Arbeit hatte. Zuvor hatten wir im Norden von Jütland gelebt, in der Stadt Brønderslev, quasi auf dem Land. Das war großartig. Und dann zogen wir plötzlich in diesen Vorort von Kopenhagen, in diesen Asphaltdschungel namens Brøndbyøster. Ich hatte nie davon gehört. Und am besten sollte auch niemand je davon hören, weil dieser Ort so langweilig ist!"

Hässliche Betongebäude hier und da. Der damals 13-jährige Jussi fühlte sich nur richtig wohl, wenn er die Natur im nah gelegenen Waldstück als Pfadfinder erkundete. Ansonsten scheint auch heute noch das Beste an Brøndbyøster der S-Bahnhof zu sein, über den man nach Kopenhagen entkommen kann. Auch die britischen Piloten und Freunde Bryan und James entkommen mit Hilfe der Bahn, in Jussi Adler-Olsens Debütroman "Das Alphabethaus". 1944 werden sie bei einem Aufklärungsflug von den Nazis abgeschossen und können sich in letzter Sekunde in einen Lazarettzug retten:

"James zwängte sich zwischen die beiden ersten Betten und beugte sich über den nächstliegenden Patienten, dessen Brustkorb sich fast unmerklich hob und senkte. Darauf drehte er sich um und legte das Ohr auf die Herzgegend des nächsten Patienten.

'Was zum Teufel machst du da, James!', protestierte Bryan so leise er konnte.

'Los, wir müssen einen finden, der es hinter sich hat, aber beeil dich!', sagte James, ohne ihn anzusehen, während er an Bryan vorbeiging.

'Willst du etwa, dass wir uns in die Betten legen?'"


Nur durch diese List überleben die beiden britischen Piloten. Aber noch wissen sie nicht, dass sie bald im sogenannten Alphabethaus, einem Sanatorium für Geisteskranke im Schwarzwald, landen. Der 61-jährige Adler-Olsen nähert sich derweil dem Altstadtkern von Brøndbyøster, in dem er bis zu seinem 20. Geburtstag lebte und seine Eltern bis zu deren Tod:

"Da ist ja ein großes Gerüst am Haus meiner Eltern angebracht! Die Kirche hat das Haus nämlich vor kurzem für den Priester gekauft und lässt es nun renovieren. Das passt! Meine Mutter und mein Vater waren nämlich ziemlich religiös. Meine Mutter hätte sich sehr über den Verkauf des Hauses an die Kirche gefreut. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sie ein wenig in den Priester verliebt war. Nach dem Tod meines Vaters sprach sie viel über den Priester, diesen netten Mann."

Auf grausame Männer stoßen dagegen Bryan und James im Roman "Das Alphabethaus". In diesem Sanatorium werden die Geisteskrankheiten kriegsunfähiger Deutscher nach für Laien unverständlichen Buchstabenkürzeln kategorisiert. Die beiden britischen Piloten haben nur eine Chance: Sie müssen sich krank stellen, um nicht aufzufliegen.

"Der Offizier blickte von den Papieren auf. Der Arzt trat hinter ihn, machte kehrt, nahm etwas vom Tisch und warf es Bryan ins Gesicht. Der riss vor Schmerzen die Augen auf. Das war alles so schnell gegangen, dass er sich nicht hatte schützen können, selbst wenn er es gewollt hätte.

Aber ansonsten verzog er keine Miene."


Nicht nur die beiden Briten kommen mit diesem Trick durch. Es scheint auch andere Simulanten zu geben. Die Methoden des Personals in diesem psychiatrischen Sanatorium sind allerdings brutal und sadistisch. Als kleiner Junge verbrachte Jussi Adler-Olsen viel Zeit in der psychiatrischen Klinik, in der sein Vater arbeitete, aß dort auch zu Mittag, wohnte da geradezu. Als ab Mitte der 50er-Jahre Psychopharmaka eingesetzt wurden, war es dem damals sechsjährigen Jungen möglich, mit den ruhig gestellten Patienten zu sprechen. Einen Patienten hatte er ganz besonders in sein Herz geschlossen:

"Er sagte zum Beispiel: 'Hej, Jussi, heute gibt es Frikadellen!', weil er wusste, dass ich sie so sehr mochte. Mein Vater sagte mir: Dieser Mann heißt Mørck. Er ist immer freundlich. Du kannst ihm vertrauen. Aber du musst wissen, dass er seine Frau umgebracht hat. Er war unglaublich traurig darüber, was er getan hatte, wurde krank und war fast wieder gesund, als ich ihm begegnete, aber er lebte bis zum Schluss in dieser psychiatrischen Klinik und starb dort."

In jedem Menschen ist das Gute und Böse angelegt, da ist sich Jussi Adler-Olsen sicher. Auch der britische Pilot Bryan scheint eine dunklere Seite zu haben. Er kann zwar aus dem Alphabethaus entkommen, lässt aber James zurück. Nur Pech für den einen und Glück für den anderen? Oder hätte Bryan nicht bleiben müssen, um seinen Freund zu befreien? Selbst in Jussi Adler-Olsens Thriller-Reihe um das Sonderdezernat Q. sind nicht alle, die man sympathisch findet, ohne finstre Fehler:

"Auch der Polizeibeamte Mørck hat eine böse Seite. In späteren Büchern der Reihe wird man das sehen. Aber diese böse Seite wird nicht am Schluss stehen, ganz sicher nicht!"

Jussi Adler-Olsen: Das Alphabethaus
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012
592 Seiten, 15,90 Euro

Service:

Im April wird Jussi Adler-Olsen in Deutschland aus dem Roman lesen. Und zwar:

20.4.2012, 20:00 Uhr, Eifel Festival in Bitburg
22.4.2012, 20:00 Uhr, Freiburg

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