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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.10.2010

Das Axolotl und die kriminellen Kleinunternehmer

Carlos Busqued: "Unter dieser furchterregenden Sonne". Kunstmann Verlag, München 2010. 192 Seiten

Das Axolotl spielt in diesem Buch nur eine Nebenrolle. (MPI-CBG)
Das Axolotl spielt in diesem Buch nur eine Nebenrolle. (MPI-CBG)

Certati verbringt seine Zeit kiffend vor dem Fernseher. Eines Tages soll er in sein Heimatdorf zurückkehren, wo er die Leichen seines Bruders und seiner Mutter identifizieren soll, die erschossen wurden. Dort gerät er an einen zwielichtigen Kleinkriminellen.

Kiffer sind selten sonderlich unterhaltsame Zeitgenossen. Und doch taugen sie, taugt ein Marihuana-Freund namens Certati wenigstens zum Helden eines überaus spannenden und ausgesprochen kunstvollen Romans. "Unter dieser furchterregenden Sonne" heißt er, und es ist der Debütroman des 1970 in der nordargentinischen Provinz Chaco geborenen Carlos Busqued.

Im Chaco spielt auch ein Teil der Handlung, und allein die Beschreibung der trostlosen Landschaft genügt schon, damit man sich an Mexiko erinnert fühlt, an die apokalyptische Welt, wie sie Roberto Bolaño so eindrucksvoll in "2666" beschrieben hat. Denn auch im Chaco sind Entführungen, Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung, auch im Chaco scheint der Staat machtlos angesichts der Skrupellosigkeit der Drogenhändler und Bandenführer.

Das erfährt Certati recht bald. Er ist hergekommen, weil seine Mutter und sein Bruder ermordet wurden und er sich um die Beerdigung kümmern muss. Bei den Formalitäten hilft ihm ein freundlicher, aber doch irgendwie zwielichtiger Mann namens Duarte. Dieser Duarte ist, gemeinsam mit dem jungen Danielito, einer jener kriminellen Kleinunternehmer, die von der Polizei recht ungestört ihren Geschäften nachgehen. Entführung ist Duartes Hauptgeschäft; zur Entspannung baut er Modellflugzeuge, während als Hintergrundgeräusch Snuff-Videos laufen.

Man würde diese unfassliche Verrohtheit für überzeichnet halten und sie trotz aller Brutalität als literarisch wenig aufregend empfinden. Carlos Busqued aber hat geschickt eine zweite Ebene in seinen Roman eingezogen. Wenn seine Figuren schon nicht an ihrem Tun zweifeln, so ahnen sie doch, dass es ein Leben fern von Drogen, Mord und Vergewaltigung geben muss. Es ist, für Certati und Danielito wenigstens, das Leben der Tiere.

Stundenlang schauen die beiden Sendungen im Discovery Channel. Vor allem Kalmare haben es ihnen angetan. Aber auch eine Menge anderer Tiere spielt in "Unter dieser furchterregenden Sonne" eine wichtige Rolle: Käfer, Hunde, Elefanten, Kakerlaken, Schlangen, Fische und sogar ein Axolotl.

Um ein solches inzwischen auch in Deutschland wohlbekanntes Axolotl kümmert sich Certati, als er die Wohnung seines Bruders übernimmt. Stundenland schaut er abwechselnd auf den Fernseher und das kleine großäugige Tier. Es ist, als würde er in diesen Augen das Tor zu einer anderen, besseren Welt vermuten, als wären die Tiere überhaupt die letzte Hoffnung der sich selbst zerstörenden Menschheit.

Aber nicht nur das Tiermotiv wird von Busqued klug eingesetzt, sein Roman ist überhaupt großartig komponiert: Auf gerade einmal 189 Seiten tummeln sich 41 Kapitel. Arrangiert ist das Ganze wie ein rhythmisch ausgefeiltes und doch mit hinreißender Leichtigkeit aufgeführtes Stück moderner Musik. Oder auch wie ein Gemälde, in dem jedes Detail mit dem Ganzen in Verbindung steht. Allein "unter dieser furchterregenden Sonne" rechtfertigt den Buchmesseschwerpunkt Argentinien.

Besprochen von Tobias Lehmkuhl

Carlos Busqued: Unter dieser furchterregenden Sonne
Übersetzt von Dagmar Ploetz
Kunstmann Verlag, München 2010
192 Seiten, 17,90 Euro

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