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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.03.2009

Das älteste Manuskript des Neuen Testaments

Codex Sinaiticus in Leipzig

Von Ralf Geißler

Blick auf die älteste Bibel der Welt, den Codex Sinaiticus, gezeigt in der  British Library in London. (AP Archiv)
Blick auf die älteste Bibel der Welt, den Codex Sinaiticus, gezeigt in der British Library in London. (AP Archiv)

Die Universität Leipzig wird in diesem Jahr 600 Jahre alt. Und aus diesem Anlass holt sie ihre wertvollsten Schätze aus den Tresoren des Archivs und der Bibliothek. In einer Ausstellung sind Handschriften zu sehen, deren Wert kaum zu beziffern ist. Darunter ist auch der Codex Sinaiticus - die älteste erhaltene Bibel der Welt.

Die Mönche haben keine Kosten gescheut. Damals im Jahr 350. Sie nahmen das beste Pergament – aus der Haut ganz junger Kälber. Und dann schrieben sie darauf mit Eisengallus-Tinte in großen majestätischen Buchstaben die Heilige Schrift. Auf Griechisch. Schnörkellos und ohne Verzierungen. Schlicht und doch anmutig. Heute trägt ihr Werk den Namen Codex Sinaiticus und ist die älteste erhaltene Bibelausgabe der Welt.

"Der Codex Sinaiticus ist heute überliefert in etwas mehr als 400 Blättern. Es ist nicht nur vom Text her gesehen eine besonders bemerkenswerte Angelegenheit, weil es eben das erste Mal vollständig das neue Testament enthält, sondern es handelt sich auch um eines der ersten Bücher überhaupt. Ein sogenannter Codex ist eben ein gebundenes Buch. Nicht mehr eine Rolle."

Ulrich Johannes Schneider ist Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig. In seinem Archiv liegen 43 Blätter dieser ältesten Bibel-Ausgabe. Sie werden fast immer unter Verschluss gehalten – im Dunkeln bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Doch aus Anlass des 600-jährigen Universitätsjubiläums präsentiert Schneider zwei Seiten des Codex Sinaiticus im Rahmen einer Ausstellung über alte Handschriften.

"Die Ausstellung 'Ein Kosmos des Wissens' zeigt über 70 verschiedene Exponate aus der großen Wissenswelt der Universität. Es sind durchweg einmalige Dinge, die zu sehen sind. Also wirklich absolute Raritäten. Darunter auch weltweit einmalige Kostbarkeiten."

Wie fast alle dieser Kostbarkeiten gelangte auch der Codex Sinaiticus durch weit gereiste Gelehrte an die Universität Leipzig. Der evangelische Theologe Konstantin Tischendorf besuchte im 19. Jahrhundert mehrfach den Orient – besessen von der Idee, die älteste Bibel zu finden. Im Katharinenkloster am Berg Sinai entdeckte Tischendorf 1844 tatsächlich in einem Bastkorb jene Fragmente, die heute in Leipzig liegen.

"Damals haben ihm die Mönche 43 Blätter übergeben, geschenkt. Er ist dann noch mehrfach hingefahren und hat am Ende eine große Menge desselben Manuskripts mitgenommen. Ob das ein Geschenk war oder ein Verkauf war, darüber gibt es strittige Versionen."

Fest steht nur, dass die Mönche weitere Blätter der Handschrift erst nach zähen Verhandlungen herausrückten. Diesmal gab Tischendorf die Seiten aber nicht der Universität Leipzig, sondern dem Zar in Sankt Petersburg. Heute ist das wertvolle Buch in vier Teile zerrissen. Außer in Leipzig und Sankt Petersburg liegen die meisten Blätter in London. Nur einige wenige Seiten verblieben im Katharinenkloster am Berg Sinai. Dort sind die Mönche darüber nicht glücklich, sagt Pater Justin.

"Wir haben die Aufteilung immer bedauert. Und natürlich fänden wir es gut, wenn wir das Manuskript komplett zurückbekämen. Aber gleichzeitig hat die Geschichte Verbindungen geschaffen. Verbindungen zwischen unserem Kloster und den anderen Einrichtungen. Und ich finde es bemerkenswert, dass wir nun kooperieren. Vielleicht schaffen wir ja ein Symbol, indem wir zeigen, was man erreichen kann, wenn man seine Meinungsverschiedenheiten beiseite legt, um wichtigere Ziele zu erreichen."

Das griechisch-orthodoxe Kloster und die drei anderen Aufbewahrungsorte lassen den Codex Sinaiticus derzeit aufwändig fotografieren. Im Internet soll die älteste Bibelhandschrift spätestens im Juli wieder als Gesamtwerk erscheinen. Jeder kann dann online darin blättern. Eine Veröffentlichung im Netz ist auch für eine weitere Handschrift geplant, die seit heute in der Leipziger Ausstellung "Ein Kosmos des Wissens" in Teilen gezeigt wird – für den Papyrus Ebers. Bibliotheksdirektor Schneider:

"Das sind 800 Rezepte aus der Zeit 1600 vor Christus. Das ist sozusagen eine medizinische Handschrift. Die umfangreichste, die aus dieser Zeit überhaupt überliefert ist. Wenn man die ursprüngliche Rolle betrachtet, die aus konservatorischen Gründen zerschnitten ist, so kommt man auf eine Länge von 16 Metern. Das ist ein in Spalten geschriebener Text, wo Krankheitsbeschreibungen mit Rezepten aufgeführt sind."

Der Papyrus wurde 1873 in Luxor vom Leipziger Ägyptologen Georg Ebers erworben. Zu lesen sind darin in roter und schwarzer Schrift Ratschläge bei Verletzungen, Tipps gegen Schmerzen, Hinweise zur Empfängnisverhütung – und Zaubersprüche.

"Also ich selber habe mich schon für das Rezept gegen Haarausfall interessiert. Allerdings sind die Mixturen dort etwas unsicher und die verschiedenen Pflanzen auch nicht mehr existent, die man dazu kochen müsste. Also ich gebe dann die Hoffnung auf."

Viele der empfohlenen Rezepturen lassen sich heute nicht mehr eindeutig übersetzen. Auch für Laien verständlich ist dagegen ein Brief von Albert Einstein, den die Universitätsbibliothek ebenfalls ausstellt. Das Dokument ist zwar nicht so wertvoll wie die Papyri aus Ägypten, doch es dokumentiert die vielleicht größte vertane Chance der Hochschule. Es ist ein Stellengesuch des jungen Einstein. Die Universität schickte dem Physiker damals eine Absage.

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