Kritik / Archiv /

"Crossing California"

Debütroman von Adam Langer

Rezensiert von Tobias Rapp

Adam Langer: Crossing California
Adam Langer: Crossing California (Rowohl Verlag)

Der Titel ist irreführend: "Crossing California", der Debütroman des amerikanischen Autoren Adam Langer, hat nichts mit der Westküste der USA zu tun. Die Hauptstraße von West Rogers Park, einem Viertel von Chicago, heißt California Avenue und sie ist es, die die Romanhandlung zusammenhält.

Tatsächlich hat Langer sie zu Recht in den Titel gehoben, denn in der Tradition von so großen Vorläufern wie "Berlin Alexanderplatz" ist dieses Buch vor allem eines: ein grandioses Portrait eines Stadtviertels, seiner Bewohner und ihrer Sorgen und Nöte, Freuden und Ängste, Beziehungen und Träume.

Drei Familien stehen im Mittelpunkt, die stellvertretend für die jüdisch-afro-amerikanische Bevölkerung von West Rogers das Viertel repräsentieren. Die Wasserstroms aus dem jüdischen Kleinbürgertum, die Rovners aus dem gehobenen jüdischen Bürgertum und Deirdre Wills, die Tochter eines schwarzen Bluesmusikers mit ihrem Sohn Muley. Um diese Zentren herum gruppieren sich noch gut zwei dutzend Charaktere. Es ist kaum möglich, die Handlung dieses komplex geschachtelten Episodenroman nach zu erzählen: Es beginnt am 4. November 1979, dem Tag als in der US-Botschaft von Teheran 70 Geiseln genommen werden. Langer fängt sein Buch in dem Augenblick an, als die kleine Jill Wasserstrom nach Hause geht und sich überlegt, ob sie behaupten soll, mit Muley Wills herumgeknutscht zu haben - von hier aus entfaltet sich das riesige Panorama eines amerikanischen Stadtviertels in den letzten Tagen der Carter-Präsidentschaft. Die chaotisch-liebenswerten Siebziger neigen sich dem Ende zu, die neoliberale Reagan-Ära kündigt sich an.
Anders als die Autoren der anderen great american novels der vergangenen Jahre weigert sich Langer, die Zentralperspektive des großen Familienromans einzunehmen. Wo Autoren wie Franzen, Eugenidis oder Lethem einen vertikalen Schnitt machten, erzählt Langer horizontal. Dinge passieren gleichzeitig, Lebenslinien überschneiden sich, um wieder auseinander zu gehen. Kapitelweise hangelt Langer sich an den Wegen entlang, die seine Protagonisten in ihrem Viertel zurücklegen, lässt sich ihre Wege kreuzen.

Das einzige, was man gegen diesen großen Roman einwenden könnte, ist seine formale Klammer. Langer führt "California Crossing" parallel zu den 444 Tagen, die das Teheraner Geiseldrama dauert, ohne dies wirklich inhaltlich begründen zu können, Politik im engeren Sinne spielt im Roman keine Rolle. Doch dies zu bemängeln, bedeutet Mäkeln auf allerhöchstem Niveau.

Adam Langer: Crossing California
Übersetzt von Christa Krüger und Grete Osterwald
Rowohl Verlag, Reinbek 2005
590 Seiten
24,90 Euro

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

SachbuchWarum alle Wege nach Rom führen

Rom und seine Prachtbauten waren beispielgebend für den Städtebau in den neu eroberten Gebieten des Imperiums. Neben den "Kopien" in den Provinzen widmet sich Paul Zanker vor allem auch der spannenden römischen Stadtgeschichte.

Science-FictionAm Wochenende nach der Apokalypse

Colson Whitehead gelingt der Science-Fiction-Kick: die mythische Überhöhung des Alltäglich-Banalen.

Das Buch von Colson Whitehead "Zone One" spielt in Manhattan. Es ist eine Kombination aus Science-Fiction und Zombie-Roman, in der alle Katastrophenszenarien vorkommen, die uns beunruhigen.

BelletristikStudien über die Sinnsuche und Sehnsüchte

Blick über eine durch Dauerfrost (Permafrost) gezeichnete Landschaft auf der zur Russland gehörenden Bolschewik Insel, während im Vordergrund noch Packeis herrscht ist im Hintergrund die Landschaft schon aufgetaut und schlammig.  

An 14 Orte und durch menschliche Seelen reist Ilma Rakusa im Roman, und trägt einiges an Träumen, Schicksalen und Verlusten zusammen. So auch eine heimatverbundene Geigenspielerin in Ungarn und hoffnungslose Russen im Dauerfrost.

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin