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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.04.2005

"Crossing California"

Debütroman von Adam Langer

Rezensiert von Tobias Rapp

Adam Langer: Crossing California
Adam Langer: Crossing California (Rowohl Verlag)

Der Titel ist irreführend: "Crossing California", der Debütroman des amerikanischen Autoren Adam Langer, hat nichts mit der Westküste der USA zu tun. Die Hauptstraße von West Rogers Park, einem Viertel von Chicago, heißt California Avenue und sie ist es, die die Romanhandlung zusammenhält.

Tatsächlich hat Langer sie zu Recht in den Titel gehoben, denn in der Tradition von so großen Vorläufern wie "Berlin Alexanderplatz" ist dieses Buch vor allem eines: ein grandioses Portrait eines Stadtviertels, seiner Bewohner und ihrer Sorgen und Nöte, Freuden und Ängste, Beziehungen und Träume.

Drei Familien stehen im Mittelpunkt, die stellvertretend für die jüdisch-afro-amerikanische Bevölkerung von West Rogers das Viertel repräsentieren. Die Wasserstroms aus dem jüdischen Kleinbürgertum, die Rovners aus dem gehobenen jüdischen Bürgertum und Deirdre Wills, die Tochter eines schwarzen Bluesmusikers mit ihrem Sohn Muley. Um diese Zentren herum gruppieren sich noch gut zwei dutzend Charaktere. Es ist kaum möglich, die Handlung dieses komplex geschachtelten Episodenroman nach zu erzählen: Es beginnt am 4. November 1979, dem Tag als in der US-Botschaft von Teheran 70 Geiseln genommen werden. Langer fängt sein Buch in dem Augenblick an, als die kleine Jill Wasserstrom nach Hause geht und sich überlegt, ob sie behaupten soll, mit Muley Wills herumgeknutscht zu haben - von hier aus entfaltet sich das riesige Panorama eines amerikanischen Stadtviertels in den letzten Tagen der Carter-Präsidentschaft. Die chaotisch-liebenswerten Siebziger neigen sich dem Ende zu, die neoliberale Reagan-Ära kündigt sich an.
Anders als die Autoren der anderen great american novels der vergangenen Jahre weigert sich Langer, die Zentralperspektive des großen Familienromans einzunehmen. Wo Autoren wie Franzen, Eugenidis oder Lethem einen vertikalen Schnitt machten, erzählt Langer horizontal. Dinge passieren gleichzeitig, Lebenslinien überschneiden sich, um wieder auseinander zu gehen. Kapitelweise hangelt Langer sich an den Wegen entlang, die seine Protagonisten in ihrem Viertel zurücklegen, lässt sich ihre Wege kreuzen.

Das einzige, was man gegen diesen großen Roman einwenden könnte, ist seine formale Klammer. Langer führt "California Crossing" parallel zu den 444 Tagen, die das Teheraner Geiseldrama dauert, ohne dies wirklich inhaltlich begründen zu können, Politik im engeren Sinne spielt im Roman keine Rolle. Doch dies zu bemängeln, bedeutet Mäkeln auf allerhöchstem Niveau.

Adam Langer: Crossing California
Übersetzt von Christa Krüger und Grete Osterwald
Rowohl Verlag, Reinbek 2005
590 Seiten
24,90 Euro