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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.10.2014

Comics zum MauerfallDDR-Geschichte für Spätgeborene

PM Hoffmann und Bernd Lindner: "Herbst der Entscheidung", Olivier Jouvray und Nicolas Brachet: "Fluchttunnel nach West-Berlin"

Von Christian Rabhansl

Eine Frau wird aus einem Ausstiegsschacht nach oben gezogen. (picture alliance / dpa)
Eine Frau wird am 5. Oktober 1964 in Berlin aus einem Ausstiegsschacht nach oben gezogen. (picture alliance / dpa)

25 Jahre nach dem Mauerfall erscheinen zwei Comics zum Thema, die unterschiedlicher kaum sein könnten – aber beide überzeugen: "Herbst der Entscheidung" punktet mit akkurater Geschichtsschilderung, "Fluchttunnel nach West-Berlin" mit einer spannenden Story.

Unterschiedlicher können zwei Comic-Bände kaum sein. Der eine: farbig im klassischen Großformat, erzählt die fiktive Geschichte eines abenteuerlichen Tunnelbaus unter der Berliner Mauer hindurch. Der andere: kaum größer als ein Taschenbuch, die Zeichnungen schwarz-weiß, berichtet beinahe dokumentarisch genau aus Leipzig, erzählt gewissenhaft von der Gründung des vom Neuen Forum.

Buchcover: "Herbst der Entscheidung" von PM Hoffmann und Bernd Lindner (Ch. Links Verlag)Buchcover: "Herbst der Entscheidung" von PM Hoffmann und Bernd Lindner (Ch. Links Verlag)

Herbst 1989 in Leipzig: Die offizielle DDR feiert ihr 40-jähriges Bestehen, während draußen die Menschen protestieren. Daniel, 17 Jahre alt, steht kurz vor dem Abitur, und soll sich zum Armeedienst verpflichten. Ehrendienst heißt das.

"Drei Jahre Uniform und Kaserne, und wenn sie mich an die Grenze schicken, muss ich vielleicht noch auf Flüchtlinge schießen..." - "Dann war's das mit dem Studium. Da helfen auch keine Beziehungen mehr. Wer seinem Land nichts gibt, kriegt auch nichts von ihm."

Der Druck des Lehrers genügt, um Daniel nach fünf Seiten schon ins besetzte Haus der Bürgerrechtler von nebenan stolpern zu lassen. Er malt Plakate, er demonstriert, und das Westfernsehen berichtet.

Daniels Eltern sind entsetzt...

"War das eben Daniel!? Das kann nicht sein..." – "Mein Sohn macht gemeinsame Sache mit den Staatsfeinden!"

...und werfen ihn raus. Was Daniel nur enger an die Bürgerrechtler bindet. So ist er, wie zufällig, dabei, als das Neue Forum entsteht.

Gastauftritte bekannter Protagonisten

"Wir waren 30 Leute auf dem Grundstück von Katja Havemann, dabei: Malerin Bärbel Bohley, Biologe Jens Reich, Betonfacharbeiter Reinhard Schult, Rechtsanwalt Rolf Henrich..."

...Christian Führer, Pfarrer der Nikolaikirche; Marianne Birthler, spätere Chefin der Stasiunterlagenbehörde, die Schriftsteller Marianne Birthler – sie alle haben ihre Gastauftritte.

Daniel steht mit der Kamera daneben, wenn die Proteste zunehmen...

"Diese Bilder müssen unbedingt rüber ins Fernsehen, Sonst glaubt uns das keiner!" – "Bürger! Verlassen Sie den Nikolaikirchhof"

Und er ist dabei, wenn die Bürgerrechtsgruppe schier zerbricht.

"Wir brauchen Kontrolle über die Ämter in Staat und Regierung – da sitzen immer noch die alten Bonzen." - "Ich brauche erstmal ein bisschen Abstand. Ich fahr rüber." - "Was? Du wirst hier gebraucht, und du läufst den 100 Westmark hinterher?"

Die Figuren werden mehr und mehr zu Randfiguren, aus dem Zentrum gedrängt durch die Wucht der Ereignisse, die Massenproteste, das Tempo der Geschichte. Was für eine bittere Metapher dafür, dass so viele Mutige des Herbstes 89 letztlich keine Gewinner wurden.

"Herbst der Entscheidung" – das kleine Buch punktet mit akkurater Geschichtsschilderung. Mit glaubwürdiger Charakterentwicklung oder einer ausgeklügelten Dramaturgie hält sich dieses Buch über das Jahr 1989 nicht auf.

PM Hoffmann, Bernd Lindner
Herbst der Entscheidung
Eine Geschichte aus der Friedlichen Revolution 1989
Ch. Links Verlag
96 Seiten, 14,90 Euro
ISBN: 9783861537755

Ganz anders das großformatige Album "Fluchttunnel nach West-Berlin" über die Zeit unmittelbar nach Mauerbau. Hier geht es weniger um historische Details, um die genauen Hintergründe. In politischer Unschärfe erzählt dieser Comic von dem Versuch, einen Tunnel von Westberlin aus in den Osten zu graben.

Buchcover: "Fluchttunnel nach West-Berlin" von Olivier Jouvray und Nicolas Brachet (Avant-Verlag)Buchcover: "Fluchttunnel nach West-Berlin" von Olivier Jouvray und Nicolas Brachet (Avant-Verlag)Dezember 1964: Der Westberliner Kunststudent Tobias ist auf Kurzbesuch im Osten. Dort trifft er Hannah.

"Ihr führt so ein faszinierendes Leben da drüben. Wenn Du wüsstest, wie sehr ich euch beneide... Hier ist es nie leicht. Ich will hier nicht alt werden, verstehst Du? Es ist, als hätte man mich ins Gefängnis gesteckt und ich wüsste nicht, wann ich wieder rauskäme."

Eins steht für ihn nach diesem Gespräch klar:

"Ich muss Hanna hier herausholen!" - "Ist bei dir ne Schraube locker?" - "Leute schaffen es jedes Jahr, von da abzuhauen. Ich werde sie rausholen, basta!" - "...okay, ich bin dabei.

Es ist nicht leicht, aus einer bestens bekannten Zeit eine spannende Geschichte zu erzählen – doch diese hat es in sich. Ein leerer Keller in Mauernähe muss gefunden werden. Die Volkspolizisten mit ihren Ferngläsern auf der anderen Seite Mauer müssen abgelenkt, dann möglichst geräuschlos ein Tunnel gegraben werden.

"Wenn sie den Tunnel entdecken, werden sie ihn auf alle Fälle sprengen, oder, schlimmer noch, Gasgranaten reinwerfen."

Mit dem Maßband durch den Schlamm

130 Meter weit in den Osten. In Zeit vor lasergesteuerten Messgeräten rutschen sie auf den Knien mit dem Maßband durch den Schlamm am Tunnelboden.

"Wenn wir nicht genau arbeiten, können wir am Ende eine Abweichung von fünf Metern haben" – "Und bei fünf Metern könnten wir glatt mitten auf der Straße rauskommen und sähen dann ganz schön dumm aus."

Bald umfasst die Gruppe fast 20 Westberliner: Sie alle wollen Freunde und Familie aus Ost-Berlin befreien. Das erleichtert die Arbeit, erschwert aber die Geheimhaltung. Wem kann Tobias trauen? Wer im Westen ist loyal, wer im Osten verschwiegen? Eine Geschichte voller Mut – und Verrat.

"Ich rufe jetzt die Polizei und deine wahnwitzige Expedition wird hinter Gittern enden!"

Zwei Bücher, zwei Ansätze. Ein Buch ist prall und sinnlich, ist in warmen, dunklen Farben gehalten, das andere skizzenhaft und akkurat, die Zeichnungen orientieren sich oft am Stil von Pressefotos. Zwei Bücher, beide zu empfehlen gerade für später Geborene.

Olivier Jouvray, Nicolas Brachet
Fluchttunnel nach West-Berlin
Avant-Verlag
56 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 9783945034057

Mehr zum Thema:

25 Jahre Mauerfall - Die verschenkte Revolution
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 02.10.2014)

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