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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.11.2013

Chor der WocheStell dir mal einen Sonnenschein vor!

Mit schönen Bildern im Kopf singt es sich besser

Von Klaus Lockschen

(Hessen Vokal)
Der A-cappella-Chor Hessen Vokal aus Marburg (Hessen Vokal)

Viele Sängerinnen und Sänger fahren weite Wege, um bei "Hessen Vokal" in Marburg mitzuproben. Der Chor hat Renommee und es geht dort so warmherzig zu wie in einer guten Familie.

Wenn sich die gut 20 Sängerinnen und Sänger von Hessen Vokal mit ihren Notenordnern einmal monatlich am Sonntagnachmittag in einer schmucken Villa knapp unterhalb des Marburger Schlosses einfinden, dann stehen stramme vier Stunden Chorprobe bevor.

Der Begrüßung, die so herzlich geschieht, dass man meinen könnte, in eine Familienfeier geraten zu sein, folgt ein ausgiebiges Einsingen: Stimmbänder und Skelettmuskulatur werden in Form gebracht. Mit viel Humor. Dafür sorgt schon Chorleiter Uwe Henkhaus:

"Ich vermisse strahlende Augen. Also Zalando, Postbote steht vor der Tür, die Schuhe sind da! Könnt ihr einmal ein bisschen strahlen dabei?“

Für das bevorstehende Konzert in Frankfurt will der Musikwissenschaftler Henkhaus, Dozent an der Chorleiterschule und Routinier mit fast 40 Jahren Chorleitererfahrung, noch einmal den Stücken Feinschliff geben.

Der schlanke 54-Jährige ist Gründungsmitglied des Chors und leitet ihn seither. Also nunmehr 33 Jahre.

"Die Musikinstrumentenmesse in Tokio hat einen Chor gesucht oder ein Folkloreensemble, was da auftritt. Wir waren damals noch ein Folkloreensemble, haben also getanzt und gesungen. Ich habe damals den Chor gemacht, und der Chor hat so einen Spaß gehabt, wir haben einen Auftritt gehabt einmal vor 60.000 Zuhörern, so dass der Chor einfach geblieben ist. Und macht heute in der Literatur Pop und Jazz."

Einige der Mitglieder haben eine stramme Anreise von Braunfels, Wetzlar, Gießen. Und in der Vergangenheit pendelte ein Sänger sogar regelmäßig zwischen Berlin und Marburg.

"Wir proben ja nur alle vier Wochen, weil die Leute von ziemlich viel unterschiedlichen Orten herkommen und dann lässt sich das am besten einrichten.“

Die 52-jährige, im Alt singende Regina Fuchs: „Ich wohne in der hessischen Provinz und fahre also jedes Mal zur Probe doch eine Stunde."

Diesmal ist die Lehrerin sogar aus Paris angereist. Sie will am Abend wieder dorthin zurückfahren:

"Und ich lebe im Moment in Frankreich und habe das jetzt mit meinen Ferien so verbunden, dass ich hier bei der Chorprobe teilnehmen kann. Und das ist mir unheimlich wichtig.“

Gesang: "Engel“ von Rammstein

Henkhaus: "Ja und dann: 'Damit sie nicht vom Himmel fallen', diese Stelle, crescendo machen, immer mit dem Gefühl, du singst das in der Kathedrale, singst es in den Raum rein und schneidest es ab und wartest, und dann kommt es zurück. Alles klar? Machen wir es noch einmal bis dahin! Also Sopran, leicht.“

Der 50-jährige Markus Klonk gehört zum Urgestein des Chores. Er lobt die Qualitäten von Uwe Henkhaus. Denn ihm würde es nicht gefallen:

"Dass ein Chorleiter kommt und sagt: Hey, das b ist ein Halbton zu tief, setz mal das b höher an! – Dann würde man irgendwie an Noten rumknurzen und rumarbeiten und hätte das Gefühl: Haahh, wie geht das und was soll ich da tun? – Uwe macht das eher so, dass er dann versucht, ein Bild zu öffnen und sagt: Hey, stell dir mal einen Sonnenschein vor und du singst in einen fröhlichen Frühlingsmorgen hinein! So, und jetzt das 'You and me'.“

Der halbe Ton hebt sich dann von selbst, sagt der Mann mit der Bassstimme. Er freut sich auch über die Auszeichnungen, die der Chor erhalten hat. Zuletzt 2011 beim Hessischen Chorfestival.

Gesang: "Angels“ von Robbie Williams

Henkhaus: “Nein, macht mir kein T rein: I sid´n wait.“

Die meisten Mitglieder haben langjährige Chorerfahrung. Wie Victoria Schaub. Sie singt seit ihrer Kindheit. Rund zehn Gospel- und Kirchenchöre mögen es seither gewesen sein, schätzt die 33-jährige Sprachwissenschaftlerin. Mittlerweile ist sie drei Jahre bei Hessen Vokal im Sopran - und schwärmt noch immer:

"Ich bin ganz glücklich, dass ich den Chor gefunden habe. Ich habe in Marburg eine Weile gesucht. Und als ich hier hingekommen bin, habe ich mich direkt beim ersten Mal total willkommen gefühlt und das ist für mich, also ich mag die Musik, die wir machen und ich singe für mein Leben gern, aber das Allerwichtigste, glaube ich, ist diese Atmosphäre hier. Das ist total warmherzig und da geht einfach die Seele auf.“

Musik hat heilsame Kräfte. Besonders bei Hessen Vokal, weiß Victoria Schaub schmunzelnd zu berichten:

"Ich war beim Probenwochenende im September kurz vorher im Krankenhaus gewesen, war operiert worden und bin dann auf dem Hinweg im Prinzip noch hin gekrochen, und am Ende des Probenwochenendes hatten wir noch Konzert und danach habe ich mich fit gefühlt. Habe ich gedacht: Wenn ich noch einmal ins Krankenhaus komme, dann müssen wir direkt danach noch ein Probenwochenende machen, dann bin ich wieder fit.“

 

Deutschlandradio Kultur stellt jeden Freitag um 10:50 Uhr im "Profil" Laienchöre aus der ganzen Republik vor: Im "Chor der Woche" stehen nicht die großen, bekannten Chöre im Vordergrund, sondern die Vielfalt der "normalen" Chöre in allen Teilen unseres Landes, jeden Alters, jeder Formation und Größe oder Stilrichtung, seien sie Mitglied eines Chorverbands oder auch nicht.

Mit freundlicher Unterstützung des Deutschen Chorverbands

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