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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 04.07.2011

Chinas umstrittener Stolz

Der Dreischluchtenstaudamm am Jangtse

Von Astrid Freyeisen

Eine chinesische Famile betrachtet den Drei-Schluchten-Damm am Jangtse-Fluss in der Provinz Hubei. (AP Archiv)
Eine chinesische Famile betrachtet den Drei-Schluchten-Damm am Jangtse-Fluss in der Provinz Hubei. (AP Archiv)

Er gehört zu den umstrittensten Bauwerken der Welt: der Dreischluchtenstaudamm am Jangtse. Heute ist der Staudamm für China das Prestige-Objekt schlechthin. Aber die Kritik von Umweltschützern ist nicht verstummt.

Bereits der Gründer der chinesischen Republik hatte 1919 die Vision von einem Damm an den berühmten Drei Schluchten des Jangtse. 1946 schickte die Regierung 50 Ingenieure in die USA, um mit amerikanischem Knowhow das Projekt anzugehen. Doch der chinesische Bürgerkrieg und die Armut im Land zerstörten alle Pläne. Heute erzeugt der Damm Energie vor allem für die Industriezentren im Süden und Osten. Hat sich das Megaprojekt bewährt?

Der erste Blick macht sprachlos: Touristen drängeln sich am Geländer zum Staudamm, staunen mit offenem Mund über die schiere Masse an Stahlbeton, die den smaragdgrünen Jangtse wie eine gigantische Stufe teilt. Trotz Sonnenschein ist das Ende der Staumauer im Dunst nur verschwommen zu sehen. Der Mensch fühlt sich klein wie eine Ameise. Die Touristen fotografieren sich gegenseitig, das Mammutbauwerk im Hintergrund. 1,4 Millionen kamen allein im vergangenen Jahr:

"Der Damm ist fantastisch! Weltberühmt. Das größte Wasserkraftwerk der Welt.

Wir machen Fotos und zeigen sie unseren Kindern, damit die sehen können, wie toll dieser Damm ist.

Ich bin begeistert! So etwas habe ich noch nie gesehen. Super! Ich bin schon über 60. Ich musste einfach herkommen, um diesen Damm zu sehen. China war ein armes Land, aber nun ist es reich!"

Der Damm als Ausdruck chinesischen Nationalstolzes: Herr Lin ist mit einer Gruppe aus seiner Heimat Xiamen angereist, einer Hafenstadt im Süden, etwa 1000 Kilometer weit weg. Lin ist Bauer, fasziniert blickt er hinunter in die fünf Schleusenkammern, in denen Lastkähne und mehrstöckige Kreuzfahrtschiffe wirken wie Spielzeugboote. Im Dokumentationszentrum des Damms weist Pressesprecher Yuan Lei auf eine Schautafel hin:

"Es war das einzige Projekt, über das der Nationale Volkskongress je kontrovers abstimmte. Und zwar im Jahr 1992. 67 Prozent der Abgeordneten waren dafür. 6,7 dagegen und 22 Prozent enthielten sich der Stimme."

Was bedeutet, dass der Drei-Schluchten-Damm selbst in der kommunistischen Partei höchst umstritten war. Ein Drittel Nein-Stimmen und Enthaltungen in einem Parlament, das sonst alle Pläne absegnet – ein unerhörter Vorgang.

Der Aufwand bis zu diesem Moment des Jubels war immens. Allein finanziell. Laut Betreibergesellschaft hat das gesamte Projekt 204 Milliarden Yuan gekostet, etwa 21 Milliarden Euro. 660 Kilometer Jangtse-Fluß zwischen den Städten Yichang und Chongqing bilden das gigantische Staubecken. Schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen mussten umziehen, weil ihre Häuser geflutet wurden. Für sie mussten völlig neue Städte gebaut werden. Vier Zielen soll der Drei-Schluchten-Damm dienen:

Erstens den Jangtse für große Schiffe befahrbar zu machen und so den Westen Chinas zu entwickeln, zweitens Wasser aus dem aufgestauten Strom in den trockenen Norden zu pumpen, drittens Energie zu gewinnen. Vor allem aber viertens: Das Hochwasser zu kontrollieren. Pressesprecher Yuan Lei von der Betreibergesellschaft erklärt:

"2010 erlebten wir eine Flut, die noch mehr Wasser führte als die von 1998. Als sie letztes Jahr vorbei war, errechneten wir, dass der Damm dem Land Schäden in Höhe von umgerechnet fast drei Milliarden Euro erspart hatte. Wir mussten sogar nur eine kleine Menge Wasser ablassen. Die Flussufer wurden nicht beschädigt. 1998 dagegen gab es sogar Überlegungen, ganze Gegenden künstlich zu fluten, um den Druck zu verringern."

Im Hochwasser kamen damals fast 1.600 Menschen um. Und in den vier größten Flu-ten des 20. Jahrhunderts starben am Jangtse sogar weit über 300.000. Direkt oberhalb des Drei-Schluchten-Damms lebt Qiao Changhong.

"Das Wasser kam vom Himmel als ob man Kübel ausschüttete. Überall war da plötzlich nur noch Wasser. Links, rechts, wo immer man hinschaute. Es spült dich fort, bevor Du weißt, wie Dir geschieht."

.. erinnert sich Frau Qiao an den Juli 2010. Sie hat seit zehn Jahren ein kleines Restaurant am Hafen, Touristen sind ihre Kunden.

"Viele Italiener und Russen beginnen ihre Tour durch die Drei Schluchten hier. Ich kann keine Fremdsprachen, aber von einem Reiseführer habe ich mir ein paar Grüße aufgeschrieben. Abends lese ich mir laut vor und übe: 'lets go', 'Come rice', 'hello English boy'"

"Die Touristen erwidern meine Grüße oft. Wo jetzt mein Restaurant steht, waren früher Hügel. Die ebneten sie ein. Ich habe die ganzen Bauarbeiten gesehen. Früher war mein Leben primitiv, jetzt geht es mir viel besser. Seit dem Dammbau dürfen wir unsere Felder nicht länger bestellen, weil sonst Dünger ins Wasser gespült würde. Nur noch Orangen sind erlaubt. Wer als Bauer heute erwischt wird, wie er Mais oder Weizen anbaut, dem wird die Ernte sofort vernichtet. Jeder Bauer wird pro Monat mit umgerechnet fünf Euro für seinen Verlust entschädigt. Natürlich ist das nicht genug. Aber ich bin noch jung. Ich verlasse mich auf meine Hände, um meine Familie zu versorgen."

Zur Anlegestelle führt eine steile Treppe. Unten sind nebeneinander mehrere Touristenschiffe festgemacht. Vier Tage dauert die typische Kreuzfahrt stromaufwärts auf dem Jangtse.

Einer der luxuriöseren Dampfer ist die Century Diamond, ein chinesisches Schiff, das viele ausländische Reiseanbieter buchen. Der Damm habe den Fluss sehr verändert, sagt Kapitän Tang Jian:

"Das Problem am Jangtse waren die versteckten Felsen, wie das bei einem naturbelassen fließenden Strom halt so ist. Außerdem stiegen die Pegel sehr oft rapide, das Wasser floss sehr schnell. An etlichen Stellen war Gegenverkehr nicht möglich. Heutzutage ist vieles einfacher, das Wasser fließt ruhiger. Allerdings haben wir jetzt häufiger Wind und Nebel. Das bringt neue Unsicherheiten."

Das Drei-Schluchten-Projekt war und ist auch deshalb so umstritten, weil Umweltschützer fürchten, ein langsamer fließender Jangtse könnte sich in eine Kloake verwandeln. Tatsächlich schwimmt zumindest im Frühjahr erstaunlich wenig Müll im Stausee. Problematischer scheint die Hochwassersaison im Sommer. Einer der renommiertesten Experten für das Ökosystem am Jangtse ist Lei Hengshun. Der 85 Jahre alte Professor der Universität Chongqing warnt seit langem vor der problematischen Wasserqualität. Er sieht sie in einem größeren Zusammenhang:

"In China müssen Hauptarterien wie der Jangtse, der Gelbe Fluss und der Perlfluss geschützt werden. Deren Nebenflüsse führen nur wenig sauberes Wasser. Wasser aus Nebenflüssen sollte nicht als Trinkwasser verwendet werden. Müll und Abwasser müssen streng kontrolliert werden, weil sie giftig sind."

15 Millionen Menschen leben entlang des 660 Kilometer langen Staudamm-Reservoirs. Es ist ein offenes Geheimnis in China, dass manche Verwaltungschefs Kläranlagen nur bauen, um die Vorschriften zu erfüllen. Sie dann aber nie anschalten, weil dies Geld kosten würde. Wu Dengming aus Chongqing, Präsident der Bürgerinitiative "Grüne Freiwillige Liga", erklärt:

"Unsere Bürger haben kaum ein Umweltbewusstsein, dasselbe gilt für die Offiziellen. Die Kader wollen nichts Anderes, als politisch voranzukommen. Dafür brauchen sie Wirtschaftswachstum und Projekte, mit denen sie sich einen Namen machen können. Das interessiert sie. Nicht die Wassersicherheit. Da kommt meine Grüne Liga ins Spiel,"

sagt Wu Dengming. Sein Team aus Ehrenamtlichen sei von der Provinzregierung von Chongqing zum Aufpasser für Wasserqualität in einigen Nebenflüssen ernannt worden:

"Chongqing produziert über eine Milliarde Kubikmeter Abwasser jedes Jahr. Es fließt in den Drei-Schluchten-Stausee. Deshalb hat Chongqing über 40 Kläranlagen gebaut. Die Wasserqualität im Stausee ist in Ordnung. Wir müssen sicherstellen, dass dies so bleibt. Außerdem muss garantiert sein, dass das Wasser des künftigen Süd-Nord-Kanalsystems nach Peking sauber sein wird."

Dies ist das neueste chinesische Megaprojekt, wieder ein Superlativ, nämlich die größten Kanäle der Welt. Der wasserreiche Süden des Landes soll die Hauptstadt Peking im Norden vor dem Austrocknen retten. Auch von den Drei Schluchten soll schon in wenigen Jahren Wasser nach Peking gepumpt werden. Experten zweifeln am Sinn des Süd-Nord-Projekts. Schon allein, weil die Kanäle über Tausende von Kilometern offen sein werden. Die Frage stellt sich: Wie viel Wasser kommt überhaupt in Peking an, und wird es trinkbar sein?

Ein Schnellboot legt vom Hafen des Damms ab. Sie sind wichtige Transportmittel, diese leicht angerosteten Monster aus russischer Produktion, die ein bisschen wie Raumschiffe aus Fernsehserien aussehen.

Nach anderthalb Stunden auf dem Jangtse erreicht das Schnellboot Badong, eine jener Städte, die wegen des Damms gebaut wurden. Touristen merken sich oft nur den Nebenfluss bei Badong, weil sie dort in Ruderboote umsteigen.

Die Touristen werden zu einer Demonstration des Treidelns gerudert. Heute ist dies eine Show. Früher war es ein Knochenjob. Nackte Männer schleppten mühsam Schiffe an langen Seilen flussaufwärts.

Am Hafen von Badong wird noch gebaut. Die Stadt besteht aus Hochhäusern auf Terrassen. Dazwischen ein kleiner Park mit Trimm-dich-Geräten. Ein typischer Ort für Senioren:

"Die Gebäude dieser neuen Stadt wirken auf mich sehr ausländisch, all dieser Stahl und Beton. Die Häuser in der alten Stadt waren viel kleiner."

Was der Mann als alte Stadt bezeichnet, ist alles andere als alt. Er meint Huangtupo, gebaut Mitte der 80er Jahre. Das benachbarte Badong entsteht erst seit etwa 2002. Ein älteres Ehepaar erklärt:

"Wir sind aus Huangtupo hierher gezogen. Das war schon der zweite Umzug. Wegen der Erdrutsche. Huangtupo steht zu nahe am Fluss. Das Ufer ist zu steil. Die Wohnung dort und die Wohnung hier – beide waren neu, als wir einzogen. Jetzt haben wir kein Geld mehr übrig."

"Meine Pension wurde dieses Jahr erhöht, auf umgerechnet 150 Euro im Monat. Unsere zweite Eigentumswohnung in Badong kostete etwa 110 Euro pro Quadratmeter. Sie ist 130 Quadratmeter groß. Wir mussten einen Kredit aufnehmen. Über 15.000, denn wir selbst hatten gerade so 4.000 in bar. Wir mussten die Befehle der Obrigkeit befolgen und umziehen. Das haben wir ohne Beschwerden getan."

Für die alten Leute ein Minusgeschäft, das staatliche Hilfen nicht ausgeglichen haben. Die meisten der 1,4 Millionen Umsiedler am Jangtse verhielten sich wie die beiden Senioren in Badong: Zwar unzufrieden, aber vor allem damit beschäftigt, den Alltag zu bewältigen. Angespannt wirken die Menschen dagegen in Huangtupo, der alten Stadt. Viele Gebäude sind verlassen: Schulen, Fabriken, Läden, selbst die Polizeistation. Je weiter man das Flussufer hinabgeht, desto mehr Wohnhäuser stehen leer, desto klarer wird: Dies ist eine sterbende Stadt. In der Markthalle sagt eine Gemüsehändlerin bloß:

"Man hat uns gesagt, dass wir von hier fort müssen. Mehr weiß ich nicht."

Professor Lei Hengshun hat die Veränderungen entlang der Jangtse-Schluchten jahrzehntelang studiert. Er war im Nationalen Volkskongress 1992 unter jenen 22 Prozent, die sich der Stimme enthielten. Die den kompromisslosen Fortschrittsglauben der kommunistischen Regierung nicht teilten. Auch heute noch sieht Lei gewaltige Risiken – selbst bei Neubauten:

"Badong ist wahrscheinlich der am meisten gefährdete Ort überhaupt. Die geologischen Bedingungen sind dort nicht stabil und die Uferlinie ist am steilsten. Die Ufer standen früher nie dauerhaft bis zu einer solchen Höhe unter Wasser. Heute hebt und senkt sich der Wasserspiegel jedes Jahr um 30 Meter. Die Ufer bestehen nicht komplett aus Gestein. Sondern aus etlichen Lagen unterschiedlichsten Materials. Das saugt sich nun monatelang voll und wird weich. Es ist wie bei einem Wolkenkratzer. Der schlimmste Alptraum ist ein schwaches Fundament. Fertige Gebäude beginnen dann einzusacken. Am Jangtse entsteht aus jeder kleinen Erderschütterung gleich ein Erdrutsch. Das hatten wir alles vorhergesagt. Aber niemand konnte natürlich wissen, wie schlimm es werden würde."

Kritiker wie den weisen alten Professor ignoriert die Regierung. Badong wächst weiter. Zu beiden Seiten des Jangtse entstehen komplette neue Hochhaus-Viertel für die restlichen Bewohner der alten Stadt.

Vom Wasser aus gesehen ist Fengjie eine jener neuen Hochhausstädte, die wie hässliche Betonwälder im Flusstal stehen. Geht man von Bord, gewinnt Fengjie an Charme. 300.000 Menschen leben dort. Abends sind die Straßen voller Spaziergänger. Sie kaufen ein in westlichen Turnschuhläden, in Probierstuben für Tee oder bei Bauern, die als fliegende Händler Gemüse auf Bambusstangen heranschleppen. Freunde sitzen im Freien und essen Fondue nach typisch scharfer Art von Chongqing.

Morgens erschallt auf öffentlichen Plätzen Musik. Alte Leute treffen sich zum Schattenboxen, Jüngere spielen Basketball und Tischtennis. In Fengjie ist man entweder im Kohlebergbau beschäftigt – oder hat keine richtige Arbeit, sagt Li Qiang. Ihm ergeht es so, und 80 Prozent seiner Bekannten auch. Dennoch findet der Mittdreißiger:

"Leute aus anderen Provinzen reisen hierher. Sie finden, dass Fengjie genauso viel Spaß macht wie Hongkong. Wir haben tolles Essen. Man spricht sogar von Klein-Hongkong."

Früher, vor dem Dammbau, stand die Altstadt von Fengjie einige Kilometer flussaufwärts. Sie war für etwas ganz Anderes berühmt: Für Chinas Dichter, die von der malerischen Schönheit des Flusses und der Berge angezogen wurden.

"Allein Du Fu schrieb in Fengjie 400 Gedichte. Auch andere kamen hierher, Berühmtheiten wie Lu You, Bai Juyi, Su Shi. Ich könnte tausend Namen aufzählen. Wenn es in China den einen Platz gab, der die Dichter inspirierte, so war das Fengjie."

Zhao Guilin rezitiert ein Gedicht von Du Fu. Zhao war in der Stadtregierung von Fengjie einst für Tourismus und Kultur zuständig, aber das ist lange her. Heute ist er sein eigener Museumschef. Er will erinnern an die alten Zeiten vor dem Dammbau. Und gibt dafür sein ganzes Geld aus, denn ein privates Heimatmuseum macht keinen Gewinn. An wenigen anderen Orten in China versteht man so instinktiv, wie hoch der Preis für das Turbowachstum ist. An den drei Schluchten gingen viele historische Felsen-Inschriften durch das Fluten verloren, unschätzbares kulturelles Erbe.

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