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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.12.2011

Chef der Jungen Liberalen fordert mehr Teamgeist in der Führungsspitze der FDP

Lasse Becker: Zeitpunkt für Christian Linders Rücktritt schlecht gewählt

Lasse Becker im Gespräch mit Gabi Wuttke

Lasse Becker, Vorsitzender der Jungen Liberalen (Marcus Gloger)
Lasse Becker, Vorsitzender der Jungen Liberalen (Marcus Gloger)

Der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker, hat die FDP aufgefordert, gemeinsam für mehr Inhalte zu streiten. FDP-Generalsekretär Christian Lindner habe das Boot zu einem schlechten Zeitpunkt verlassen, kritisierte Becker.

Gabi Wuttke: Die gute Nachricht für die FDP: Der Parteichef zog schnell einen neuen Generalsekretär aus dem Hut. Ist es trotzdem an der Zeit, sich schützend um die Liberalen zu scharen, damit sie nicht untergehen - nachdem mit Christian Lindner einer ihrer klügsten Köpfe gegangen ist und dem 32-Jährigen nur Stunden später der Fraktionsvorsitzende im Saarland, Christian Schmidt, folgte? Im Deutschlandradio Kultur begrüße ich den Vorsitzenden der Jungen Liberalen, Lasse Becker. Guten Morgen!

Lasse Becker: Schönen guten Morgen!

Wuttke: Es ist keine Häme, wenn ich Sie jetzt frage: Haben Sie befürchtet, in dieser Nacht könnten weitere Rücktritte folgen?

Becker: Nein, ehrlich gesagt überhaupt nicht, weil wir hatten gestern Abend eine Telefonkonferenz des FDP-Bundesvorstandes. Da hat man schon gemerkt, dass das natürlich ein harter Tag gestern war, dass da auch Entscheidungen, die viele überrascht und auch teilweise schwer nachvollziehbar waren, dort getroffen wurden. Auf der anderen Seite, dass wir aber jetzt nur mit Geschlossenheit da wieder rauskommen, und das ist auch meine eigene persönliche feste Überzeugung.

Wuttke: Alle reden ja jetzt von der geschlossenen FDP, die in die Zukunft schauen sollte. Rainer Brüderle ist einer, der spricht vom Teamgeist der Partei, dabei stehen doch wohl die Altvorderen, die ihr eigenes Süppchen kochen, gegen die Jungen in der FDP, die Wirtschaftsliberalismus gerade in diesen Zeiten nicht mehr unbedingt für den Stein der Weisen halten. Also wie ist es da um den Teamgeist bestellt?

Becker: Ich glaube, der Teamgeist in der Führungsspitze im Bundespräsidium war in den vergangenen Wochen und Monaten ein Problem, das betraf aber nicht nur die Älteren, sondern genauso auch die Jüngeren. Ich glaube, wir müssen zu einer Situation kommen, in der das gesamte Bundespräsidium - von Philipp Rösler bis Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, von Rainer Brüderle bis Holger Zastrow - sich als Team begreift und in der dann eben nicht ein Einzelner dann mal ausschert und so tut, als würde er nicht zur Führungsspitze gehören oder versucht, irgendetwas Negatives über die anderen zu sagen.

Wuttke: Wen meinen Sie jetzt?

Becker: Da sage ich gleich was dazu. Raus kommt man aus einer solchen Situation nur, wenn man auf die Inhalte sich konzentriert. Und ich habe von ganz verschiedenen Personen in den letzten Wochen und Monaten immer mal wieder Äußerungen gehört, von Präsidiumsmitgliedern der FDP auf Bundesebene, die gesagt haben, da muss die Führungsspitze mal etwas tun. Denen rufe ich entgegen: Sie sind Teil der Führungsspitze. Jedes Bundesvorstandsmitglied ist Teil dieser Führungsspitze und sollte sich dann zuallererst an die eigene Nase fassen, und wir sollten gemeinsam für Inhalte streiten und nicht gemeinsam uns gegenseitig per Radio, per Fernsehen Ratschläge erteilen.

Wuttke: Sie sind wütend.

Becker: Ich bin in der Tat etwas wütend, weil die Teamleistung zwar minimal besser geworden ist bei diesem Bundespräsidium verglichen mit dem Bundespräsidium davor, aber in der Tat das noch nicht das ist, wie ich mir eine Teamarbeit vorstelle.

Wuttke: Auf der anderen Seite stellt sich aber die Frage: Halten die Jungen, die Guido Westerwelle ja nur zögerlich zugelassen hat, in der harten Arbeit der Politik in Berlin einfach nichts mehr aus?

Becker: Wissen Sie, ich sitze jetzt gerade seit einer halben Stunde ab sechs Uhr im Studio, also ich würde mir als einem noch Jüngeren als dem dort Betroffenen schon bescheinigen, dass man früh aufstehen kann und dass man hart für Politik - ich in dem Fall sogar komplett ehrenamtlich - arbeiten kann. Ich glaube, darum geht es auch nicht. Ich traue jedem dort - von Philipp Rösler über auch übrigens den gestern aus meiner Sicht überraschend zurückgetretenen Christian Lindner genauso wie Daniel Bahr und anderen - zu, dass sie da sehr, sehr hart in der Sache streiten können und dass sie da nicht überlastet sind, sondern es geht nicht um das Alter, es geht genau darum, dass die Leistung der entsprechenden Person in den Mittelpunkt gestellt werden muss. Es ist weder per se eine Qualifikation, wenn man jung ist, noch wenn man alt ist, es geht darum, wer gute Arbeit macht. Und ich habe Leute dafür kritisiert, wenn sie Aussagen getroffen haben, die ich falsch fand, egal ob sie jung waren, ob sie Philipp Rösler hießen oder ob sie älter waren, ob sie Rainer Brüderle hießen. Kritik muss man dann anbringen, wenn sie nötig ist, und nicht drauf schauen, wie alt ist die Person, die man kritisiert.

Wuttke: Aber der Abgang von Christian Lindner ist für die FDP ein fatales Signal und zeigt auch, er mit seinen 32 Jahren ist kein Parteisoldat, der in schlimmen Zeiten in dieser Position auch zu seinem Parteichef hält, und da liegt ja womöglich auch das große Problem.

Becker: Ich kann nicht in Christian Lindner reinschauen, was seine Motivlage angeht. Ich hab gestern versucht, mit ihm zu sprechen, ich nehme zur Kenntnis, dass das offensichtlich genauso wenig gewünscht war, wie sich gegenüber dem Bundesvorstand zu erklären, warum er seine Entscheidung so getroffen hat, wie er sie getroffen hat - das muss ich zur Kenntnis nehmen und sorgt bei mir nicht unbedingt dafür, dass ich sie nachvollziehbarer finde. Und am Ende des Tages bleibt dann immer noch die Frage übrig: Woran liegt es, wenn man in einer solchen Situation dann sagt, zu einem aus meiner Sicht sehr schlechten Zeitpunkt, verlässt man dort das Boot, an dem man eben noch mit gesteuert hat und noch am Anfang der Woche im FDP-Bundesvorstand mit deutlichen Worten mit steuern wollte? Das finde ich sehr, sehr schade, ich glaube, es hat aber nichts damit zu tun, dass man jetzt irgendwie am generellen Kurs des Bootes etwas ändern sollte. Ich erwarte auch gerade von Patrick Döring, dass er den Kurs der eingeschlagenen thematischen Verbreitung mit klaren Akzenten auch bei Themen wie den Bürgerrechten, bei Themen wie der Bildungspolitik weiter verfolgt. Ich sage aber auf der anderen Seite auch, dass wir gerade im Organisatorischen, da, wo Defizite im letzten halben Jahr eindeutig bestanden haben in der Kampagnenfähigkeit, dass wir da wieder Akzente setzen müssen, und da bin ich guter Dinge, dass das mit einem jetzt neu um Patrick Döring ergänzten Team als Generalsekretär gut gelingen kann.

Wuttke: Ihren Zweckoptimismus, Herr Becker, in allen Ehren, aber Patrick Döring kommt aus dem konservativen Flügel Ihrer Partei und wird wohl kaum das ermöglichen, was Lindner gestern gesagt hat, als er eben von einer neuen Dynamik sprach. Auf der anderen Seite, um Ihren zurückgetretenen Generalsekretär noch mal zu zitieren: Er ist ja zurückgetreten, hat er gesagt, aus Respekt vor meinem Engagement für die liberale Sache. Wer hatte denn da keinen Respekt mehr vor ihm?

Becker: Wie gesagt, da müssten Sie Christian Lindner fragen, da müssen Sie nicht mich fragen. Ich könnte darüber nur mutmaßen, und ich bin nicht der, der Karten auf den Tisch legen will ...

Wuttke: Ach, das würde mir in diesem Fall reichen.

Becker: ... und hinterher darüber raten sollte. Das müssten Sie Christian Lindner fragen. Ich sag bloß auch, ein Aufbruch hat nichts mit der Position, die jemand dort inhaltlich vertritt zu tun in erster Linie, sondern hat etwas damit zu tun, welche Position Patrick Döring jetzt als Generalsekretär dort vertreten will. Und da ist er genau wie Christian Lindner an die Beschlüsse der Partei gebunden, und natürlich ist Patrick Döring vielleicht etwas konservativer an manchen Stellen, aber an vielen entscheidenden Stellen hat er gerade in der Vergangenheit - er ist ja auch ehemaliger stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, er ist lange in Niedersachsen aktiv gewesen - hat er klar gezeigt, dass er durchaus die Akzente für eine thematische Verbreiterung dort auch mittragen kann, und das ist die Erwartung, die wir an den Generalsekretär klar haben. Und das Signal des Aufschwungs und das Signal des gemeinsamen Kämpfenwollens, das kommt jetzt in der Tat aus der Geschlossenheit des Teams, und da muss Patrick Döring genauso mitkämpfen, wie es eben jeder andere an dieser Parteispitze auch tun sollte.

Wuttke: Das sagt der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker, im Interview der "Ortszeit" von Deutschlandradio Kultur. Ich danke Ihnen sehr, Herr Becker!

Becker: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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