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Religionen / Archiv | Beitrag vom 22.03.2014

Buddhas WirkungsstättenEine Reise zu sich selbst

Der Buddhist Jörn Materne führt Pilger in Indien

Von Franziska Schiller

Blick auf Buddha-Statuen am Mahabodhi-Tempel in Bodhgaya, Indien (picture-alliance / dpa)
Blick auf Buddha-Statuen am Mahabodhi-Tempel in Bodhgaya, Indien (picture-alliance / dpa)

Der Kölner Jörn Materne hat vor 14 Jahren seine Wohnung aufgegeben und fast alles verschenkt, was ihm gehörte. Seitdem lebt der Buddhist mit wenig mehr als einem Rucksack persönlicher Habe als Reiseleiter vor allem in Indien und Nepal.

"Wenn du reist, reise allein, ohne Gepäck, am liebsten langsam und zu Fuß."

Diese Reisemaxime empfiehlt der Reiseschriftsteller Ilja Trojanov fürs Unterwegssein: Und ruft damit genau die Bilder auf, die beim Thema Pilgern in den Sinn kommen, spätestens nach der Lektüre von Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg". Was gehört dazu? Einsame Wanderungen auf dem Jakobsweg, innere Einkehr in der Abgeschiedenheit kleiner Gebirgskirchen und die obligaten Stempel am Ende jeder Pilger-Etappe. Doch es geht auch anders: durchdringendes Sirren hunderter Motorrad-Rikschas in Neu-Delhi, dröhnender Trommelklang und schwebende Betgesänge im Zen-Kloster Bodhgayas oder das ohrenbetäubende Gebimmel hunderter Gebets-Glocken am Ufer des Ganges im indischen Varanasi.

Subkontinent der Extreme

"Indien ist ein sehr extremes Land. Es ist wunderschön, es ist aber auch unglaublich hässlich. Es riecht wundervoll und so exotisch und kann so übel stinken. Wenn es regnet, dann schüttet es aus allen Himmeln - und wenn es trocken ist, dann ist es trocken und heiß. Wenn dir jemand freundlich und herzensgut ist, dann hat man da den Freund fürs Leben gefunden und wenn einer einem übelwill, dann hat man aber auch wirklich eine üble Nummer am Hals.

Das sind wir nicht gewöhnt hier in mitteleuropäischen, westlichen Ländern, wir kennen diese Extreme nicht. Bei uns ist es nie extrem heiß oder extrem nass oder extrem stinkend oder extremst schön. Indien macht sich mit seiner Außergewöhnlichkeit bemerkbar. Ich würde sagen es ist das individuellste Land, was mir je begegnet ist."

Jörn Materne ist Reiseleiter, hochgewachsen, fast hager, und fällt schon damit in jeder Menge auf. Über der unentbehrlichen Trekkinghose verrät ein dunkler Schal aus nepalischer Pashmina Wolle, wo der Kölner mit dem Herzen zuhause ist.

Der Mann wirkt glücklich, wenn er über sich und das Reisen spricht.

"Es ist immer ein Hauch Abenteuer dabei, es ist die Erfahrung, sich selber mit Neuem in Verbindung zu bringen und neue Grenzen kennenzulernen. Reisen auch als Spaß, als Lebensgefühl."

Selfmade-Nomade mit Laptop und Rucksack

Jörn Materne ist ein Selfmade-Nomade. Den letzten Schlüssel zur eigenen Wohnung gab Materne im Jahr 2000 aus der Hand. Für ihn war es ein Schritt auf einer ganz besonderen Reise, einer Reise auch nach Innen. Er verschenkte seine Habe und behielt nur einige Kisten und Koffer, die er bei Freunden und Eltern unterstellte. Heute umfasst sein aktiver Hausrat einen Rucksack und einen kleinen Laptop. Und seine Berufung sind buddhistische Pilgerreisen nach Nordindien und Nepal - Reisen also zu den Wurzeln des buddhistischen Glaubens.

Auf der Pilgerreise mit Jörn Materne lernt der Reisende die wichtigen Meilensteine aus dem Leben des Siddhartha Gautama kennen, der im indischen Bodhgaya, unter einem mächtigen Bodhi-Baum meditierend, zum Buddha wurde.

Pilger: "Über Bodhgaya wusste ich nicht so viel. Ein Tempel, Weltkulturerbe ja. Es ist genau so bunt wie Indien auch. Ganz verschiedene Roben: Dunkelrot, orange, in schreiend gelb, die etwas gemäßigteren in weiß, mit solch einer Vielfalt hätte ich nicht gerechnet. Auch wenn nebenan eine Gruppe von 50 Koreanern kommt mit einem Mönch und der mit dem Megafon die Gruppe antreibt, zu singen. Das geht seltsamerweise alles. Das hätte ich noch vor zwei Wochen nicht geglaubt."

Pilger: "An diesem Ort erfuhr ja Buddha die Erleuchtung. Mir geht es zumindest so, dass dieser Ort eine ganz spezielle Ausstrahlung auf mich hat. Man ist ganz bei sich. Das muss jeder für sich selbst erfahren."

Jörn Materne: "Über diesen wichtigen Ort ist über die Jahre gewachsen ein Tempelkomplex. Und im Zentrum dieser Mahabodhi-Tempel. Maha heißt 'groß' und Bodhi bedeutet 'erwacht sein'. Wo der Siddhartha Gautama den Zustand und die Qualität des vollständigen Erwachtseins erreicht hat. Das ist also ein Symbol, dieser Tempel. Und er steht direkt neben dem Ableger des Ur-Ur-Ableger des original Bodhi-Baumes, eine Wildfeige, 'ficus religiosa' interessanterweise.Dieser Baum wird im Prinzip verehrt als Symbol für Buddhaschaft. Weniger der Tempel, als der dahinter angelehnte riesengroße und etwa 500 Jahre alte Bodhibaum."

Verzicht, Bescheidenheit und Meditation

Die Pilgerreise dauert gut zwei Wochen und neben dem Mahabodi-Tempel und dem Geburtsort des Buddha lernt die Pilgergruppe auch die Orte der bekannten Lehrreden des Buddha und seinen Sterbeort kennen. Wer sich die Reise aber als Sightseeing-Rundreise im Urlaubsmodus vorstellt, der irrt.

Jörn Materne: "Es ist mit Sicherheit keine leichte Reise, kein Aufenthalt am Strand für 14 Tage."

Die tragende Säule der Reise ist die Idee von Verzicht, Bescheidenheit und Meditation:

"Während ich am Anfang noch einige Hotels in dieser Rundreise dabei hatte, wurde der Wunsch immer deutlicher, lieber in Klöstern und Pilgerunterkünfte unterzukommen und nicht diesen Luxusaspekt dabei zu haben."

Täglich zwei Stunden meditiert die Pilgergruppe gemeinsam an den buddhistischen Wallfahrtsorten. Sei es auf den Ruinen der weltberühmten antiken Universität in Nalanda, wo Buddha studierte oder in der kleinen Stadt Sarnath, wo er seine erste Lehrrede hielt. Überall sieht man die europäischen Pilger in Parks meditieren. Der indische Friseur am staubigen Straßenrand mag dies Bild mild belächeln.

Meditation statt Urlaubsmodus

Für Materne ist Vipassana-Meditation der Schlüssel zur Pilgerreise in Indien. Denn es ist die Meditationsform, die Siddhartha Gautama– der spätere Buddha – selbst praktiziert hat. Einsicht soll sie bringen, und zwar in die Realität: ohne Ärger, Wut und Neid, ohne Verlangen, Sehnen oder Ablehnung. Sondern dankbar für das, was da ist, in schweren wie in leichten Zeiten:

"Man kann sich nicht entwickeln, indem man vorm Fernseher sitzt und die Füße hochlegt. Prozesse erfordern eben auch Arbeit. Man spricht in der östlichen Philosophie oft von 'anstrengungsloser Anstrengung'. Da hat man dann auch daheim ein bisschen zum Nachsinnen."

Meditation also als Entwicklungsarbeit: in bequemen Schneidersitz auf einer Reise zu sich selbst. Buddhistisch Pilgern in Indien heißt insofern auch Reisen. Frei nach dem Motto: Wenn du pilgerst, wirf deine Gedanken ab. Reise gemeinsam, am besten dankbar und gelassen.

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