Seit 10:07 Uhr Lesart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 10:07 Uhr Lesart
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 10.08.2011

Britischer Diplomat: Sparprogramme nicht schuld an Krawallen

Brutales Vorgehen ist für Peter Torry nicht zu entschuldigen

Peter Torry im Gespräch mit Nana Brink

Sir Peter Torry, der Britische Botschafter in Deutschland (AP Archiv)
Sir Peter Torry, der Britische Botschafter in Deutschland (AP Archiv)

Nach Einschätzung des ehemaligen britischen Botschafters in Deutschland, Peter Torry, können auch die zuletzt aufgelegten massiven Sparprogramme in Großbritannien keine Begründung sein für die gewaltsamen Auseinandersetzungen in den Städten auf der Insel.

Nana Brink: Die Krawalle, die sich auch gestern Nacht vor allen Dingen in Manchester ausgebreitet haben, schockieren nicht nur die Nachbarn, sondern vor allem die Engländer selbst. Jugendliche voller Hass und außer Rand und Band, brennende Autos und Häuser, sogar ein junger Mann wurde bei den Unruhen getötet. Es geht zur Sache auf der Insel. Premier Cameron kehrt aus den Ferien zurück, er hat den nationalen Sicherheitsrat einberufen, 16.000 Beamte waren gestern in London unterwegs, das Länderspiel gegen die Niederlande wurde abgesagt, und jetzt werden schon Fragen laut, wie London, das nächstes Jahr die Olympischen Spiele austrägt, sich gegen solche Krawalle wappnen will. Am Telefon ist jetzt der ehemalige britische Botschafter in Deutschland, Sir Peter Torry. Einen schönen guten Morgen, Sir Torry!

Peter Torry: Ja, guten Morgen!

Brink: Sorgen Sie sich um das Image Ihres Landes als Gastgeber der Olympischen Spiele 2012?

Torry: Ja, selbstverständlich. Ich muss zunächst sagen, ich war in letzter Zeit, in den letzten zehn Tagen nicht in London. Ich habe deswegen die Krawalle aus erster Hand nicht miterlebt, und ich habe das hier in Deutschland, in Berlin – ich bin in Berlin – im Fernsehen verfolgt. Aber die Bilder, die wir ja im Fernsehen sehen, die sind verheerend. Die sind das Allerletzte, was wir brauchen ein Jahr vor den Olympischen Spielen. Sie wollen ein Bild von London vermitteln, das eine multikulturelle Stadt, wo die verschiedenen Communities friedlich zusammenleben, und jetzt haben wir diese Bilder. Obwohl – und ich möchte nicht da zynisch klingen – aber eine Woche ist eine lange Zeit in der Politik, und wir haben immer noch ein Jahr. Und ich glaube, viel hängt davon ab, wie schnell die Polizei dieses Problem in den Griff bekommen kann.

Brink: Aber wie tief hat Sie das denn getroffen? Sie sitzen in Berlin, und es gibt eine Reisewarnung des deutschen Auswärtigen Amtes oder sagen, sie mahnen zur besonderen Vorsicht, und wir reden hier nicht über irgendein Krisengebiet, sondern über London.

Torry: Ich habe als Botschafter ähnliche Reisewarnungen ausgeben müssen, das würde ich nicht zu ernst nehmen, und ich würde überhaupt keine Sorge haben, zurück nach London zu reisen, aber das ist dann ein Problem. Und das Problem ist, dass wir, dass die Polizei vielleicht nicht schnell genug reagiert hat, die Polizei war sehr zurückhaltend. Und warum? Man vergisst, wir haben ähnliche Bilder vor Kurzem im Fernsehen gesehen, das ist vier Monate – ich vergesse jetzt –, sechs Monate, als die Studenten in London randalierten und protestierten über die Studentengebühren. Es waren ähnliche verheerende Bilder, und zu der Zeit war die Polizei sehr hart kritisiert für ihren zu kämpferischen Einsatz. Und jetzt ist sie noch mal kritisiert worden, aber diesmal, weil sie scheinen zu versuchen, das Problem einzudämmen, nicht das Problem zu konfrontieren. Und es wird verlangt, dass die Polizei wirklich die Kontrolle über die Straßen wieder zurückgewinnt.

Brink: Aber weil Sie gerade die Studentenproteste ansprechen, schon damals hätte man ja merken können, dass es massiven Widerstand gegen diese Sparprogramme gibt. Es gibt nun keine Entschuldigung für einen plündernden Mob, aber wahr ist ja auch, dass die massiven Sparprogramme auch im sozialen Bereich viele hart getroffen haben. Sehen Sie da einen Zusammenhang mit den Krawallen?

Torry: Ich glaube schon, dass die politische Diskussion in Großbritannien, die Opposition, die werden versuchen, einen Zusammenhang hier zu ziehen. Aber wie Sie sagen, es gibt überhaupt keine Entschuldigung, keine Ausrede. Was wir sehen auf den Straßen, sind reine kriminelle Aktivitäten von im Grunde genommen sehr jugendlichen Leuten. Ich habe nur ein paar Interviews mit diesen Leuten im Fernsehen gesehen, die sind 14, 15, 13. Woher kommen diese Leute, wo sind die Eltern, warum werden die von der eigenen Familie nicht kontrolliert? Was wir sehen, ist reine Kriminalität, und …

Brink: Aber pardon, Sir Torry, aber trotzdem ist es ja wahr, dass die Sparprogramme gerade auch in diesen Vierteln gegriffen haben, dass die Leute sich auch vernachlässigt fühlen.

Torry: Also ich würde keinen Zusammenhang sehen zwischen der Tatsache, dass ein Kinderspielplatz irgendwo in Südlondon geschossen ist und dass Mobs in Manchester plündern. Es gibt keinen Zusammenhang. Es stimmt doch, es gibt einen Teil unserer Gesellschaft, wie in allen Ländern, leider, die sich vernachlässigt fühlen und die jetzige wirtschaftliche Krise, die sie durchgehen müssen, wird dieses Problem verschärfen. Wir haben in Großbritannien ein Sparprogramm eingeführt, was sehr hart sein wird, aber wir haben keine Alternative, wenn wir das Schicksal Griechenlands vermeiden wollen. Ich wiederhole, es gibt schon eine Spaltung in unserer Gesellschaft, die diese Ereignisse in den letzten Zeiten unterstreichen. Das müssen wir konfrontieren, aber ich wiederhole, es gibt keine Entschuldigung, eine Ausrede für was wir momentan sehen, was im Grunde genommen reine Kriminalität ist.

Brink: Nun ist das ja nicht die einzige Krise, die die Insel erschüttert, viele Stimmen stellen ja auch einen Zusammenhang zwischen der "News of the World"-Abhöraffäre her, die ja auch seit Wochen beziehungsweise ja eigentlich seit Jahren gärt, gerade viele junge Leute seien frustriert über die Mauscheleien zwischen Polizei und Politik. Wie sehen Sie das, gibt es da eine wütende Generation?

Torry: Ich glaube, das ist – wie sagen Sie das auf Deutsch – an den Haaren herbeigezogen, das ist übertrieben. Wenn es einen Zusammenhang mit dieser "News of the World"-Affäre gibt, dann sehe ich den Zusammenhang in der Tatsache, dass die Spitze der Polizei zurückgetreten ist, also der Commissioner of Metropolitan Police ist zurückgetreten, und es kann wohl sein, dass die Haltung der Polizei in den letzten paar Tagen durch die Tatsache, dass es einen Mangel an Führungskräften an der Spitze der Polizei momentan gibt. Und das ist ein Problem, was die Regierung, was Cameron konfrontieren muss. Ich glaube, dass die nächsten Tage für Cameron, für den Premierminister entscheidend sein werden, die könnten seine Premierschaft bestimmen, wie zum Beispiel die Premierschaft von John Major durch die Währungskrise 92 bestimmt wurde. Er muss zeigen, dass er dieses Problem in den Griff bekommen kann, und er muss die notwendige Führung zeigen.

Brink: Der ehemalige englische Botschafter in Deutschland, Sir Peter Torry. Sir Torry, herzlichen Dank für das Gespräch!

Torry: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Interview

KonfliktforscherKaum Chancen für Frieden in Syrien
Eine große Rauchwolke über einigen Gebäuden in einer Wüstengegend.  (AFP / BULENT KILIC)

Nach dem Willen der internationalen Gemeinschaft sollen Verhandlungen den Krieg in Syrien beenden. Deren Aussichten schätzt der Konfliktforscher Wolfgang Schreiber skeptisch ein: Derzeit seien die Bedingungen für einen Frieden in Syrien einfach nicht gegeben.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur