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Reportage / Archiv | Beitrag vom 09.09.2013

Bratwurst oder Tofu-Boulette?

Was Parteien im Wahlkampf auftischen

Von Gerhard Richter

Bratwurst, Tofu oder doch Curry? Was der Politiker isst. (AP)
Bratwurst, Tofu oder doch Curry? Was der Politiker isst. (AP)

Auch wenn das Thema Ernährung im Wahlkampf keine große Rolle spielt, bei den Veranstaltungen der Parteien muss trotzdem etwas aufgetischt werden. Und das soll zum Image passen. Die Weißwurst gehört definitiv der CSU, was die FDP isst, weiß keiner so recht, und bei den Grünen ist sowieso alles klar, seit sie verkündet haben, dass sie jeden Donnerstag einen Veggie-Day ausrufen wollen.

Rot glüht die Holzkohle im Kugelgrill, angefacht vom Wind über dem früheren Flugfeld in Berlin Tempelhof. Die Mitglieder des "Arbeitskreises Klima und erneuerbare Energie" des BUND warten auf Renate Künast von den Grünen und breiten Decken über das Gras, holen aus den Satteltaschen ihrer Fahrräder Tupperschüsseln mit Tomatensalat. Christine Kühnel, hauptberuflich Klimaforscherin, legt vegane Seitanwürstchen und Käse-Sticks auf den Grill. Fleisch gibt's hier nicht.

Christine Kühnel: "Letztlich ist es ja so, dass die industrielle Landwirtschaft das Klima ganz stark beeinflusst, durch die Methanproduktion, aber auch durch das Abholzen von Regenwald, um das Soja anzubauen als Futter. Also dieser Fleischhunger, vor allem von der westlichen Welt, der ist halt nur durch einen extremen CO2 Ausstoß zu stillen."

Renate Künast kommt angeradelt, heftig tritt die Spitzenkandidatin der Berliner Grünen in die Pedale, gut gelaunt, trotz Gegenwind. Sie ist eingeladen, die Energiewende-Charta zu unterschreiben, ein handtuchgroßes Pappschild mit drei Forderungen für eine gelungene Energiewende. Alle stellen sich zum Gruppenbild mit Künast, dann wird's hochpolitisch: Renate Künast isst eine Seitanwurst, also aus Weizen gemacht - frisch vom Grill.

Lecker, nahrhaft und gleich auch noch ein gelungener Protest gegen die Produktionsmethoden der globalisierten Fleischindustrie:

Renate Künast: "2,5 Millionen gutes Ackerland sind in Argentinien degradiert zum Futtermittelanbau für uns. Und da wird am Ende aus neun Kilo pflanzlichem Eiweiß, das man auch als Mensch essen könnte, nach der Verfütterung ein Kilo tierisches Eiweiß, dss nur wir uns leisten können."

Herzhaft beißt Renate Künast in die Seitan-Wurst. Zwischen zwei Bissen gesteht sie, dass sie auch Würste mit echtem Fleisch isst.

"Ess ich auch gern, ändert aber nichts daran, dass es Sinn macht weniger Fleisch zu essen. Und zwar Sinn fürs Klima, für die Tiere und es ist auch eine Gesundheitsfrage. Deshalb mal der Stolperstein - in öffentlichen Kantinen, donnerstags vegetarisch essen."

Der Veggie-Day, den die Grünen anregen, ist bestenfalls ein Stolpersteinchen, das nicht allzu viel ins Wanken bringt, findet Norbert Müller, der Direktkandidat der Linken beim Wahlkampfauftakt in Potsdam - einem Familienfest mit Swingband und Hüpfburg.

"Also Essen oder gesunde Ernährung ist im Wahlkampf - auch nicht in den großen Diskussionsrunden oder den Ständen - ist eigentlich kein Thema."

Nur der Kuchenstand von der linken Jugend Solid will die Gesellschaft verändern. Riots not diets - steht auf dem selbst gemalten Banner, Revolte statt Diät - dazu ein Bild: Ein Vermummter wirft eine Pastete. Davor verkauft Anneka Cooke von der Linksjugend Kuchen und ein neues Selbstverständnis:

"Ja, jeder ist erst mal grundsätzlich schön, wie er ist, nicht ich bin falsch und muss jetzt auf Diät gehen, na ja: Riots not diets."

Die 75-jährige Ursula Resener bringt Nachschub für den Kampf der jungen Genossinnen gegen den Schlankheitswahn - eine selbst gemachte Torte.

"Da ist ein Schokoboden unten, das sehen Sie ja, und dann mit Paradiescreme und oben ist das mit Kokos gemacht, ist mit Sahne und Schmand. Sind schon Kalorien drin."

Norbert Müller, der 27-jährige Direktkandidat, ist durchaus offen für Sahnetorten und neue Themen, denn die gängige Ernährung im Wahlkampfalltag hat er gründlich satt.

"Man kommt viel auf Veranstaltungen, auf Podiumsdiskussionen, und dann gibt´s dann hinterher so ein kleines Buffet und dann gibt's immer belegte Brötchen. Dieses ekelhafte Weißbrot mit irgendwelchem Kram drauf, also da kommt mir schon die Galle hoch, wenn ich das sehe."

Hier beim Wahlkampfauftakt hat sich der Student mit Pferdeschwanz und Kinnbart auf ein Fischbrötchen gefreut, aber weil der Havelfischer nicht konnte, isst Norbert Müller eine ganz normale, politisch unaufgeladene Bratwurst vom Grill.

Nach Grillkohle riecht es auch auf dem Sommerfest der CDU auf einem Kirchhof im Potsdamer Stadtteil Babelsberg. Zwischen den Rauchschwaden spielen die Kinder Büchsenwerfen, die Salate in den Glasschalen auf dem Buffet sind frisch und selbst gemacht, und zwar vom Vorstandsmitglied Josephine Schmidl persönlich:

"Das ist alles Hausmannskost. Also wir kaufen sowieso fast ausschließlich Bio ein, aber das ist jetzt für uns keine Vorschrift, dass es Bio oder vegan zu sein hat."

Heute ist Katherina Reiche zu Gast, die schlanke 40-Jährige ist seit 12 Jahren für die CDU im Bundestag und kandidiert erneut in ihrem Wahlkreis 61 in Potsdam. Hier auf dem Sommerfest ihrer CDU-Parteifreunde interessiert sie sich eher für den griechischen Salat und die Muffins. Würste und Steaks vom Grill isst sie nicht. Seit 28 Jahren ist Katherina Reiche Vegetarierin:

"Vor vielen Jahren hab ich im Rahmen eines Praktikums damals noch in der DDR einen Schlachthof besucht, das war's. Ich hab seit diesem Besuch im Schlachthof nie wieder eine Scheibe Wurst oder ein Steak angerührt, ich kann das einfach nicht mehr."

Seitdem ist für Katherina Reiche jeder Tag ein Veggie-Day. Mit der grünen Forderung hat sie aber nichts am Hut. Bloß nicht missionieren.

"Ich bin aus freien Stücken Vegetarier, ich bau mir auch einen Teil meines Gemüses selber an, aber ich würde das von meiner CDU nicht verlangen, dass sie das bitteschön alle auch so machen sollen."

Machen sie auch nicht. Die ersten Bratwürste sind jetzt fertig, die Parteifreunde gehen zum Buffet und stehen vor der Wahl: Fleisch oder Salat? Welt verändern oder nicht?

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