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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 03.03.2010

"Boxhagener Platz"

Hans-Ulrich Pönack über eine Berliner Milieu-Komödie

Ein Junge und seine lebenslustige Oma stehen im Mittelpunkt von "Boxhagener Platz". Regisseur Matti Geschonneck hat die Komödie aus dem Ostberlin von 1968 mit Schauspielern wie Gudrun Ritter, Michael Gwisdek und Meret Becker gelungen in Szene gesetzt.

Deutschland 2009, Regie: Matti Geschonneck, Hauptdarsteller: Samuel Schneider, Gudrun Ritter, Michael Gwisdek, Horst Krause, Jürgen Vogel, Meret Becker, 103 Minuten, ab sechs Jahren

Matti Geschonneck, der am 8. Mai 1952 in Potsdam geborene Sohn des DDR-Schauspieler-Giganten Erwin Geschonneck (1906 - 2008) zählt zu den renommiertesten hiesigen TV-Regisseuren und bekam 2007 den "Adolf-Grimme-Preis" für seinen Fernsehfilm "Die Nachrichten".

Nach seinem Erstlingswerk "Moebius", 1991, ist diese 3,6-Millionen-Euro-Produktion, die im Vorjahr in Potsdam-Babelsberg sowie in Dessau, Eisleben, Halle und Berlin entstand, erst seine zweite Kinoarbeit. Sie basiert auf dem gleichnamigen, 2004 veröffentlichten Roman von Torsten Schulz, der auch das Drehbuch für den Film verfasste. Ein feiner Berliner "Heimatfilm", der die DDR, nach "Sonnenallee", "Good Bye Lenin" und "NVA", einmal nicht als nostalgische Spaßstätte beschreibt, sondern ein bemerkenswertes wie unterhaltsames Zeitzeichen setzt. Mit viel Figurenpräsenz.

1968. Während in Westberlin Studentenrevolten auf der Tagesordnung stehen und die "sexuelle Revolution" ausgerufen wird, haben die Menschen vom Kiez am Boxhagener Platz im Ostberliner Bezirk Friedrichshain ganz andere Probleme. Der 12-jährige sensible Holger (Samuel Schneider) flüchtet ebenso gerne wie oft zu seiner lebensfrohen Oma Otti (Gudrun Ritter), wo er wenigstens vernünftige Ansprache und viel gute "Nahrung" bekommt. Dass sich die bereits fünf Mal verwitwete Oma sehr viel auf dem Friedhof bewegt, liegt auf der Hand.

Und auch beim Gatten Nummer sechs, der im heimischen Schlafzimmer dahinsiecht, ist das baldige Ableben absehbar. Was bereits "die nächsten Bewerber" auf den Plan ruft: Sowohl der schmierige Fisch-Winkler, der als Alt-Nazi verrufen ist (Horst Krause), macht ihr den Hof wie auch der resignierende Kommunist und Ex-Spartakuskämpfer, der Witwer Karl Wegner (Michael Gwisdek).

Und weil es beim jungen Holger zu Hause, zwischen den Eltern Renate (Meret Becker), der dauerfrustrierten Mama, die vom "goldenen Westen" schwärmt, und dem linientreuen Volkspolizisten Klaus-Dieter (Jürgen Vogel) immer "zoffiger" zugeht, freundet sich der pubertäre Junge mit dem wortgewandten "Oma-Neuen" Karl an, was nicht folgenlos bleiben wird. Als Fischhändler Winkler ermordet wird, versucht sich dienerisch der Abschnittsbevollmächtigte Holger-Vater an der Ermittlung, was der Stasi überhaupt nicht passt. Und als sich auch sein Junge amateurdetektivisch "einmischt", wird es "heikel".

Kiez-Atmosphäre in der Annodunnemal-DDR. Berliner Typen mit Herz, Schnauze und Uniform. Spannende Gesichter inmitten einer verordneten Gesichtslosigkeit. Tragikomische Motive aus dem DDR-Alltag. Pointiert, lebensecht, folklorefrei. Emotional, packend. Und: ohne die üblichen Zonen-Zoten. Dafür ebenso verschroben wie melancholisch wie lakonisch. Aber auch mit Härte und Kälte. Die Mixtur stimmt: Sehr ansprechend in Sprache, Ausstattung und vor allem in den Figuren. Denn an die kommt man gut ran. Weil die Nähe besitzen. Weil die Neugier zu erzeugen verstehen. Interesse. Anteilnahme. Was natürlich am erstklassigen Ensemble liegt.

Angeführt durch die wunderbare 73-jährige Gudrun Ritter, einst jahrzehntelanges Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin. Wie einst die "Mutter Wolffen" in Gerhart Hauptmanns Gesellschaftsklassiker "Der Biberpelz" zieht sie hier die bodenständigen Fäden. Hat die besten Sprüche auf ihrer Seite, "dirigiert" ihre Umgebung mit viel Froh- wie Starr- wie Eigensinn. Gudrun Ritter ist als flotte Überlebenskünstlerin eine grandiose würdevolle Persönlichkeit, ein darstellerisches Ereignis! Ebenso wie der inzwischen manchmal auf zu viele filmische "Blödians" abgestempelte, großartige 67-jährige Michael Gwisdek ("Ich bin der Klassenclown des deutschen Films"), der seinen überzeugten Kommunisten in einer beeindruckenden, ebenfalls sehr würdevollen Präsenz-Mixtur aus Weisheit und Resignation mimt. Dieses Paar "räumt toll ab". Inmitten einer herrlich schnoddrigen, berlinerischen, scharfen Milieu-Komödie mit viel unterhaltsamem Tiefgang.

Filmhomepage Boxhagener Platz

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