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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.04.2016

BombenangriffeWo einem nichts mehr bleibt als das nackte Leben

Von Dieter Bub

Berlin 1945 (picture alliance / dpa )
Berlin in Schutt und Asche: So sah Berlin bei Kriegsende aus, nachdem ungezählte Luftangriffe darüber hinweggegangen waren (picture alliance / dpa )

Was sich 1944 in Berlin ereignete, wiederholt sich nun auf schreckliche Weise in Aleppo oder in Damaskus: Bombenangriffe. Die Flüchtlinge, die nach Europa strömen, lassen den blanken Horror hinter sich - wahrscheinlich wissen nur Zeitzeugen von 1944, was sie durchmachen.

"Es muss hier am Innsbrucker Platz eine Luftmine hochgegangen sein. Ich sah noch eine Frau mit einem Kinderwagen vor mir und es gab einen Knall und der Kinderwagen war verschwunden."

"Ich habe erlebt, wie sie Zivilautos bombardiert haben, ein Schulbus, war voll besetzt mit Kindern und von dem Bus blieb nichts übrig."

Berichte aus Berlin 1944 - und Aleppo 2015

Dieter Bub: "Ich geh jetzt mal nach unten, das ist schon ein eigenartiges, ein beklemmendes Gefühl, wenn man in diesem Haus unterwegs ist nach 70 Jahren zum ersten Mal. Hier ist die Kellertreppe und ich muss mich erst mal orientieren. Hier auf der linken Seite, ein Stück weiter war der Kohlenkeller und hier rechts herum, ich müsste jetzt nach hinten gehen. Das war ganz am Ende. Das war ein großer Keller.

Ich kann mich erinnern, es gab Nächte, in denen wir Stunden im Keller verbracht haben und hier auf der linken Seite hatte mein Großvater Stiegen aufgebaut, die hatte er aus Holz zusammengezimmert. Dort wurden Obst und Gemüse gelagert, das waren Äpfel, Kartoffeln und Birnen und dort habe ich auch geschlafen."

Im Frühjahr war ich als Erwachsener zum ersten Mal in diesen Keller zurückgekehrt. Die Bilder und die Geräusche von damals sind gegenwärtig und nah. Dabei denke ich immer wieder an das Schicksal der Kinder und Familien im Irak, in Afghanistan und Syrien und habe die Bilder von der verwüsteten Stadt Aleppo vor Augen.

Drei Jahre das Haus nicht verlassen

Mit zehn Jahren war Abude Ibrahim im Internet die Stimme des Widerstands gegen den Syrischen Präsidenten Assad, der begonnen hatte, sein Volk zu bombardieren, Land und Städte in Schutt und Asche zu legen.

Abude hatte neun Geschwister. Ein Bruder wurde in Aleppo vom IS verschleppt und getötet. Der Älteste, Khaled, hat vor dem Krieg Jura studiert. Mit dem Beginn der Bombardements engagierte er sich für Human Rights Watch.

"Ich habe in meiner Funktion als Menschenrechtsbeobachter all das Leid miterlebt und bin damit Zeuge geworden der syrischen Luftangriffe, bei denen Zivilisten getötet wurden."

Khaled lebte mit seiner Familie im Zentrum Aleppos. Sein jüngster Sohn durfte nach der Geburt aus Furcht vor Bomben und Scharfschützen die ersten drei Jahre, bis zur Flucht der Familie, das Haus nicht verlassen.

"Die syrischen Flugzeuge haben mein Zuhause zerstört. Sie haben viele Angriffe geflogen in direkter Nachbarschaft immer wieder und immer wieder mit den Fassbomben. Nach vier Jahren dieser ununterbrochenen Bombardements hat es auch meine Wohnung getroffen und das war der Augenblick, in dem ich mit meiner Familie nach Deutschland geflüchtet bin."

Dabei hatten Khaled und seine Familie wie durch ein Wunder überlebt. Im Umkreis von 500 Metern war alles Leben ausgelöscht. Sie entkamen mit einem Boot über das Mittelmeer nach Griechenland und leben heute bei Rathenow in Brandenburg.

Khaled ist für die Zuflucht dankbar. Er erinnert an das Schicksal von Deutschen und Syrern in ihrer Geschichte. Viele Menschen hier wüssten um die Schrecken des Krieges.

Fünf Jahre haben die Amerikaner und die Briten Deutschland bombardiert mit 600.000 Toten - mit dem Ziel, Deutschland zu vernichten. Das ereignet sich jetzt in Syrien, um Syrien und die Syrer zu vernichten. Durch Assad und seine Verbündeten und Milizen.

Immer wieder Sirenengeheul

Berlin 1943/ 1944. Mercedes Wild lebte seit ihrer Geburt im Elternhaus in der Hähnelstrasse 15 in Berlin-Friedenau:

"Meine Mutter hat verbotenerweise BBC–London gehört und dann hat sie gehört, wie schwer die Angriffe werden und hat dann die Hausgemeinschaft gewarnt und wenn es dann hieß, Simons kommen, dann wussten alle in der Gegend Bescheid. Ich erinnere mich noch, wie die Hähnel 9 brannte und dass die Hähnel 11, das ist die Ecke zur Hauptstraße, gleichzeitig brannte. Da haben die Leute hier beschlossen, die 11 runterbrennen zu lassen."

Dieter Bub: "Ein- oder zweimal ist der Fünfjährige, der ich damals war, dem Großvater entwischt, ist nach oben, die Treppe rauf, wollte auf den Hof. Er wollte sehen, was er unten nur hatte hören können. Und dann hat das Kind hier gestanden und hat dieses Schauspiel erlebt, das ihm unvergesslich ist. Die dunklen Schatten der Flugzeuge. Dann waren es Lichter, die am Himmel erschienen. Später wusste ich, es waren die Weihnachtsbäume, mit denen man die Gebiete kennzeichnen und dann für die nachfolgenden Bomber und dann die Bomben abgeworfen worden sind. Und die Zerstörung präzis vorgenommen werden konnte. Der Großvater hat mich dann schnell in den Keller wieder zurückgebracht."

Lilo Katzke am Stölpchensee in Berlin geboren und aufgewachsen, erinnert sich an den grell erleuchteten Himmel:

"Eines Tages haben wieder mal die Sirenen geheult. Es war abends, dunkel schon und dann hörten wir auch das Geräusch von den hereinziehenden Schwadern von, von Bombern, von Fliegern, die da irgendwo von den Flakabwehrkanonen erwischt werden sollten. Die Flak hat ja mit so riesigen Scheinwerfern in den Himmel geleuchtet und ab und zu, wenn sie so zwei, drei, vier Scheinwerfer zusammen hatten und eines von diesen Flugzeugen im Visier, dann fing die Flak an zu schießen."

Berlin, Frühjahr 2016. Islamisches Begegnungszentrum, Flughafenstraße Neukölln.

An jedem Freitag um 11:30 Uhr treffen sich über 500 Muslime zum Gebet. Unter ihnen sind neben Türken viele Flüchtlinge, die zur Zeit in den Hallen auf dem Flughafen Tempelhof untergebracht sind. Sie finden Rat bei Imam Tahi Sabri:

"Da sind viele Flüchtlinge, die eine schreckliche Reise gemacht, hinter ihnen sind schlimme Erlebnisse und die kommen hier und sind traumatisiert. Und die suchen einfach Gespräche und suchen eine Art von Geborgenheit, eine Art von Zusammengehörigkeit und finden das hier einigermaßen bei uns in der Moschee."

Erinnerungen an Bomben und ständige Flucht

Der große Vorzug für die Flüchtlinge, die auch außerhalb der Gebete in die Begegnungsstätte kommen, sind gemeinsame Sprache, gemeinsame Kultur und gemeinsame Erlebnisse. Imam Tabri ist vor vielen Jahren nach Folter und Gefangenschaft aus Tunesien geflohen.

"Ich bin in dem Sinne kein Therapeut, aber die Seelsorgearbeit gehört zu unserer Tätigkeit als Imam oder als Geistliche und da, sag ich mal, kann ich helfen. Ich hör die Leute zu, die reden, und lasse ich die auch reden über ihre Schicksale, über ihre Erlebnisse und dabei kann ich mit paar Fragen das Gespräch steuern und kann ich paar Tipps geben und das hilft ihnen ganz gut.

Zum Beispiel letztens ist eine Frau zu mir gekommen, die hat eine halbe Stunde geredet, geweint und am Ende stand sie lächelnd und danke, danke, Imam, du hast mir sehr, sehr geholfen, obwohl ich eigentlich tatsächlich gar nichts gemacht habe und zugehört.

Es sind Erinnerungen an die Bombardierung, an die Schüsse, an die ständige Flucht. Wenn man gezwungen ist auf engstem Raum mit anderen zu leben. Ich erinnere mich an die vielen Menschen, die obdachlos geworden sind. Es war schrecklich zu erleben, wie die Wände während der Bombardierung beben, die Einschläge, wenn die Häuser zusammenstürzen, wenn man einfach vertrieben wird."

Achmed hatte vor dem Krieg mit seiner Familie ein eigenes Haus bewohnt. Nachdem die Bombardements auf Aleppo immer schwerer wurden, beschloss er zu flüchten. Es wurde ein Wettlauf mit dem Tod.

"Eine Zeit lang mussten wir vor den Bombardierungen von einem zum nächsten Dorf flüchten. Einige Male haben wir nur knapp überlebt. Dort, wo wir zwei Minuten davor waren, wurden die Bomben abgeworfen. Es herrschte überall Krieg, wir gerieten immer wieder zwischen die bewaffneten Gruppen. Wir waren ständig auf der Flucht und versuchten, unser Leben zu retten. Die Bombardierungen waren alltäglich. Wir hatten Glück, dass wir überhaupt überlebt haben."

Berlin 1943/44.

Das Haus der Familie Wild in der Hähnelstrasse in Friedenau wurde nicht völlig zerstört, aber schwer beschädigt.

"Durch Luftminen. Im vorderen Bereich und im hinteren Bereich haben wir jeweils einen richtigen Bombentrichter, die dann auch die Balkone weggerissen haben, das Dach weggerissen haben, die Wände eingedrückt haben. Ich kann mich an diese Einschläge erinnern. Einmal kam ich aus dem Keller nach oben und da war im vorderen Balkonzimmer der Bombentrichter entstanden. Da lag ein riesiger Schutthaufen, da war die Decke, die Wände und obendrauf stand der Papageienkäfig mit dem Papagei drin und der jubelte und rief: Jetzt kommt Papa, jetzt kommt Papa!"

Halle an der Saale 1943/ 1944

Dieter Bub: "Heute weiß ich, wir haben großes Glück gehabt. Wir, meine Großeltern und die Leute alle aus dem Haus, denn in einer Nacht traf es das Gebäude neben uns, ein Wohnhaus. Das war ein Zischen, ein Dröhnen, eine Detonation. Ich denke, ich weiß das, die Erschütterung, dann ein Beben der Wände, durch die Staub und Rauch drang, den ich noch heute riechen kann."

Der Luftschutzwart hatte viele Aufgaben

Das Geschäft meines Großvaters war nicht wieder zu erkennen. Alles war zerstört. Die Scheiben waren nach innen gedrückt worden, die Türen aus den Angeln. Ein Fahrrad lag mitten in den Auslagen und an dem Verkaufstresen, dort war alles unter den Dekorationen begraben.

Berlin Frühjahr 2016.

Besuch im Antikriegsmuseum im Wedding. Gezeigt werden Exponate, Dokumente und Fotos aus den beiden Weltkriegen. Im Keller gibt es einen Bunker, in dem die Bewohner des Hauses Brüsseler Straße 21 vor den Luftangriffen Schutz suchten. Der fünfundsiebzigjährige Wolfgang Moritz gehört zur Leitung des Museums.

"In dem Haus hier waren damals, das ist auch heute noch so, 50 Wohnungen und dafür waren hier unten mehrere Räume eingerichtet. Der Raum, den wir hier haben, war für etwa 15 Personen gedacht. Und es gab anschließend hinter der Mauer noch ein paar weitere Räume."

An der Wand des Luftschutzkellers ist eine Brandklatsche mit einem Scheuerlappen aufgehängt. Der Luftschutzwart sollte sie in einen bereitgestellten Wassereimer eintauchen und so kleine Brände ersticken. Der Luftschutzwart hatte viele Aufgaben. Er war für Löschsand auf den Treppenabsätzen und im Keller zuständig. Er musste für die Verdunklung der Fenster in allen Wohnungen und bei Alarm für die Anwesenheit aller Einwohner im Keller sorgen. Auskunft über die Bombardierungen gibt die Tür aus einem anderen Luftschutzkeller.

"Das Besondere ist, dass auf der Tür rechts angefangen in mehreren Reihen sämtliche Daten der Angriffe auf die Stadt notiert worden sind. Da findet man, angefangen von 1939 bis zum Ende des Krieges, 20. April 45, jeweils verzeichnet in Wochentagen das Datum und die Uhrzeit. Man kann also sogar sehen, zu welcher Zeit an einem bestimmten Tag in Berlin ein Luftangriff stattfand."

Außer den Luftschutzkellern gab es in Städten wie Berlin große Bunker, die Schutz und Möglichkeiten zur Übernachtung boten. Sie waren eine Zeit lang auch Unterkunft für die heute 96-jährige Edith Reinhardt. Als Halbjüdin hatte sie schon als Kind die Schule verlassen müssen. Diese Diskriminierung erfuhr sie später auch als junge Mutter mit ihrer damals zweijährigen Tochter:

"Also, wo der Krieg dann so schlimm wurde, sind wir in den Bunker schlafen gegangen. Da wurde ich auch angezeigt. Ich sollte nicht mehr schlafen kommen. Sie wollen mit keiner Halbjüdin schlafen. Und ich hatte mein Kind so ruhig gehalten und kannte dort keinen. Ich wüsste gar nicht, wer mich da angezeigt hat."

An einem Sommerabend traf es das Wohnhaus der Familie

Edith Reinhardt suchte zwischendurch zweimal Zuflucht in Schlesien, um dann doch zurückzukehren. Hier erlebte sie in der Schnellerstrasse einen der verheerenden Luftangriffe:

"Zwei Häuser sind nur stehengeblieben. Wir sind alle raus gelaufen und aus dem Keller. Wir hatten ja alle so große Angst und haben gesehen, dass es rundum um uns brannte - da war ein großes Café, ein großes Tanzcafé, aber so viel russische Gefangene und die sind auch alle umgekommen. Statt nachher nach Hause zu kommen, haben sie nachher das Leben bei uns eingebüßt."

Berlin, August 1943, Wannsee, Stölpchenweg 14

Die damals siebzehnjährige Lilo Katzke ist nach der Schule aus einem Mädchenpensionat in Kassel nach Berlin zurückgekehrt. Die Fabrik ihrer Eltern zur Herstellung von Schaufensterfiguren in der Beuthstrasse am Spittelmarkt war bei zwei Luftangriffen bereits zerstört worden. An einem Sommerabend traf es auch das Wohnhaus der Familie.

"Es war ein zischendes Geräusch, das da vom Himmel runterkam in unser Haus rein, das konnte man lokalisieren. Da bin ich diesem Geräusch nachgegangen, was könnte es gewesen sein und kam bis zum Dach und da hat es schon gebrannt. Da war eine Brandbombe durchs Dach geflogen und in dem Giebel steckengeblieben und zündete nun das Holz an. Jetzt haben wir erst mal versucht, mein Vater und ich, da Wasser raufzuschütten. Und dann ging's erst richtig los. Das war eine Phosphorbombe und die konnte nur mit Sand gelöscht werden. Das haben aber unsere Nachbarn, die da vereinzelt um uns rum wohnten am See, die haben das mitgekriegt und waren schon am Haus und auf dem Grundstück und haben eine Kette nicht mit Wasser, sondern mit Sand und haben diese Bombe da oben sozusagen erstickt mit einer Sandeimerkette."

Sie hatte Glück im Unglück. Die Tochter fürchtete jetzt um den Besitz der Familie:

"Ich habe dann gedacht, wenn diese Bombe sich da durchfrisst, wo fällt die dann hin, dann fällt die genau ins Schlafzimmer meiner Eltern und da bin ich da reingegangen ins Schlafzimmer meiner Eltern und habe erst mal die Betten aus dem Fenster geschmissen. Darunter war unser Wohnzimmer und was mir da in den Sinn kam zu retten, das war ein Teppich, den ich so mochte, ein Orientteppich, den liebte ich sehr, und da standen aber nun Schränke und Stühle und Tische drauf und ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Ich hab diesen Teppich unterm Schrank vorgezogen und habe ihn aus dem Fenster rausgeschmissen in den Garten."

Die Erinnerungen sind auch Jahrzehnte später noch da

Die Erinnerungen an den Krieg in ferner Vergangenheit sind für die heute Achtzig–, Neunzigjährigen immer noch gegenwärtig. Für die Flüchtlinge, die aus dem Irak, aus Syrien und umkämpften Gebieten in Afghanistan nach Deutschland gekommen sind, sind die Erlebnisse nahe Vergangenheit – wie für die Deutschen 1945. Viele von ihnen suchen Halt und Hilfe in ihren Familien, in Moscheen, beim Iman Tahir Sabri oder in einer ungewöhnlichen Form auf der Bühne. Im Berliner Maxim Gorki Theater wurde von Yael Ronen und dem Ensemble mit dem Stück "The Situation" der Versuch einer Aufarbeitung unternommen. Flüchtlinge erzählen darin in der Rahmenhandlung eines Deutschkurses aus ihrem Leben.

Zum Ensemble gehört Ayham Majid Agha, geboren in einer Kleinstadt im Osten in der Nähe der syrisch–irakischen Grenze. Mit siebzehn zog er nach Damaskus, studierte Schauspiel und unterrichtete danach selbst. 2014 ging er nach Paris, ein Jahr später kam er ans Gorki Theater. Er erinnert sich genau an seine ersten Eindrücke vom Beginn des Syrien-Krieges.

"Als ich damals die Hubschrauber das erste Mal sah – davor gab es nur Panzer, bewaffnete Kämpfer und so weiter. Für mich waren die Hubschrauber eine Reaktion des syrischen Regimes. Sie waren mit ihren Raketen und Geschützen die Zeichen eines beginnenden Krieges. Panzer kamen und verschwanden. Das war normal und an der Tagesordnung. Aber als ich die Hubschrauber sah, wusste ich, sie machen ernst."

Die Jahre des Krieges bedeuteten für Ayham Majid Agha Jahr für Jahr den Verlust, den Tod von Menschen:

"Viele meiner Familienangehörigen und Freunde sind durch das syrische Regime getötet worden, sechs allein durch eine einzige Rakete, alle waren Zivilsten, zwei meiner Onkel, also der engste Kreis meiner Familie. Glücklicherweise nicht mein Vater und meine Mutter. Und vier meiner Freunde waren Opfer des IS."

Die Erinnerung an das Grauen des Krieges aber bleibt ihm und allen Überlebenden der heutigen wie der früheren Kriege.

In Syrien gibt es keinen Schutz

Zwischen dem Krieg vor über siebzig Jahren und den Bombardements in Syrien gibt es einen Unterschied: Damals, zwischen 1942 und 1945, wurden die Luftangriffe gemeldet. Die Zivilbevölkerung hatte die Chance, sich in Sicherheit zu bringen. Es gab Keller und Bunker.

In Syrien, in einem Krieg mit unterschiedlichen Armeen und ohne eindeutige Fronten, gibt es das nicht. Bombardements von Assads Truppen, Amerikaner, und Russen werden nicht angekündigt, es gibt nahezu keinen Schutz.

Wer allerdings dem Krieg entkommen ist, muss nicht so sprachlos mit dem Erlebten umgehen wie die Überlebenden der Bombenkriege nach 1945. Damals gab es in Deutschland keine psychologische Betreuung, Traumatisierungen nach den Bombennächten und, nicht zu vergessen, nach den Verbrechen während des Krieges, waren allzu weit verbreitet. Heute bemühen sich Therapeuten darum, Flüchtlingen bei die Verarbeitung von Kriegstraumata zu helfen.

Bereits seit zwanzig Jahren ist auf dem Gelände des Lageso in Berlin-Moabit ein Behandlungszentrum für Folteropfer und Flüchtlinge aus aller Welt eingerichtet. Durch die Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern sind die Anforderungen stark gestiegen. Für akute Behandlungen gibt es eine Notaufnahme. Für andere das Angebot einer langfristigen Therapie. Betreut unter anderem von Dr. Friedemann Hähnel.

"Die meisten kommen einmal wegen Schlafstörungen. Da klagen sie erst mal über somatische Störungen wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen. Wenn man danach weiterfragt, woran liegt es dann, was hindert sie dann an ihrem Schlaf: Das sind immer diese schrecklichen Träume, in denen die Bombardierungen und was wir gesehen haben, die Leichenteile dann wiederkehren. 'Dann wach ich auf, hab Herzrasen und bin Schweiß überströmt und dass ich den Pyjama wechseln muss, die Bettwäsche wechseln muss und brauch eine lange Zeit zum Einschlafen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, nach dem Einschlafen geht es schon wieder los.'"

Eine Therapie lindert die Erinnerungen

Eine Therapie dauert zwei Jahre mit wöchentlich einer Sitzung. Mit dem Ergebnis wird das Erlebte nicht gelöscht, aber es bringt große Linderung.

"Nicht, wie die Patienten denken, Doktor, dass dann alles weg ist, dass ich alles vergessen habe, dass sozusagen die ganzen Erinnerungen aus Aleppo gelöscht sind. Da sage ich: Das geht nicht, aber man kann natürlich die Frequenz und Intensität dieser Albträume so weit reduzieren, dass dann Freude im Lebensalltag und Gestaltungsfähigkeit für das Leben wieder möglich wird."

Die Überlebenden des Zweiten Weltkriegs tragen ihre traumatischen Erlebnisse oft lebenslang mit sich.

"In den fünfziger Jahren wollte man nicht darüber sprechen. Natürlich spielten auch Schuldgefühle eine Rolle, aber gleichwohl gab es Betroffene, die darunter gelitten haben auf Grund mangelnder psychiatrischer Unterstützung, aber auch auf Grund eines gewissen gesellschaftlichen Tabus, dass man nicht davon reden konnte und wollten."

Sie, die Zeitzeugen aus den Bombennächten in Deutschland, hatten zumeist keine Chance zu einer Therapie. Dr. Hähnel empfiehlt eine späte Befreiung.

"Sie klagen auch tagsüber, dass - wie ein Film - die vergangenen traumatischen Erfahrungen dann plötzlich vor Augen wiederkehren, so als ob die nicht vergangen wären, so als ob sie noch gegenwärtig sind."

Jeder Mensch, der eine Störung hat, hat die Berechtigung, zum Arzt zu gehen und sich behandeln zu lassen.

Erinnerungen: 2016: Maryam aus Damaskus ist 14 Jahre jung.

"Ich kann die Geräusche der Bombardierung überhaupt nicht vergessen. Das verfolgt mich. Ich habe immer noch Angst. Wir waren immer auf der Flucht vor den Bomben und das ist unvergesslich."

"Wenn es uns trifft, sind wir beide weg"

Erinnerungen an 1943 - die 96-jährige Edith Reinhardt aus Berlin – und die fünfundsiebzigjährige Mercedes Wild aus Berlin–Friedenau:

Edith Reinhardt: "Da bin ich mit meinem Kind raus gelaufen. Sie hat mich umgefasst und gesagt immer, Mama Angst, Mama Angst. Und da sag ich: Du brauchst keine Angst zu haben. Wir sind zusammen und wenn es uns trifft, dann sind wir beide weg."

Mercedes Wild: "Ich bin wieder so aufgewühlt. Unten im Keller. Wir hatten noch Licht und die Bombenabwürfe konnte man am Wanken der Lampe, dieser Glühbirne an der Decke verfolgen. Wir haben gewartet, wir haben gezählt. Wir haben zum Beispiel einmal bis vier gezählt und wussten, dass meistens fünf Bomben nebeneinander sind. Ich habe also Angst heute in den Keller zu gehen. Es wird im Laufe der Jahre schlimmer. Wissen Sie, es gibt niemanden, der einem damals geholfen hat, das aufzuarbeiten. Der Keller ist für mich jetzt wieder Bedrückung. Aber jetzt ist es so, dass das zum Trauma wurde. Mein Mann wundert sich, dass ich nicht in den Keller gehe."

Lilo Katzke wohnt heute in der Lüneburger Heide, südlich von Hamburg:

"Ich ertappe mich jetzt im Moment dabei, dass mir das alles … also ich muss tief atmen, es nimmt mich ein bisschen mit. Das ist noch gar nicht so furchtbar  lange her – da war ich in Berlin und da hab ich mich endlich mal dahin getraut, wo ich gelebt habe, nämlich zu unserem Haus in Wannsee und das war schon ein seltsames Gefühl. Unser Haus war nicht mehr da. Es stand ein ganz andres Haus da drauf. Es ist wie ein Bruch in der eigenen Geschichte. Es ist kein sehr angenehmes Gefühl. Es ist ein Leiden irgendwie."

Auch für mich war die Rückkehr in den Keller im Haus meiner Kindheit beklemmend. Dennoch bin ich erleichtert. Ich habe die Kriegsjahre, die Bombenangriffe überlebt - geborgen, beschützt, ohne Vertreibung und Flucht. Das war mein Glück. Für mich und meine Familie gab es am Ende Entwarnung. Für die Flüchtlinge aus Syrien wird es trotz der Verhandlungen zwischen den Kriegsgegnern noch dauern, bis das Ende der Auseinandersetzungen kommt und wieder ein normales Leben zwischen Alleppo und Damaskus möglich sein wird. Ist ein normales Leben zwischen Aleppo und Damaskus überhaupt denkbar? Was wird bleiben, wenn die Waffen schweigen: Wie lange dauert der Nachhall der Explosionen?

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