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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.11.2012

Böse Abrechnung mit dem Medienzirkus

Nathanael West: "Miss Lonelyhearts", Manesse Verlag, Zürich, 2012, 170 Seiten

Zeitungen: Es geht nicht um Moral, es geht um die Auflage. (AP)
Zeitungen: Es geht nicht um Moral, es geht um die Auflage. (AP)

Dieser Roman aus dem Jahr 1933 handelt von einem heruntergekommenem Redakteur, der als Kummertante Fragen zu Ehekrisen und Geldsorgen beantwortet. Sein Stand ist erbärmlich: Von Kollegen verlacht und von der Freundin verschmäht, sorgt schließlich ein Leser für seinen Tod.

Die Klagebriefe häufen sich auf dem Tisch des Redakteurs, der für die Beantwortung dieser höchst speziellen Leserpost zuständig ist. Die Briefkastentante ist nämlich ein Mann, einer, den die Sorgen der Menschen verfolgen, der ihnen mit Alkohol, Zynismus und religiösen Phantastereien entgegen tritt. Ob es sich um Pubertätsnöte, Ehekrisen oder Geldsorgen handelt: Die Antworten sind immer verlogen.

Der 26-jährige Zeitungsmann hat in diesem Roman keinen Namen, er ist "Miss Lonelyhearts", wird vom Chef und den Kollegen aufgezogen, von einsamen Lesern verfolgt. Und seine Verlobte will ihn vom einfachen Landleben überzeugen. Da ist Sex auch keine Lösung. Heute würde man ihm wahrscheinlich ein Burnout-Syndrom attestieren, literarisch wird er zum Fall für die Psychiatrie. Dass es statt zur Einlieferung zum überraschenden Tod auf der Treppe kommt, dafür sorgt ein verrückter Leser.

Es geht in diesem Roman aus dem Jahr 1933 um den Medienzirkus, wie er damals war und heute noch ist. Moral und Wahrheit schreiben sich die Zeitungsleute nur zum Schein auf ihre Fahnen. Das einzig unumstößliche Gebot in diesem Geschäft ist die Auflagensteigerung. Alles andere ist fauler Zauber und Pseudomoral. Dashiell Hammet, der mit dem Autor befreundet war, schrieb "‘Miss Lonelyhearts‘ ist aus dem Stoff, aus dem unsere Zeitungen sind – bloß dass West die Wahrheit erzählt".

Nathanael West (1903-1940) war selbst ein genialer Lügner und biografischer Geschichtenerfinder. Auf diese Weise hatte er sich seinen Hochschulabschluss erschwindelt, und so versuchte er im Hollywood der 30er Jahre zu reüssieren. Er war mit seinen Drehbüchern jedoch ebenso erfolglos wie mit seinen vier kurzen Romanen. Die wurden erst nach dem Krieg wiederentdeckt (auch verfilmt) und als Meilensteine der amerikanischen Moderne gefeiert.

‚Miss Lonelyhearts‘ war Wests zweiter Roman. Er schert sich in diesem Buch mit dem vielversprechend süßlichen Titel nicht um die Erwartungshaltung der Leser, erzählt sprunghaft und assoziativ, führt Existenzen vor, die weder Empathie noch Identifikation erwarten können. Der Autor hatte Pech, denn trotz einiger guter Rezensionen und emphatischer Verrisse, verschwand das Buch im Frühjahr 1933 sofort wieder aus den Buchhandlungen. Der Verlag hatte Bankrott angemeldet, ein zweiter Veröffentlichungsversuch stieß dann nicht mehr auf Interesse. Über diese Geschichte wie überhaupt über den Werdegang des Autors schreibt der Herausgeber kenntnisreich im Nachwort dieser fabelhaften Neuübersetzung.

Besprochen von Manuela Reichart

Nathanael West: Miss Lonelyhearts
Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Dieter E. Zimmer
Manesse Verlag, Zürich, 2012
170 Seiten, 19,95 Euro

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