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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.10.2012

Blutige Erinnerungen

Liao Yiwu: "Die Kugel und das Opium", S. Fischer, Frankfurt/Main 2012, 430 Seiten

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu
Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu (picture alliance / dpa)

"Rowdys vom 4. Juni", so werden in China bis heute die Anhänger der Demokratiebewegung von 1989 genannt. Der friedliche Protest auf dem Tiananmen-Platz in Peking wurde vom Militär gewaltsam niedergeschlagen. Der Autor Liao Yiwu lässt Zeitzeugen zu Wort kommen.

Kaum ein Gefangener, der nicht irgendeine sexuelle Störung aus dem Gefängnis mitgebracht hätte. Die Folter mit dem Elektroknüppel hat bei vielen Häftlingen zu Impotenz und Inkontinenz geführt. Davon erzählt Liao Yiwu in seinem neuen Buch "Die Kugel und das Opium" ganz ohne Scham.

15 Interviews hat er für diesen Band zusammengestellt, die er zwischen 2003 und 2007 aufgezeichnet hat. 14 der Gespräche hat er mit Männern geführt, die nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Sie erzählen von ihren Erfahrungen in diesen hitzigen Tagen, ihrer Festnahme, Verurteilung und Haft. Außerdem erzählen sie, wie es ihnen nach ihrer Freilassung erging. Das 15. Gespräch ist ein Interview, das Liao Yiwu mit sich selbst geführt hat. Die Interviewten sind allesamt "Rowdys vom 4. Juni". So werden bis heute jene Bürger genannt, die damals auf die Straße gingen und die demonstrierenden Studenten auf dem Tiananmen unterstützen wollten.

Manche der Interviewpartner waren mehr, andere weniger revolutionär gestimmt, als sie sich den Demonstrationen anschlossen. Einige waren extra aus der Provinz angereist, andere ließen sich eher durch Zufall von der fiebrigen Stimmung auf den Straßen mitreißen. Einzelne wurden bloß für freche Reden verurteilt, andere haben liegengebliebene Armeefahrzeuge beschädigt oder sogar angezündet. Dafür wurden sie im Gefängnis geschlagen, getreten und gefoltert. Einem wurden mit einem Gewehrkolben die Zähne ausgeschlagen, ein Anderer wurde mit der Sprungfeder einer Tür bewusstlos geprügelt, und einem Dritten wurde ein Elektroknüppel in den Hintern eingeführt. Ein ordentliches Verfahren - öffentlich durchgeführt, mit persönlichem Anwalt und klaren Beweismitteln - hat nicht einer der Männer bekommen.

Trotzdem mussten die meisten für zehn oder mehr Jahre ins Gefängnis. Heute sollen im Raum Peking noch immer acht Männer inhaftiert sein. Ihre Namen und Biografien werden am Ende des Buches aufgeführt wie auch die Namen von 202 Menschen, die während des Massakers auf dem Tiananmen und in den Straßen Pekings starben. Tatsächlich ist dies aber nur ein kleiner Teil der Opfer, denn es sollen damals bis zu 3.000 Menschen umgekommen sein.

Doch auch die Leben der Überlebenden haben nachhaltigen Schaden genommen. Übereinstimmend erzählen die ehemaligen Häftlinge, dass sie seit ihrer Entlassung gesellschaftlich und beruflich nicht mehr auf die Füße kommen. Sie sind vom fortgeschrittenen Kapitalismus abgehängt worden, den Staatschef Deng Xiaoping direkt nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung zu propagieren begann. Mit dem Konsum - dem neuen Opium fürs Volk - kam auch das Vergessen der Kugeln von 1989.

Liao Yiwu fragt geduldig nach und lässt seinen teils gebrochenen, teils immer noch energischen Gesprächspartnern viel Raum. Mit seinen Interviews macht er verstehbar, was im Juni 1989 in China geschehen ist. Seine Bücher, die in Taiwan auch auf Chinesisch erscheinen, leisten einen unschätzbaren Beitrag zur chinesischen Geschichtsschreibung. Der totalen politischen Vertuschung der Demonstrationen von 1989 tritt er mit totaler Veröffentlichung entgegen.

Besprochen von Katharina Borchardt

Liao Yiwu: Die Kugel und das Opium. Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens
Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann
Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2012
430 Seiten, 24,99 Euro


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