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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.02.2011

Biografie eines Schattens

Leonardo Padura: "Der Mann, der Hunde liebte", Unionsverlag, Zürich 2011, 732 Seiten

Leo Trotzki in Moskau, 1921 (AP Archiv)
Leo Trotzki in Moskau, 1921 (AP Archiv)

Leonardo Padura ist einer der erfolgreichsten Autoren Kubas und hat Bekanntheit weit über die Grenzen seiner Heimat erlangt. In Paduras neuem Roman geht es um den russischen Revolutionär Leo Trotzki und um den Stalinismus, aber auch um Kuba.

Der kubanische Autor Leonardo Padura, Jahrgang 1955, ist bisher vor allem durch seine Krimis («Das Havanna-Quartett», «Adiós Hemingway») bekannt geworden. Als er zufällig herausfand, dass der Trotzkij-Attentäter Ramón Mercader bis zu seinem Tod 1978 unerkannt in Kuba lebte, entstand die Idee zu «Der Mann, der Hunde liebte», einer romanhaften Biografie des geheimnisvollen, schattenhaften Mannes mit den vielen Namen, der sich als sowjetischer Geheimagent in Leo Trotzkijs schwer bewachte Villa in Coyoacán, einem Vorort von Mexico City, einschlich und Stalins Erzfeind und ideologischen Hauptwidersacher am 20. August 1940 mit einem Eispickel tötete.

Paduras Großroman geht über die reine Attentäter-Biografie weit hinaus: Erzählt wird im Rückblick das ganze Jahrhundert des Stalinismus von Stalins Machtergreifung über Moskaus zynische Machtpolitik im Spanischen Bürgerkrieg und den Kalten Krieg bis hin zum letzten Reservat der Stalin-Treue, das sich in Fidel Castros Kuba bis ins 21. Jahrhundert erhielt.

Leonardo Padura strukturiert sein gewaltiges Erzählmaterial in zwei Hauptsträngen, die lange parallel laufen, ehe sie sich in der Katastrophe – dem Attentat in Mexiko – schneiden. Die einzelnen Flucht-Stationen Trotzkijs, seiner Familie und engsten Vertrauten – von seiner Verbannung nach Alma-Ata und seiner Ausweisung aus der Sowjetunion 1929 bis zu seiner Ermordung elf Jahre später – werden immer abwechselnd mit den Lebensstationen seines Mörders erzählt. Ein dritter Erzählstrang spiegelt die Opfer- und die Täter-Geschichte in der kubanischen Gegenwart des Autors, der mit bemerkenswerter Offenherzigkeit zeigt, wie in Castros Mangelgesellschaft die Überreste des Stalinismus bis in unsere Tage fortwesen.

Immer noch weiß man wenig über den Attentäter Ramón Mercader (1913–1978), den aus Barcelona gebürtigen Großbürgersohn, katalanischen Kommunisten und Guerillakämpfer, der vom sowjetischen Geheimdienst NKWD während des Spanischen Bürgerkriegs angeworben und jahrelang umsichtig und geduldig auf das Attentat vorbereitet wurde. Noch weniger ist über Mercaders weiteres Leben bekannt – außer, dass er für den Mord zwanzig Jahre in mexikanischen Gefängnissen einsaß, 1960 freikam und danach, zum Helden der Sowjetunion ernannt und mit dem Leninorden ausgezeichnet, abwechselnd in Prag, Moskau und Havanna lebte.

Die vielen blinden Flecken in Mercaders Lebenslauf geben dem Autor Padura Gelegenheit, sie nach Gutdünken mit eigenen Mutmaßungen und Spekulationen aufzufüllen. Der Roman, der ausladend, redselig und mit viel Ritardando beginnt, nimmt immer mehr Fahrt auf und verdichtet seine Spannung, je näher der Höhepunkt, das eigentliche Attentat, heranrückt. Bereits im Augenblick des Mordes ist sich der Täter seiner Sache insgeheim nicht mehr sicher. Mindestens so wichtig wie die Vorbereitung des Attentats nimmt der Autor die Nachgeschichte: Er zeigt die Drahtzieher der Jagd auf Trotzkij als alte, ausgelaugte und vollkommen desillusionierte Geheimdienst-Veteranen in Moskau, die zynisch dem Stalinismus beim Verfaulen zusehen und an gar nichts mehr glauben, am allerwenigstens an die Notwendigkeit des Mordes an Trotzkij.

Besprochen von Sigrid Löffler

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte. Roman
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag, Zürich 2011
732 Seiten, 28,90 Euro

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