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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.10.2014

BildungSchon Grundschüler sollen Philosophie lernen

Philosoph: "Verstehen, dass andere die Welt ganz anders sehen"

Interview: Liane von Billerbeck

Grundschüler beim Schreiben (picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Schon Grundschüler sollen Philosophieren lernen. (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

In der Grundschule sollte Philosophie als Unterrichtsfach eingeführt werden, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Michael Quante. Denn so könnten die Kinder "Kompetenzen und Fähigkeiten einüben, die wir in einer vielfältigen pluralen Alltagswelt brauchen".

Liane von Billerbeck: Die Deutsche Gesellschaft für Philosophie will – wen wundert's – ihr Fach, die Philosophie, in den Schulen verankern, und zwar schon für Erstklässler. Das wird auch eines der Themen auf dem 23. Philosophiekongress in Münster sein, der heute beginnt, und Michael Quante wird dort sein – er hat es nicht weit, denn er ist Professor in Münster – und als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie auch dort... Und das Thema Philosophie in der Schule ist auch einer seiner Schwerpunkte. Herr Professor Quante, ich grüße Sie, guten Morgen!

Michael Quante: Ja, einen schönen guten Morgen!

von Billerbeck: Warum bitte sollen sich Erstklässler mit Philosophie beschäftigen? Was können denn Fünf- oder Sechsjährige mit Kant anfangen?

Quante: Fünf- oder Sechsjährige werden sicherlich nicht Kant lesen, aber es gibt andere Weisen, wichtige Dinge, die die Philosophie vermittelt, im Unterricht zum Gegenstand zu machen, ich sage mal Rollenspiele, Konfliktsituationen üben, altersangemessene Texte. Die Idee ist, Kompetenzen und Fähigkeiten einzuüben, die wir in einer vielfältigen, pluralen, und wenn wir das Projekt der Inklusion umsetzen, ja noch reichhaltigeren und differenzierteren Alltagswelt brauchen: Perspektivübernahme, verstehen, dass andere die Welt ganz anders sehen, andere Werte und Normen haben, wissen, was man selber für eine Einstellung hat, lernen, diese zu artikulieren und auch verstehen, wo die Unterschiede sind und erste Begründungen anzuführen für Normen, also wenn man Konflikte hat und so weiter. Und für diese Kompetenzen scheint mir Philosophieren und das Klassische, was Philosophie vermittelt, ideal zu sein.

von Billerbeck: Klingt für mich bisher so ein bisschen auch nach Gesellschaftskunde, Herr Quante. Wie soll denn der Philosophieunterricht ganz praktisch da aussehen?

Quante: Wie gesagt, es gibt schon lange – das haben wir hier in Münster, das macht vor allem unsere mit Fachdidaktik beschäftigte Arbeitsgruppe – Philosophieren mit Kindern. Es gibt ganz verschiedene Versionen, dass man zum Beispiel mit Geschichten, die Konflikte enthalten, versucht zu vermitteln, was dort überhaupt Gegenstand des Streits ist. Es gibt natürlich, das weiß jeder, der Kinder erzieht, sehr fundamentale Gerechtigkeitsintuitionen, es gibt auch schon das Bedürfnis, Sinnfragen zu stellen und so weiter. Das heißt, man wird in den vielfältigsten Formen versuchen, solche Kompetenzen einzuüben.

Es ist ohnehin, auch in den anderen Bereichen der Philosophie, eine Entwicklung da, nicht nur mit dem klassischen Arbeiten mit Texten vorzugehen, sondern auch mit anderen Medien, also mit Film, das wird viel diskutiert, andere Bereiche sind eben über das Darstellen von Dilemmata näherzukommen an diese Sachen. Ich glaube, dass wir da natürlich am Anfang sind und dass es eben wichtig wird, dann geeignete Curricula für die Schulen zu entwickeln, aber dass es reichhaltige Möglichkeiten geben wird.

Schon auf Kindergeburtstagen zeigt sich das Potenzial der Kleinen

von Billerbeck: Bis zu welchem Abstraktionsgrad verstehen denn so, sagen wir, Erst- und Zweitklässler überhaupt philosophische Themen?

Quante: Das müssen Sie letztendlich natürlich Fachdidaktiker und entwicklungspsychologisch informierte Kolleginnen und Kollegen fragen. Wir müssten, wenn wir das etablieren, natürlich mit anderen Disziplinen zusammen auch Hintergrundforschung betreiben. Das wäre sogar etwas, was wir gerne in Münster in den nächsten Jahren etablieren würden, um genau zu schauen, was altersgerechte Unterrichtsmaterialien, altersgerechte Vorgaben sind.

Es gibt dort aber bereits gute Forschung, und ich glaube, wer mal einen Kindergeburtstag erlebt hat, wo es dann um Spiele geht oder auch um die Verteilung der Süßigkeiten, der sieht, dass Kinder für Verteilungsgerechtigkeit oder auch für Beleidigung und Ausgrenzung durchaus einen Sinn haben und auch versuchen, das zu artikulieren und eben nicht immer nur mit Ärger und Emotionen, sondern auch vermittelnd eingreifen können. Und darauf kann man aufbauen.

Ein Schüler einer dritten Klasse der Evangelischen Grundschule in Frankfurt (Oder) meldet sich beim Deutschunterricht, aufgenommen am 14.01.2009. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)Ethik-Unterricht ist an Grundschulen keine Pflicht. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

von Billerbeck: Nun ist ja auch zu hören, dass nicht alle Eltern von Ihrer Idee, Philosophie in die Schulen und auch schon bei kleinen Kindern zu bringen, begeistert sind. Das Argument dagegen lautet ja manchmal, Philosophie käme dem Religionsunterricht in die Quere. Wie sehen Sie das?

Quante: Das ist schön, dass Sie das fragen. Mein Eindruck in den letzten Jahren ist erstens: Empirisch stimmt es nicht. Es gibt zwar keine großflächigen Untersuchungen, man kann aber in Nordrhein-Westfalen, wo ja das Fach praktische Philosophie ab der Klasse 5 als Alternative eigentlich gesetzmäßig angeboten werden muss, beobachten, dass in Schulen, wo die praktische Philosophie angeboten wird, die Teilnahme am Religionsunterricht steigt. Man kann sich das so vorstellen, dass dann sozusagen ...

von Billerbeck: Konkurrenz belebt das Geschäft?

Keine Konkurrenz zum Religionsunterricht

Quante: ... dass das Bedürfnis und die Bereitschaft, sich mit diesem ganzen Werte- und Reflexionsbereich zu beschäftigen, eher angeregt wird, sodass es kein Konkurrenzverhältnis ist. Meine Erfahrung im Gespräch mit den Politikern, die dafür zuständig sind, ist eher, dass diese die Sorge haben, Eltern könnten so reagieren, und dass sie dann sozusagen schlechte Stimmung im Wahlvolk erzielen.

Weder die religiösen Eltern, glaube ich, noch die Kirchen und andere Verbände sehen das als ein Konkurrenzverhältnis, sondern wir wollen insgesamt diesen Bereich stärken, und alle zielen ja auf Dialog ab, und es wäre ja ganz verrückt, dieses Ziel sozusagen zu unterlaufen, indem man so eine Art Konkurrenz und Marktidee dahinter stellt. Das ist eine Fiktion, die eher die Angst von Schulleitungen und Politik ausdrückt als die Realität. Ich denke nicht, dass das ein unüberwindbares Problem wäre.

von Billerbeck: Philosophie in die Schulen – der Münsteraner Professor Michael Quante war das, der zudem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie ist. Heute beginnt in Münster der Philosophiekongress, der 23. Ich danke Ihnen!

Quante: Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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