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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

Bildende Kunst Die Wirklichkeit formschön verrätseln

Retrospektive des Multimediakünstlers Baruchello in Hamburg

Von Anette Schneider

Der italienische Künstler Gianfranco Baruchello steht vor seinem Werk "La presqu'ile interieure A" in seiner Ausstellung in der Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen in Hamburg.  (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Reinhardt)
Künstler Gianfranco Baruchello vor seinem Werk "La presqu'ile interieure A" in den Hamburger Deichtorhallen. (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Reinhardt)

Gianfranco Baruchellos Kunst ist kaum zu entschlüsseln. Wilde oder zarte Linien wühlen sich durch die Bilder. Erst bei näherer Betrachtung geben sie sich zuweilen als Stühle oder Figuren zu erkennen. Jetzt werden seine Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt.

Ein Ölbild mit einem feinen Netz aus schwarzen Linien auf hellem Grund. Objekte aus alten Holzlatten und Türklinken. Bücher, ertränkt unter dicker weißer Farbe, als wären Ideen und Gedanken leblose Denkmale. Mit diesen unterschiedlichen Arbeiten aus den späten 50er-Jahren eröffnet die Ausstellung. Doch Gianfranco Baruchello macht noch weitaus mehr.

Kurator Dirk Luckow: "Er hat sich mit dem Medium Film beschäftigt. Er malt, er zeichnet, er macht Skulptur, und bringt auch all diese Dinge zusammen. Er ist aber gleichzeitig auch Schriftsteller. Hat ‘ne Farm aufgebaut. In der Hauptsache aber ist er ein Künstler, der die Welt des Gegenständlichen zu einer einzigartigen, minutiösen, künstlerischen Formensprache zusammenbringt."

Alle diese Facetten zeigt die große Ausstellung. Schwerpunkt bildet dabei Baruchellos Malerei: Auf insgesamt drei Stockwerken hängen gefühlt hundert großformatige, monochrom weiße Bilder. Erst beim Nähertreten sieht man, dass sie zart bemalt sind mit winzigen, immer ähnlichen Zeichen, Linien und Wörter. Die meisten sind nicht entschlüsselbar. Nur manchmal erkennt man Stühle, eine Figur, ein Haus.

"Man hat ein bisschen den Eindruck, als wenn man vor den Bildern in den Raum des Denkens selber eintritt. Es wird einem da auch kein Zentrum geboten, keine Ränder. Es ist so, als ob man es mit den Augen abwandern müsste, und dann auf diesen Kosmos einlassen müsste. Und dann wird’s aber enorm reizvoll."

In großbürgerlichen Verhältnissen geboren

Baruchello wurde 1924 in Livorno in großbürgerlichen Verhältnissen geboren. Der Forderung des faschistischen Vaters folgend, studierte er während des Krieges Jura. Danach gründete er eine biochemische Firma, und Ende der 50er-Jahre entschied er sich für die Kunst: Befreundet mit Marcel Duchamp, stellte er bereits 1962 in New York in der 1. Ausstellung der Pop-Art-Künstler aus.

Wie viele Künstler wurde Baruchello wenig später durch Vietnamkrieg und Studentenunruhen politisiert. Doch anders als etwa seine italienischen Kollegen Pasolini oder Renato Guttuso, die mit ihrer Kunst eingreifen und die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern wollten, begann Baruchello, Leinwände mit Formen und Zeichen zu füllen. Das macht er bis heute. Was ist daran reizvoll?

"Die ganze Welt um einen herum suggeriert einem ja ständig, dass man alles verstehen würde. Und die ist aber komplexer. Und der Baruchello geht aber mit Komplexität um, ohne sie zu vereinfachen. Es ist ja wie in so einer Neurogeografie, in die man da einsteigt, wie in ein Gedankensystem. Es sind diese Dinge tatsächlich - die auf den ersten Blick eine Erzählung sein könnten - auf den zweiten dann aber doch sehr willkürlich."

Dieses Willkürliche, und damit beliebig Interpretierbare, durchzieht die ganze Ausstellung. Es setzt sich fort in Textarbeiten, und in zahlreichen Schaukästen, die an Krämerläden für Kinder erinnern: Miniaturhaft klein versammeln sie z.B. eine Bibliothek, Kieselsteine und Getreidekörner, winzig geschriebene Wörter und Tabellen.

"Das Innen und Außen schiebt sich so ineinander. Man weiß gar nicht: Nimmt man hier an einem Traum teil? Oder an einer wissenschaftlichen Analyse? Ist es ein Inventar dieser Welt? Eine Art Auflistung?"

Beliebig interpretierbar

Oder ist es einfach eine andauernde Flucht vor der Wirklichkeit? Dabei gelangen Baruchello in den 60ern einige durchaus auch überzeugende, weil der Realität zugewandte Arbeiten: So läuft ein Experimentarfilm, in dem er zahlreiche typische Szenen aus Hollywoodfilmen aneinander schnitt, und so ironisch das beschränkte Vokabular des kommerziellen Films vorführt. Diese Collage inspiriert Filmemacher bis heute. Oder er verschickte in etlichen Aktionen Kunstwerke an bestimmte Adressaten. Mitten im Vietnamkrieg ging z.B. an das Pentagon ein kleiner Holzkasten mit drei in Schaumstoff eingelassenen Metallteilen.

"So eine Mischung aus Handgranate und stilisierter Vorrichtung zum Entsichern von Schnellschusswaffen. Aber es hatte so etwas von einem Handschmeichler für Soldaten: Zum Relaxen, zum Entspannen, ja? ´Einmal durchatmen`. Es ist sehr subversiv. Und hinterhältig. Und auch ein Stück weit gemein."

Die meisten der versammelten Arbeiten aber sind - in erklärter Absicht des Künstlers - nicht entschlüsselbar. Sie sind also eine Art Privatmythologie, und die wird irgendwann ziemlich langweilig. Andererseits dürfte genau sie der Grund sein, weshalb Baruchello gerade eine kleine Renaissance erlebt: Wer die Wirklichkeit so formschön verrätselt, ist beliebig interpretierbar, tut niemandem weh. Und: Er verschont einen davor, sich der unschönen Realität stellen, und um Alternativen ringen zu müssen. Denn wer die Welt als undurchschaubar präsentiert, erklärt die bestehenden Verhältnisse für unveränderbar, was ganz dem vorherrschenden Denken in Politik und Kultur entspricht.

 

Die Schau "Gianfranco Baruchello - Certain Ideas. Retrospektive" ist vom 14. Juni bis zum 28. September 2014 in der Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen in Hamburg-Harburg zu sehen. 

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