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Buchkritik | Beitrag vom 30.11.2016

Bildband "Essenz" von Edward BurtynskySchockierend und faszinierend zugleich

Von Eva Hepper

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Der kanadische Fotograf Edward Burtynsky bei einem Pressegespräch in Berlin im Jahr 2009 vor seinem Foto "Highway '#5", aufgenommen im Jahr 2012 in Los Angeles, Kalifornien (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Der kanadische Fotograf Edward Burtynsky vor seinem Foto "Highway '#5", aufgenommen im Jahr 2009 in Los Angeles, Kalifornien (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Steinbrüche, Staudämme, Kupferminen - die Eingriffe des Menschen in die Landschaft dokumentiert der kanadische Fotograf Edward Burtynsky. Ethik und Ästhetik prallen aufeinander. So zwingt er den Betrachter, sich zu den Bildern zu verhalten.

Es braucht eine Weile, bis der Betrachter versteht, was die Fotografie zeigt: über eine bildfüllend beige-braune Fläche ziehen fächerartig auseinanderstrebend breite und schmale Linien. Sie gehen von einem dicken Hauptstrang aus und verästeln sich bis ins Feinste. Grau, braun und schwarz sind ihre dominierenden Farben. Damit harmonieren sie perfekt mit dem Untergrund. Ein hoch ästhetisches Bild; fein komponiert und ausbalanciert.

Was aber ist das? Ein kahler Baum aus ungewohntem Blickwinkel abgelichtet? Ein Blatt mit seinen Adern als Makroaufnahme? Die Bildunterschrift erklärt: Delta des Colorado River. Aber wo ist das Wasser?

Irritiert und zugleich bezaubert ob der Schönheit des Bildes stellt man fest: Die feinen Linien zeigen ein ausgetrocknetes Flussdelta in verdorrter Landschaft. Der über 2000 Kilometer lange Colorado wird so oft gestaut und reguliert, dass an seinem natürlichen Ende nichts mehr ankommt. Modernes Wassermanagement einer durstigen Gesellschaft.

Noch nie zuvor gezeigte Fotografien

Das Bild des geschundenen Flusses stammt von Edward Burtynsky. Seit Jahrzehnten ist der kanadische Fotograf weltweit unterwegs und dokumentiert die Eingriffe des Menschen in die Landschaft. In eindrucksvollen Serien und Filmen zeigte er Kupferminen, Salinen und Tagebau-Gelände, Bewässerungssysteme und Staudämme, Steinbrüche, Rückstandshalden und Schiffsabwrackungen. Der opulente Bildband "Essenz" versammelt nun erstmals Bilder aus allen Serien und noch nie zuvor gezeigte Fotografien.

Cover des Bildbandes "Edward Burtynsky. Essenz" von William A. Ewing (Random House)Cover des Bildbandes "Edward Burtynsky. Essenz" von William A. Ewing (Random House)William A. Ewing, Herausgeber und Fotografie-Experte, zeigt Burtynskys Werke nicht thematisch gebündelt, sondern durchmischt wie ein Kartenspiel. So ergeben sich verblüffende Kombinationen. Etwa wenn die linke Seite eine sich terrassenförmig in die Tiefe schneidende Kupfermine zeigt und die rechte eine sich nach unten schraubende Reifenhalde. In beiden Fällen wird der Betrachter magisch in den Abgrund gezogen. Genauso wenn das Foto eines Elektroschrott-Müllplatzes dem eines gigantischen Neuwagen-Terminals gegenüber steht. Auch hier werden inhaltliche und formale Bezüge augenfällig.

Denkanstöße und Irritation sind das Ziel

Denkanstöße und Irritation will der Herausgeber durch die ungewöhnliche Inszenierung auslösen, wie er in seinem glänzenden Vorwort schreibt. Tatsächlich ist es anregend, zwischen den Paarungen hin- und herzuwandern und die eindrückliche Bildsprache des 61-jährigen Fotografen im Vergleich der Motive zu studieren.

Das liegt insbesondere an der explizit künstlerischen Herangehensweise Edward Burtynskys. Die Bilder des vielfach preisgekrönten Kanadiers, aufgenommen mit einer Großformatkamera und aus bisweilen großer Höhe, sind von hinreißender Schönheit. Ethik und Ästhetik prallen geradezu aufeinander, wenn er von Nickel rot gefärbte Wasserläufe, kreisrund bewässerte Felder in der Wüste oder Phosphorabsetzteiche in einer Pracht zeigt, die auch einem Atompilz eigen ist. Das ist so schockierend wie faszinierend und hallt lange nach.

Edward Burtynky zeigt nicht weniger als die Beschaffenheit des Planeten im Anthropozän. Und er zwingt den Betrachter, sich dazu zu verhalten. So oder so.

William A. Ewing: Edward Burtynsky. Essenz
Übersetzt von Karin Weidlich
Prestel Verlag. München 2016
200 Seiten, 59,00 Euro

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