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Lesart | Beitrag vom 10.01.2017

Bildband: Bjaerke Ingels GroupReform-Architektur als Inspiration

Von Nikolaus Bernau

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GebäudeVIA 57 West: Apartment Building der Bjarke Ingels Group am Hudson River in New York (imago/Kraft)
GebäudeVIA 57 West: Apartment Building der Bjarke Ingels Group am Hudson River in New York (imago/Kraft)

Jede Menge Anregungen für außergewöhnliche Bau-Formen finden Laien und Profis in dem Bildband "Hot to Cold". Das üppige Werk der dänischen Reform-Architekten Bjaerke Ingels Group beeindruckt aber auch mit Ideen für ressourcenschonendes, nachhaltiges Wohnen.

Nicht erst, seitdem sie für ihr pyramidenförmiges Hochhaus am Hudson River in Manhattan den Preis des besten Hochhauses 2016 erhielten, oder im Wettbewerb für das Berliner Museum der Moderne reüssierten, ist BIG einer der großen Player der Weltarchitektur. Kaum ein Land, für das sie nicht entwerfen. Und immer behaupten sie, besonders nachhaltig, klimaschonend und gesellschaftlich liberal zu arbeiten.

Da wenigstens in der Rhetorik niemand gegen solche Werte ist, haben sie Erfolg. Und deswegen können sie in diesem dicken Band anhand des eigenen Werks eine Weltreise unternehmen, die zeigen soll: WIR machen eine Architektur, die das technologische Zeitalter nicht in alle Ewigkeit fortsetzt, sondern reformieren will. Das Buch beginnt mit Projekten in superheißen Ländern wie etwa den Golfstaaten und geht nach Norden, wobei Dänemark doch einen erheblichen Schwerpunkt darstellt. Keine Baugattung fehlt, bis hin zu einem Zoologischen Garten. Und immer macht es Spaß, ist es interessant, was die Ingenieure bei BIG so ausgeknobelt haben.

Ein bisschen wie der hauseigene Werbe-Katalog

Nicht nur auf den ersten Blick erscheint das Buch dabei aber wie die gedruckte Ausgabe des BIG-Onlinekatalogs: Es sind vorzüglich gerenderte Illustrationen, immer mit freundlich hellem Himmel und sattem Grün. Diese Abbildungen sind der Formenkatalog, und tatsächlich spricht der sehr knappe Text kaum von Konzepten, viel aber von einem neuen, eleganten "Stil". Die beigefügten Zeichnungen und Pläne sind meistens ebenfalls in wettbewerbsfähig schöner Aufmachung abgedruckt. Aber gerade deswegen sind sie auch für Nicht-Fachleute überraschend gut zu lesen.

Lassen wir jetzt einmal beiseite, das für kein einziges Projekt eine Energiebilanz beigegeben ist, also eine Aufrechnung, was für den Neubau energetisch investiert werden musste und was mit ihm dann irgendwann einmal gespart werden kann. Viel wichtiger ist, dass in diesem Buch tatsächlich eine Art Formenkatalog dessen zu erblättern ist, was heute an neuen Formen möglich ist, die einerseits die Umwelt schonen, andererseits den heutigen Komfort- und Kommerz-Bedürfnissen dienen.

Gegen die Überhitzung der Welt

Man kann also inzwischen Bürohäuser selbst am Golf weitgehend natürlich klimatisieren, Museen mit herrlichem Tageslicht ausstatten, ohne die Kunstwerke zu zerstören und Wohnhäuser planen, die alle Anforderungen an einen gehoben-nachhaltigen Lebensstil erfüllen.

Angesichts all dieser neuen Erfahrungen überliest man dann fast die nette kleine Sprechblase auf einer der Zeichnungen, in der die BIG-Architekten bekunden: Ja, dieser Lautsprecher für Handys auf einem Platz in Kopenhagen wird auch dann betrieben, wenn die Nachbarn genervt sind. Auch bei solchen superdemokratischen, superökologischen Architekten darf Mitsprache also nicht zur Mitbestimmung führen.

Kurz: Ein Buch, das mit seinen vielen Bildern und Grafiken schön auf dem Arbeitstisch liegen wird, das viele Architekten und Bauherren zu vielen neuen Ideen inspirieren könnte, wie man die Überhitzung unserer Welt ausbremsen kann, dass aber ansonsten eigentümlich kalt lässt. 

(huc)

Serpentine Pavilion im Londoner Hyde Park im Sommer 2016 (imago/robertharding)Serpentine Pavilion im Londoner Hyde Park im Sommer 2016 (imago/robertharding)

Bjaerke Ingels Group (BIG), Hot to Cold. Anpassung in der Architektur – eine Odysee, in Zusammenarbeit mit Florian Kobler
Taschen Verlag, Köln 2016
711 Seiten, 39,99 Euro

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