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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.06.2012

Bewegung und Vibration

Stadtplaner Auinger über den Zusammenhang von Sound und Stadt

Sam Auinger im Gespräch mit Ulrike Timm

Wie klingt Berlin (hier der Reichstag)?
Wie klingt Berlin (hier der Reichstag)? (picture alliance / dpa)

Was kann getan werden, damit Städte besser klingen? Darüber diskutieren Stadtplaner und Architekten bei "berlin sonic places". Sam Auinger, Professor für experimentelle Klangkunst an der Universität der Künste, sucht nach Antworten.

Ulrike Timm: Ob man Städte am Klang erkennen kann, wie Städte klingen und wie man auch mit Hilfe der Stadtplanung sie akustisch verbessern kann, wie man sie menschengerechter machen kann, damit beschäftigt sich der Professor für experimentelle Klangkunst, Sam Auinger. Und bevor wir darüber sprechen, wollen wir doch erst mal testen, ob er jetzt weiß, wo wir sind.

Einspielung O-Ton

Timm: Herr Auinger, schönen guten Morgen.

Sam Auinger: Good Morning, everybody!

Timm: Oh! Welche Stadt haben wir gerade am Wickel?

Auinger: Ja, ich glaube, es ist eine der wenigen Städte, die sich am Klang erkennen lässt, ohne vielleicht sogar selbst dort gewesen zu sein, das ist London.

Timm: Das war Big Ben, der ist natürlich ohrenfällig. Wenn man Städte, wenn man sich in Städten am Klang orientiert, und wenn wir jetzt Big Ben rausgemixt hätten, wäre die Chance wahrscheinlich ziemlich kleiner gewesen. Verkehr ist überall.

Auinger: Wie Sie richtig sagen, die Chance wäre sicher kleiner gewesen. Stadtklang setzt sich aber, wie sie es auch hier gemacht haben, einfach aus vielen Dingen zusammen. Es setzt sich aus dem Verkehrssystem, aus Eigenheiten kultureller, topografischer wie klimatischer. Aber ich glaube, dass London, was Sie ausgesucht haben, in der Richtung schon seine Einzigstellung hat, einzigartig ist, weil, ich glaube, wir kennen sonst keiner Stadt, hat sich das so medial so durchgesetzt, dass sozusagen ein Klang so ikonografisch geworden ist wie visuell das Zeichen des Alex, sag’ ich mal, woran man Berlin erkennt, glaub’ ich, in dieser Kürze kann man das eigentlich nur bei London.

Timm: Weil es so ohrenfällig ist. Welche Stadt klingt denn für Sie am schönsten?

Auinger: Ja, diese Frage stelle ich mir eigentlich so nicht. Ich glaube, das hängt immer sehr von seinen eigenen Zuständen ab. Für mich ist es sicher so, dass ich einfach Städte liebe. Oder mir Städte viel vertrauter sind, die einen großen Fluss in ihrem inneren Stadtkörper haben. Große Flüsse haben einfach, oder Flüsse wie Frankfurt am Main, Donau oder die Themse oder was auch immer, oder in Paris, hat einfach immer zur Folge, dass Sie sozusagen große, weite Räume haben, sowohl zum Sehen wie auch zum Hören. Und das ist so ein Charakteristikum, das mir persönlich, das mich anspricht. Was aber nicht heißen soll, dass mir Berlin nicht gefällt.

Timm: Unterscheiden Sie als Klangkünstler eigentlich Lärm und Klang oder ist Ihnen das im ersten Moment erst man egal und Sie experimentieren mit beidem?

Auinger: Es passiert uns eigentlich täglich, dass wir sozusagen diese Dinge wie auf einer Waagschale so in einen Satz nehmen, hier ist der Klang, und hier ist der Lärm. Das sind einfach beides, glaube ich, zwei doch unglaublich differenzierte, und auch wieder an Bedingungen gekoppelte Begriffe. Sie kennen das sicher alle, für jemanden kann etwas Lärm – oder versuchen wir es mal so: Ich empfinde, was man lärmwürdig definiert, als störenden Klang. Und im landläufigen wird aber Lärm sozusagen auch gleich mit Lautstärke gleichgesetzt.

Und störender Klang kann jetzt vielerlei Gründe haben. Das könnte Gründe haben, dass ich sozusagen aus meiner persönlichen Geschichte mit diesem Klang einfach nichts anfangen kann. Es kann aber auch ganz einfach damit zu tun haben, dass ich jetzt gerade in einer Lebenssituation bin, wo sich ein Klang aufdrängt, mit dem ich in dem Moment nichts zu tun haben möchte. Das heißt, es ist eigentlich relativ wichtig, sich genauer eben auch über die Situation, die Situation zu hinterfragen.

Timm: Ich frage Sie das, weil ein Stadtplaner, der zum Beispiel in einer Großstadt baut, ja immer sagen muss, Lärm gibt es nun mal. Es gibt Verkehrslärm, es gibt, wenn es einen Fluss hat, eventuell ein Wehr, es gibt natürliche Laute, es gibt künstliche Laute. Der muss mit Lärm einfach umgehen und eine große Stadt kriegen Sie beim besten Willen nicht leise. Wozu auch? Sonst wäre es ja keine große Stadt. Aber wenn ein Stadtplaner die Akustik mit planen soll, damit sie für Menschen angenehm ist, woran muss der denken?

Auinger: Ich glaube, es geht einfach darum, dass wir, wenn wir uns unser, einfach angucken, wie wir einfach wahrnehmen, wie wir kommunizieren, wie wir soziale Interaktionen gestalten, dann gibt es vielleicht so ein paar Grunddinge wie, dass uns einfach wareant, ist einfach eine wichtige Geschichte ist, das heißt, in dem Moment, wo ich eine Planungssituation schaffe, wo mehr oder minder die gleiche Situation ununterbrochen herrscht, das heißt, dann kann es zwar kulturell passieren, dass das in dem Moment genau richtig ist. Wenn Sie sich zum Beispiel in Berlin daran erinnern, oder wir haben in Deutschland unglaublich viele Beispiele, wo in den 60er-Jahren, ich sag jetzt mal einfach Autobahnen, Stadtautobahnen einfach ein Zeichen von Modernität war.

Ich kann mich zum Beispiel erinnern, in Darmstadt wurde auch um diese Zeit das Theater gebaut, da können Sie eigentlich mit dem Auto bis zum Sitzplatz fast fahren. Das heißt, das Auto war einfach das Zeichen des neuen Wohlstands, der neuen Modernität. Und ich glaube, jeder hat sich gefreut, wenn er nahe an einer Autobahnzufahrt gewohnt hat. Das hat sich jetzt einfach nach 40 Jahren total verändert.

Das heißt, es gibt auf der einen Seite sozusagen diese kulturelle Geschichte, und auf der anderen Seite gibt es einfach die Frage, die sich auch Ihr Tonmeister stellen muss: Um welche Hörsamkeiten geht es da, welche Zusammenhänge möchte ich eigentlich in diesem Stadtraum passieren lassen, welche Interaktionen möchte ich haben, und sind die unter diesen gegebenen Situationen einfach möglich.

Timm: In London hat man das ja sogar kartografiert, es gibt eine Art akustischen Stadtplan. Hatte ich noch nie von gehört. Warum hat man sich entschlossen, so was zu machen, und was soll das bringen?

Auinger: Na, ich glaube einfach, dass – Sie müssen es ja so verstehen: Wenn Sie heute Verkehrsplaner sind oder Stadtplaner, Sie gestalten ja sozusagen akustisch wirklich eine Stadt mit bestimmten Entscheidungen, wie Sie Verkehrsstraßen führen, wie Sie einfach sozusagen diese Interaktionen im speziellen die ökonomischen und transitorischen einfach organisieren. Und darüber sozusagen Bescheid wissen können, wie geht man überhaupt an was dran, welche Fragestellungen entwickelt man dafür.

War das zum Beispiel eine Geschichte, die man gemacht hat? Aber es ist zurzeit, glaube ich, so weit ich weiß in der EU überhaupt Pflicht eigentlich für alle Städte, so etwas wie einen Lärmplan der Städte zu haben. Das heißt, es werden einfach alle Straßen, alle Wohngebiete berechnet, mit welchen Pegeln Sie sozusagen da irgendwie bedient werden. Und, aber ich glaub’, das, um was es eigentlich wirklich geht, ist sozusagen, sich bestimmte Fragen zu stellen, was möchte ich in diesen Räumen.

Timm: Ich stelle Ihnen mal eine Frage: Picadilly, sehr lauter Ort in London. Wenn ein Stadtplaner sagt, ich möchte das leiser kriegen, hat er sofort die Verkehrsplaner gegen sich. Wie tariert man das aus?

Auinger: Ja, ich glaube, das ist natürlich überhaupt diese Fragestellung ist, die sich in Zukunft bei all diesen Dingen einfach zu reiben beginnen. Wir haben einfach unglaublich dichtes Verkehrsaufkommen, wir haben immer mehr Menschen, wir sind immer mehr in Städten. Wir vergessen eigentlich, dass Klang eigentlich grundsätzlich etwas mit Bewegung und Vibration zu tun hat, dass in dem Moment, wo wir uns sozusagen bewegen, wo wir irgendwelche Aktionen machen, werden wir einfach Klang haben.

Und auf der anderen Seite würde auch Klang oder eine gewisse Art von – wenn Sie jetzt beim Piccadilly-Circus bleiben, eine gewisse Art von sozusagen die Stadt brummt. Dann hat das auch, sozusagen auch seine atmosphärischen Qualitäten. Das heißt, Menschen zum Beispiel, wenn Sie sich in New York mit jemandem in der überfüllten Grand Central unterhalten, mit einem New Yorker, dann empfindet der etwas als was Richtiges, als was Spannendes, das gibt ihm das Gefühl, die Stadt funktioniert und wir schaffen das alles et cetera.

Timm: Klang gibt Kraft?

Auinger: Genau.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton im Gespräch mit dem experimentellen Klanggestalter Sam Auinger, der sich mit dem Klang von Städten beschäftigt und damit, wie man eine akustische Stadtplanung erreichen kann. Aktuell gibt es am Wochenende in Berlin ein Treffen von Klangkünstlern und Stadtplanern, "Sonic Places", und Sie sind unter anderem damit beschäftigt, einen sehr bekannten Platz in Berlin zu gestalten. Was machen Sie da, am Kollwitzplatz?

Auinger: Dieses ganze Projekt findet statt aufgrund der Einladung Peter Kusicks, eines englischen Künstlers und Komponisten, er nennt sich auch "Sonic Journalist", der hier zurzeit Gast des DAD ist. Und der einfach mit Studenten von mir unter anderem das in Schändelpark und den Kollwitzplatz untersucht hat und aus dieser Untersuchung einfach, oder versucht, mit diesem Material, was da, und den Stücken, die da entstanden sind, sozusagen Diskursmaterial zu schaffen, um einfach über Stadtklang sprechen zu können.

Warum diese zwei Orte? Kollwitzplatz ist ein sehr prominenter Ort am Prenzlauer Berg, Schändelpark für die Leute, deswegen ist, liegt auch im Mitte-Bereich. Beide Orte sind einfach Orte, in denen große Veränderungen in den letzten 20 Jahren passiert sind. Und das war auch der Grund, warum die Orte irgendwie untersucht wurden, weil einfach nur dort, wo sozusagen Veränderungen einfach auch wahrnehmbar sind, kann man auch Unterschiede gut feststellen.

Timm: Hört denn ein Stadtplaner tatsächlich drauf, was ein Klangkünstler sagt, und vor allen Dingen, wenn ein Klangkünstler kommt und dem Stadtplaner sagt, hey, müsste besser klingen, machen wir es mal so – hören die auf Sie?

Auinger: Wie soll man sagen? Ich glaub nicht, dass die so direkt auf mich hören, aber ich merke schon, dass sozusagen die Stimme von Leuten, die sich mit öffentlichen Räumen beschäftigen und die sich auch aus auditiven Fragestellungen damit beschäftigen, eigentlich immer hörbarer wird.

Ich merke, dass es einfach immer mehr Einladungen in der Richtung gibt. Und es gibt auch wunderbare Projekte, die sich mit diesen Dingen beschäftigen. Aber wenn wir uns einfach mal wirklich die Frage stellen: Wenn wir rausgehen auf die Straße, und draußen ist es laut und hektisch. Was passiert dann, was hören wir? In Wirklichkeit hören wir unsere Kultur. Das ist das, was da draußen passiert, hat einfach unglaublich viel damit zu tun, wie wir leben, wie wir über Leben nachdenken, wie wir uns unsere sozialen und ökonomischen Dinge organisieren.

Und ich glaube, dass die ganze Problematik mit der Lärmdiskussion, die in vielerlei Hinsicht unglaublich wichtig ist, aber man wird sozusagen mit dieser ganzen, wenn es um diese auditive, um diese hörbare Qualität von Städten geht, geht es ja eigentlich darum, dass wir sozusagen wieder beginnen, auf den Raum hin zu hören. Wir werden da, im Moment werden wir eigentlich, oder seit Jahren werden wir eigentlich die ganze Zeit dazu verleitet, wegzuhören, nichts zu hören, was in der Stadt passiert.

Das Problem liegt aber darin, dass sozusagen in unserem Hören auch der Raumsinn liegt. Und wir eigentlich die emotionalen Bindungen, die wir zu Orten und Räumen haben, eigentlich sehr stark auch durch das Hören entstehen. Und wenn wir das sozusagen aufgeben, das heißt, wenn wir uns da so trainieren, wegzuhören, wird diese Bindung einfach schwächer.

Timm: Hören Sie hin! Am Wochenende zum Beispiel in Berlin, bei "Berlin Sonic" am Kollwitzplatz. Mitmachen tun Studenten der UDK und der experimentelle Klangkünstler Sam Auinger, der zum Hinhören in Städten anregen will. Vielen Dank für Ihren Besuch im Studio.

Auinger: Danke.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.