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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 13.10.2009

Betriebssystem der Moderne

Vor 125 Jahren wurde der Greenwich-Nullmeridian festgelegt

Von Martin Hartwig

Zeit verbindet uns (Stock.XCHNG / Donald Lee)
Zeit verbindet uns (Stock.XCHNG / Donald Lee)

Ein Meilenstein bei der "Vereinheitlichung" der Welt war die Einführung eines gemeinsamen geografischen Bezugssystems und einer gemeinsamen Zeit- und Tageszählung. Vor 125 Jahren wurden auf einer Konferenz in Washington die Grundlagen dafür gelegt.

"Es ist mir ein Vergnügen, Sie im Namen des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu diesem Kongress, bei dem die meisten Nationen der Erde vertreten sind, willkommen heißen zu dürfen. Sie haben sich hier versammelt, um die bedeutende Frage eines für alle Länder verbindlichen Nullmeridians zu erörtern und abschließend zu prüfen."

Mit diesen Worten begrüßte Frederick Frelinghuysen, Außenminister der Vereinigten Staaten, am 1. Oktober 1884 Astronomen, Geografen und Politiker jener 25 Staaten, die die USA als "zivilisierte Nationen" betrachteten und mit denen zusammen sie die Welt neu ordnen wollten. Die Konferenz, die er eröffnete, hatte einen sperrigen, aber sehr eindeutigen Titel:

"Konferenz zur Feststellung eines ersten Meridians und der Festlegung des universellen Tages."

Dass man die Erde in Längen- und Breitengrade einteilte und sie so mit einem Raster überzog, das genaue geografische Angaben ermöglichte, war seit dem Altertum üblich. Dabei bildete der Äquator einen quasi naturgegebenen Kreis um die Erde und war insofern nie Gegenstand von Verhandlungen. Anders verhielt es sich mit den Längengraden, die stets eine Frage der Konvention waren. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es elf Nullmeridiane, die die Welt jeweils an einem anderen Ort in eine Ost- und eine Westhälfte teilten. Praktisch jede größere Nation zog den Kreis durch ihre Hauptstadt und machte sich so zum Mittelpunkt der Erde. Ein Umstand, den der amerikanische Admiral Rodgers auf der Konferenz beklagte.

"In meinem Beruf, der Seefahrt, springen einem die aus dem Gebrauch so vieler Meridiane erwachsenden Gefahren regelrecht ins Auge. Wenn sich Schiffe auf See kreuzen, ist es nützlich, Längenangaben auszutauschen, was manchmal nur mit Kreidetafeln möglich ist. Dabei entsteht immer wieder Verwirrung und Gefahr. Auch bei der Verwendung von Seekarten macht sich dieses Problem bemerkbar."

Die Welt wurde schneller und rückte zusammen. Dampfschiffe und Eisenbahnen beschleunigten den Verkehr, und schon seit 1865 gab es transatlantische Telegrammverbindungen, die die Kommunikation über alle Meridiane hinweg ermöglichten. Sandford Fleming, ein kanadischer Eisenbahningenieur, nahm als Vertreter der britischen Delegation an der Konferenz teil. Er erklärte dort:

"Heute wird die ganze Welt in enge unmittelbar nachbarschaftliche Verhältnisse eingebunden, und inzwischen sind wir ausgesprochen feinfühlig für viele Unannehmlichkeiten und Störfaktoren in unserer Zeitrechnung, die noch vor einigen Generationen völlig unbekannt, ja sogar unvorstellbar waren."

Die Notwendigkeit eines gemeinsamen Meridians war unumstritten. Jetzt ging es nur noch darum, wo der prestigeträchtige Anfangs- beziehungsweise Nullmeridian liegen sollte. Greenwich bei London, Standort des Königlichen Observatoriums, war als Favorit ins Rennen gegangen, schließlich war es schon in Großbritannien, seinen Kolonien und in den USA als Standard etabliert. Es war zweifellos die pragmatischste Lösung und genau die wollte die französische Delegation unbedingt verhindern. Ihr Leiter Pierre Jules César Janssen erklärte im Plenum:

"Wir sehen darin eine Reform, die lediglich darin besteht, ein geographisches Problem schlicht aus Gründen der praktischen Annehmlichkeit auf die denkbar schlechteste Weise zu lösen; das heißt, der Vorteil läge allein bei denen, die Sie vertreten, da Sie überhaupt nichts ändern müssten, weder Ihre Karten noch Ihre Bräuche oder Traditionen."

Frankreich, in traditioneller Rivalität zu Großbritannien, hätte es am liebsten gesehen, wenn der Nullmeridian durch Paris liefe. Da das allerdings nicht durchsetzbar war, versuchte die französische Delegation vor allem eine englische Lösung zu verhindern. Sie plädierte für einen neutralen Meridian, der möglichst wenige Länder durchschnitt. "Wissenschaftliche Objektivität versus englischen Krämergeist", das war die Frontstellung, mit der sie die anderen Nationen auf ihre Seite ziehen wollte. Sie fand jedoch wenig Anhänger. Tatsächlich wurde das Thema in anderen Ländern nicht so emotional diskutiert. Die entscheidende Abstimmung war der "Vossischen Zeitung" in Deutschland nur einige Zeilen im hinteren Teil des Blattes wert:

"Washington, 13. Oktober. Die internationale Conferenz zur Feststellung des ersten Meridians hat eine Resolution angenommen, die sich für Greenwich als den für den gemeinsamen Meridian zu bestimmenden Ort ausspricht. Der französische und der brasilianische Delegierte enthielten sich der Abstimmung, der Delegierte von San Domingo stimmte gegen die Resolution."

Die Pragmatiker hatten gewonnen. Um die französische Niederlage komplett zu machen, beschlossen die Delegierten eine Woche später, dass Greenwich von nun an auch der Bezugspunkt für die Tageszählung werden sollte. Wenn die Sonne über dem Greenwicher Observatorium - also auf dem nullten Längengrad - am höchsten stand, war von nun an die Mitte eines Kalendertages erreicht, der zwölf Stunden zuvor bei 180 Grad begonnen hatte. Damit waren die Justierungsarbeiten am Betriebssystem der Moderne abgeschlossen, und nach und nach fügten sich alle in die neue Zeit - am Ende auch die Franzosen.

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