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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.03.2015

Berichterstattung zum Germanwings-UnglückUnfähigkeit, mit Ungewissheiten umzugehen

Von Brigitte Baetz

Trauer am Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See: Mitschüler sind bei dem Flugzeugabsturz in Südfrankreich ums Leben gekommen (Imago / epd)
Trauer am Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See: Mitschüler sind bei dem Flugzeugabsturz in Südfrankreich ums Leben gekommen (Imago / epd)

Wie in einem Zoo fühlten sich die trauernden Schüler aus Haltern, so aufdringlich wurden sie von Reportern belagert. Und die berichteten auch, wenn es gar nichts Neues zu berichten gab. Der Publizist Albrecht von Lucke erkennt darin ein wiederkehrendes Medien-Ritual - und er benennt auch die Gründe, warum wir es nicht zum letzten Mal erlebt haben.

Nachbar: "Er wirkte immer sehr höflich. Er hat auch schon gegrüßt..."
Reporter: "Und die Familie, ja, Sie wohnen ja genau daneben, wie ist denn die Familie so?"
Nachbar: "Auch nie Genaues mitbekommen.“

"Bild.de“ war einmal mehr mit unter den Schnellsten beim so genannten Witwenschütteln. So wird in der Medienbranche die rücksichtslose Jagd nach Informationen und Bildern aus dem nächsten Umfeld von Tätern und Opfern von Katastrophen oder Straftaten genannt. Aber "Bild“ war und ist auch diesmal nicht allein. Ein internationales Heer von Berichterstattern fiel in den letzten Tagen in den  französischen Alpen ein. Es sammelte sich vor dem Düsseldorfer Flughafen und belagerte ein Gymnasium in Haltern am See. Dort soll unter anderem ein ausländisches Fernsehteam Schülern Geld geboten haben, um an Handyaufnahmen von der nichtöffentlichen Trauerfeier zu kommen.

Wie in einem Zoo hätten sie sich gefühlt, obwohl sie doch nur in Ruhe trauern wollten, schreiben Halterner Jugendliche auf Facebook. Und nun befindet sich die Medienmeute in der Heimatstadt des Co-Piloten und mutmaßlichen Selbstmörders in Montabaur, wo kurz nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe der Verkehr zusammenbrach. Und während seine Angehörigen – vielleicht noch ahnungslos – auf dem Weg nach Frankreich waren, war die mediale Jagd in der Heimat auf sie und ihren Sohn schon frei gegeben.

Regelmäßig wiederkehrendes Medienritual

Die New York Times war eine der ersten Zeitungen, die seinen Namen vollständig nannten und sein Bild veröffentlichten. Die Begründung der Redaktionen: Die Opfer und die Öffentlichkeit hätten ein Recht darauf zu erfahren, wer das Unglück ausgelöst habe. Ob der Täter, wenn er denn wirklich psychisch krank war, nicht auch ein Opfer ist, bleibt bei dieser Argumentation außen vor – ob er nun eine Person der Zeitgeschichte geworden ist oder nicht. Der Publizist Albrecht von Lucke erkennt in der aktuellen Berichterstattung ein regelmäßig wiederkehrendes Medienritual. In der SWR-Sendung Forum sagte er:

"Am ersten Tag ist das große Bild – in allen Zeitungen übrigens – das große Bild der Wüste des zerschellten Flugzeuges. Am zweiten Tag geht sofort die Suche los, dieses Bild wird mit individuellen Geschichten ausgestattet, weil man genau weiß, das ist das, was die durchaus sensations- oder aufmerksamkeitsbedürftige Bevölkerung auch ersehnt, sie möchte wissen, welche Geschichten sich hinter der Sache verbergen, und das war am zweiten Tag übertitelt mit "Warum“ und jetzt kam die eigentliche und das machte die Sache, finde ich, ein stückweit wirklich obszön, der umfallende Moment, und es ist bemerkenswert: die Bild-Zeitung hatte am zweiten Tag ein großes "Warum“ als Schlagzeile, dass am dritten Tag gewissermaßen das Opfer präsentiert wurde, es wurde gewissermaßen in diese Sehnsucht nach dem Täter genau dieser geliefert."

Auch die Medien sind längst auf der Anklagebank

Wobei aber, so Albrecht von Lucke weiter, völlig außer Acht gelassen werde

"...dass man in dem Augenblick, wo man den Mann mit Klarnamen präsentiert, die Eltern dieses Opfers nochmal zu Opfern macht, indem man sie quasi ausstellt als Eltern dieser Bestie."

Doch auch die Medien befinden sich längst auf der Anklagebank. Erstaunlich schnell erhoben sich in dieser Woche die Stimmen – vor allem in den Sozialen Netzwerken -, die unter anderem die vielen Sondersendungen, Liveschaltungen und Brennpunkte im Fernsehen rügten, in denen sich Reporter, Experten und Moderatoren schon in Spekulationen ergingen, bevor es überhaupt Erkenntnisse gab.  

"Mein erster Gedanke war: Das kann ja nur ein Anschlag gewesen sein. Ist das ein komplett dummer Gedanke?"

...fragte z.B. Sandra Maischberger in ihrer ARD-Sendung am Dienstagabend. Für den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist das Nicht-Innehalten-Können des Medienbetriebs, die Scheu davor, auch einmal nicht zu berichten, wenn es nichts Neues zu sagen gibt, ein Indiz für die Unfähigkeit unserer Mediengesellschaft, mit Ungewissheiten umzugehen. Vielleicht, so möchte man ergänzen, ist es auch unser aller Unfähigkeit zu trauern. Denn Journalisten reagieren auf Kritik an Ihnen gerne mit dem Verweis auf hohe Einschaltquoten und Klickzahlen. Nicht nur die Medienmacher halten nicht inne, sondern auch eine große Zahl ihrer Kunden. 

Mehr zum Thema:

Nach dem Germanwings-Flugzeugabsturz - Wie sollen die Medien mit Katastrophen umgehen?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 28.03.2015)

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