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Buchkritik | Beitrag vom 08.03.2016

Benjamin von Stuckrad-Barre: "Panikherz""Nightlife bis zum bitteren Ende – Koma"

Von Gerrit Bartels

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Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre im Foyer des HAU 1 in Berlin. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre im Foyer des HAU 1 in Berlin. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Der Autor und Entertainer Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt in seiner Autobiografie "Panikherz" von seinen Süchten und Drogen, aber auch der Rückkehr ins Leben. Gerettet hat ihn Udo Lindenberg – am Ende wird aus dem Buch dann eine Art Liebeserklärung.

Es ist ein Satz des großen, schon im Alter von 44 Jahren verstorbenen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, der leitmotivisch durch dieses Erinnerungsbuch von Benjamin von Stuckrad-Barre führt: "There are no second acts in American lives", so steht es vorne als Motto von Fitzgeralds letztem, unvollendet gebliebenen Roman über den Hollywoodstudio-Bosses Monroe Stahr, "The Last Tycoon".

Benjamin von Stuckrad-Barres Leben allerdings ist kein amerikanisches, sondern ein deutsches, mit Städtchen wie Rotenburg/Wümme und Göttingen als biografischen Anfangspunkten, und den eigenen Aufstieg und Niedergang wollte er dann doch nicht nur "bis zum letzten Kapitel durcherleben" – man muss dem Tod ja nicht jeden Gefallen tun –, sondern auch aufschreiben.

Das hat er mit "Panikherz" getan, und zwar dort, wie Benjamin von Stuckrad-Barre glauben machen will, wo Fitzgerald seine letzten traurigen Lebensjahre zubrachte, in Hollywood: im mythenumrankten Promi- und Luxus-Hotel Chateau Marmont, wo schon James Dean Fenstersprünge machte, John Belushi an einer Überdosis starb und Helmut Newton nach einem Herzinfarkt mit seinem Auto gegen eine Mauer fuhr.

Charakter nein - Kokain ja

Hier blickt Stuckrad-Barre, mittlerweile 40 Jahre alt, auf sein Leben zurück; auf ein schnelles, hektisches Leben mit sehr frühem Ruhm als Pop-Schriftsteller ("Soloalbum", "Tristesse-Royale"-Teilnahme), Harald-Schmidt-Gagschreiber, Fernsehmoderator etc.. Und dann aber auch mit viel Drogen und wenig Selbstschutzmechanismen: "Charakter nein – Nightlife bis zum bitteren Ende – Koma. Das war der Plot für die nächsten Jahre."

Trotz der diversen Krankheiten und Süchte des Autors (ADHS-Verdacht, bulimische Essstörung, Kokainsucht, Alkoholismus), füllt das kein Buch mit 600 Seiten. Das spürt man an der Verlabertheit dieser Passagen, an der zeitweiligen Atemlosigkeit, dem Zackzackzack von Stuckrad-Barres Prosa. Es wirkt dann, als sei er wirklich schwer hängengeblieben, immer wieder fällt er sich selbst ins Wort, das muss noch und das noch und dann noch der Einfall – und beim Lesen meint kaum nachzukommen.

Hilfe vom Panikdoktor

Nur gut, dass der Plot dieses Buches einen zweiten, sehr wichtigen Protagonisten hat: Udo Lindenberg. Der macht Stuckrad-Barre nicht nur mit dem Chateau Marmont bekannt, was tolle Szenen generiert, sondern ist Stuckrad-Barres Jugend-Idol – und schließlich eine Art Lebensretter. Lindenberg registriert Stuckrad-Barres Drogenprobleme und Kaputtness ohne Vatti- und Oberlehrer-Attitüden, führt ihn seinem "Panikdoktor" zu und entwickelt sich zu einem Lebensmenschen für Stuckrad-Barre.

"Panikherz" ist deshalb nicht nur Autobiografie, sondern eine angedeutete Lindenberg-Biografie, gleichermaßen Liebeserklärung wie Fanbuch. Zu jeder Lebenslage fällt Stuckrad-Barre etwas aus Lindenbergs Oeuvre ein, und so geht es hier nicht zuletzt um die Bedeutung von Pop- oder Rockmusik für die Biografie eines Menschen, in diesem Fall der von "Stuckiman", wie Lindenberg ihn nennt.

Das eigene kaputte Leben als Stoff

Als "Mann der Vergangenheit" bezeichnet sich Stuckrad-Barre einmal. Passend dazu laufen ihm auf der "Panikherz"-Gegenwartsebene in Los Angeles einige seiner Helden über den Weg, die ihrerseits viel Vergangenheit auf dem Buckel haben, um nicht zu sagen, die Stars von gestern sind: Courtney Love, Bret Easton Ellis oder Thomas Gottschalk. Diese Begegnungen inspirieren Stuckrad-Barre zu Gedanken über den Umgang mit frühem Ruhm, mit der Verwaltung dessen in späteren Jahren, darüber, wie man so leichthin ein brillantes Frühwerk schafft, die Leichtigkeit dann aber stiften geht.

Auf den zweiten Akt oder dritten (der den zweiten Akt einfach übersprungen hat) ist "Panikherz" konsquent hingeschrieben, und natürlich fragt man sich bei der Lektüre, gerade mit Blick auf Udo Lindenberg oder auch Bret Easton Ellis, woraus das Frühwerk von Stuckrad-Barre genau besteht, was sein Künstlertum ausmacht. Er war und ist Entertainer, Ideenproduzent, Journalist, irgendwie auch Schriftsteller, aber vor allem: eine mediale Figur.

Vielleicht besteht die Tragik dieses zweiten Aktes, den zu erleben Stuckrad-Barre vergönnt ist, darin, dass es dafür der vielen Drogen einfach bedurfte. Und bei aller Offenheit, aller Schonungslosigkeit gefällt Stuckrad-Barre sich darin auch sehr, tut all das seinem Narzissmus gut. Das eigene, kaputte Leben als Stoff für ein Buch - das passt schon, das ist zudem sehr unterhaltsam. Doch man schreibt so ein Buch nur einmal.

Benjamin von Stuckrad-Barre: "Panikherz"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
576 Seiten, 22.99 Euro

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