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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 19.07.2012

Begegnung bei böhmischen Bädern

Vor 200 Jahren trafen Beethoven und Goethe in Teplitz erstmals aufeinander

Von Christoph Schmitz-Scholemann

Im Schlosspark von Teplitz wandelten die beiden Künstler in entspannter Stimmung.
Im Schlosspark von Teplitz wandelten die beiden Künstler in entspannter Stimmung. (Hans Weingartz / CC-BY-SA-2.0-DE)

Schon 1812 war bei Promis Wellness-Urlaub in Mode: Die Reichen und Schönen zog es in böhmische Kurorte wie Teplitz. Eine Bühne, wie geschaffen für das historische Zusammentreffen der beiden größten Künstler ihrer Zeit: Johann Wolfgang von Goethe und Ludwig van Beethoven.

Angezettelt hat das Ganze eine junge Frau. Dass Ludwig van Beethoven aus Wien und Johann Wolfgang von Goethe aus Weimar am 19. Juli 1812 im böhmischen Teplitz zusammentrafen, war beileibe kein Zufall.

Jochen Golz ist Präsident der Goethegesellschaft in Weimar und hat das Verhältnis von Goethe und Beethoven erforscht:

"Man muss zunächst sagen, dass Goethe bereits in Weimar mit Beethovens Musik bekannt geworden ist ... aber zur direkten Begegnung kam es eben in den böhmischen Bädern ... und dazu bedurfte es gewissermaßen eines Mediums, das die beiden aufeinander zugeführt hat ..."

Und das Medium war Bettina Bretano. Diese schwärmerische junge Intellektuelle hatte den Ort für das Zusammentreffen gut ausgesucht. Denn ihre beiden Idole waren nicht besonders gesund. Der Dichter hatte Nierensteine. Der Komponist war schwerhörig. Doch egal, an welchen Krankheiten die Kundschaft litt: Die Teplitzer Kur-Ärzte packten ihre Patienten in Schlamm, steckten sie zum Wannenbad in mit Teppichen, Spiegeln, Douche und Glockenzug ausgestattete Logen und ließen sie unglaubliche Mengen von mattmodrig schmeckendem Sprudelwasser trinken. In einem Reiseführer hieß es:

"Während den Morgenstunden ... gehen die Brunnentrinker in dem ... Säulengange und den angränzenden schattigen Alleen auf und nieder, indes eine heitere Musik jede trübe Krankheitsreflexion der Lustwandelnden verscheucht."

In entspannter Stimmung ging man ab elf in den Schlosspark, wo eine mondäne paneuropäische Badegesellschaft von Fürsten, Künstlern und "reizenden Damen in eleganter Toilette" hin und her wogte. Fünf Mal sind die zwei Unsterblichen in diesem Sommer begenet, danach nie wieder. Viel von den Begegnungen der beiden Unsterblichen im Juli 1812 weiß man leider nicht. Immerhin vermerkt Goethe in seinem Tagebuch am 21. Juli: "Abends bey Beethoven. Er spielte köstlich."

"Und es gibt ja dann diese sehr schöne Äußerung im Brief an seine Frau, wo er sagt, zusammengefasster, energischer, inniger habe er noch keinen Künstler erlebt."

Beethoven war ein glühender Verehrer von Goethes Jugendwerken, in denen er eine Entsprechung seiner eigenen aufgewühlten Empfindungswelt gesehen haben muss. Er hatte Goethe-Gedichte vertont und die Theatermusik zum Egmont geschrieben. Und doch: Die Begegnung in Teplitz ist nicht wegen der Harmonie zweier Künstlerseelen berühmt geworden, sondern wegen ihrer Differenz.

"Nach meiner Auffassung ist es so, dass Goethe ein Künstler war, der für seine eigene Kreativität Harmonie brauchte. Und dieses Elementare, das Ungebändigte, das Energische bei Beethoven hat aus meiner Sicht seinen inneren Künstlerhaushalt erschüttert."

Beethoven seinerseits vermerkte in der ihm eigenen Bärbeißigkeit, Goethe bekomme wohl die Hofluft zu gut. Bettina von Arnim, erzählte lange Jahre danach diese Episode:

"Indem kam auf dem Spaziergang ihnen entgegen mit dem ganzen Hofstaat die Kaiserin und Herzoge; nun sagte Beethoven: 'Bleibt nur in meinem Arm hängen, sie müssen uns Platz machen, wir nicht.' - Goethe war nicht der Meinung, und ihm wurde die Sache unangenehm; er machte sich aus Beethoven's Arm los, und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während Beethoven mit untergeschlagenen Armen mitten zwischen den Herzogen durchging..."

Das Bild vom plump-genialen Revolutionär Beethoven, der, statt den Hut vor Majestäten zu ziehen, die Arme verschränkt, während der elegante Staatspoet Goethe als Mann der alten Ordnung sich biegsam wie ein Wurm verneigt, wirkt in der europäischen Kulturgeschichte bis heute nach.

"Dazu muss man natürlich sagen, das ist frei erfunden. ... Man könnte allenfalls sagen, dass Bettina einfach phantasmagorisch im Reich der Kunst etwas geschaffen hat, was auf bestimmte Weise den Gegensatz beider Künstler zum Ausdruck bringt ..."

Das eigentliche Rätsel der Begegnung zwischen Goethe und Beethoven ist die romantische Bettina. Ob sie Beethoven einen Gefallen tun wollte oder Goethe, dem sie damals auf die Nerven ging, ein wenig ärgern? Wollte sie Teilhaberin der Unsterblichkeit sein? Später schrieb sie:

"Oft weiß ich nicht wohin ich gehöre, alles was ich will ist nicht auf Erden ... ich habe keine bestimmte Sehnsucht nach Gott aber ich mögte vergehen wie ein Ton vergeht."