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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.10.2015

Bedrohte Welt der BienenWenn das Summen verstummt

Von Susanne Billig und Petra Geist

Eine Honigbiene sammelt Pollen auf einer voll erblühten weißen Rose. (picture alliance / dpa / Wolfgang Moucha)
Das weltweite Bienensterben ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. (picture alliance / dpa / Wolfgang Moucha)

Seit Jahrtausenden lebt der Mensch mit Honigbienen - doch die kognitiven Leistungen der Insekten überraschen Wissenschaftler bis heute. Nach jüngsten Erkenntnissen können Bienen menschliche Gesichter voneinander unterscheiden und sie können auch zählen. Bleiben zwei entscheidende Fragen: Werden die Bienen überleben und was passiert, wenn nicht?

"Bienen können so etwas wie eine Kommunikation in Sprachform von einem Ort haben. Kein anderes Tier hat das. Nach all dem, was wir wissen, gibt es kein anderes Tier, das symbolhaft einen Ort angeben kann. Das kann nur der Mensch und Biene."

Seit 13.000 Jahren sammelt der Mensch den Honig der Bienen, um mit dem "flüssigen Gold" Speisen und Getränke zu süßen.

"Der Klimawandel ist natürlich keine schnelle Entwicklung. Für die Honigbienen direkt sehe ich eigentlich keine schädlichen Auswirkungen. Es würde trotzdem noch Bienen geben, zum Beispiel italienische mittelmeerische Bienen. Viel kritischer ist, dass es die Pflanzenwelt erwischen wird – und das weiß ich nicht, ob es die Bienen so gut aushalten können. Besonders eben die bei uns einheimischen Wildbienen."

Schon früh wusste der Mensch auch um die pharmakologischen Wirkungen des Honigs – er helfe bei Fieber und Wundheilung, erklärte der griechische Arzt Hippokrates. Zeus trug den Beinamen "Bienengott" – weil Honig und Ziegenmilch ihn als Knaben groß und stark werden ließen.

"Wenn Sie das ökonomisch oder monetär vom Geld her wissen wollen – man weiß aus Experimenten, wenn die Bienen oder Bestäuber nicht vorhanden wären, wie viel Prozent dieser Kulturpflanzenproduktion würde uns verloren gehen. Und das kann man dann monetär berechnen."

Einst waren Wespen Fleischfresser

Aus den Tränen des Sonnengottes Re seien die Bienen geboren, glaubten die alten Ägypter – und legten den Königen Honigtöpfe ins Grab.

"Was ist dran an Bienensterben? Manchmal kann ich die Frage auch nicht mehr hören. Weil sie so verkürzt ist, wie Medien das brauchen. Wenn wir über Bienensterben reden, ist damit beim Adressaten in der Regel an die Honigbienen gedacht. Das ist verkürzt. Wir haben über fünfhundert Arten solitär lebende Bienen. Die sind extrem gefährdet. Es gibt viele Landschaften, in denen überhaupt gar keine solitäre Bienen mehr leben können."

Vor 150 Millionen Jahren gaben Wespen ihre fleischfressende Lebensweise auf und spezialisierten sich auf Blütenpflanzen mit ihrem süßen Nektar und den eiweißreichen Pollen – soweit reicht der Stammbaum der Bienen zurück. Seit Jahrzehnten wird die Biene erforscht, doch bis heute bleibt diese Wissenschaft spannend. Professor Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin, für seine Arbeiten zum Bienengehirn vielfach ausgezeichnet.

Die Imkerin Erika Mayr hält mit Schutzhelm Bienenwaben hoch (Deutschlandradio / Gerhard Richter)Nirgendwo sonst sind die Imker so gut organisiert wie in Deutschland. (Deutschlandradio / Gerhard Richter)

"Wie macht sie denn das? Wie ist ihr Landschaftsgedächtnis denn angelegt? Wir haben gezeigt, dass dieses Landschaftsgedächtnis wie eine Karte angelegt ist. Und die Karte besteht dann aus den wichtigen Landmarken; natürlich alles eingeordnet in den Sonnenkompass. Und eben auch eine innere Uhr, die immer berücksichtigt, wie die Sonne wandert – und alles zusammen genommen ist in einem Gedächtnis niedergelegt, was ihr erlaubt, einen Ort, wo sie gerade ist, festzustellen, und zu einem anderen Ort, wo sie hin will, auf einem direkten und auch neuen Weg hinzufliegen."

Bienen besitzen ein einfaches, dreilappiges Gehirn, gerade einmal so groß wie eine Stecknadel, darin nur knapp eine Million Neuronen – das menschliche Gehirn arbeitet mit einhundert Milliarden. Lange dachte man, das Raumgedächtnis der Bienen bestehe aus isoliert abgespeicherten Flugrouten. Doch das ist nicht der Fall hat Randolf Menzel mit seinem Team herausgefunden. Dank ihrer komplexen Erinnerungen können Bienen sich frei in der Landschaft bewegen, ähnlich wie Säugetiere. Dafür prägen sie sich eine Fülle von Merkmalen ein.

"Zum Beispiel, dass der Wind immer aus dem Osten kommt. Oder dass die Fläche ansteigt. Oder dass es da einen Fluss gibt. Oder dass es da eine Straße gibt. Oder dass es da aus bestimmten Richtungen einen bestimmten Duft gibt. All dieses berücksichtigt die Biene bei der Bildung ihres Landschaftsgedächtnisses."

Bienen können lernen, die Gesichter von Strichmännchen zu unterscheiden, bis drei zu zählen oder alle symmetrischen und alle nicht symmetrischen Objekte in Kategorien einzuteilen – enorme kognitive Leistungen. Für die Erforschung ihres komplizierten Schwänzeltanzes erhielt der Verhaltenswissenschaftler Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis. Heute diskutieren Forscher darüber, ob man diese Kommunikation als Sprache bezeichnen kann. Schließlich ist den Bienen der Tanz-Code angeboren und ähnelt darin den stereotypen Duft- und Klopfsignalen anderer Tiere. Dennoch kommunizieren Bienen offenbar keine pure Fluganweisung, sondern stellen sich in ihrem stecknadelkopfgroßen Gehirn gemeinsam etwas vor – eine Landschaft und ihre Eigenschaften.

"So wie wir Sprache verstehen ist es natürlich keine Sprache. Sie hat eine sehr eingeschränkte Semantik, sie hat außerdem praktisch keine Grammatik; Bienen könnten, wenn sie tatsächlich einen Ort in ihrem Gedächtnis damit lokalisieren, so etwas wie eine Kommunikation in Sprachform von einem Ort haben."

Deutschland - das Land der Imker

Seit einigen Jahren geht es den fliegenden Gedächtniskünstlern schlecht – in einem regelrechten Kollaps starben in manchen Regionen der USA über neunzig Prozent der Völker. In Japan ist jede vierte Bienenkolonie betroffen, auch China und das ägyptische Niltal berichten von Massensterben. Verluste von jährlich etwa fünf Prozent durch Kälte oder Krankheit sind normal und gehören zur Imkerei. Doch selbst die fünfzehn bis zwanzig Prozent in Deutschland derzeit sind zu viel, sagt Professor Bernd Grünewald vom international angesehenen Institut für Bienenkunde in Oberursel.

"Und in manchen Jahren kann es auch schlimmer werden. Wie zum Beispiel von 2014 auf das Jahr 2015, da haben wir wahrscheinlich fünfundzwanzig Prozent aller Bienenvölker in Deutschland verloren. Aber natürlich schaffen die Imker sich neue Völker an, denn dann hätten wir ja in wenigen Jahren überhaupt gar keine Bienenvölker mehr."

Nirgendwo auf der Welt sind die Imker mit Vereinen und Forschungsinstituten so gut organisiert wie in Deutschland. In den Städten entdecken immer mehr junge Menschen die Bienenhaltung für sich – alles das schützt die Bienen und tut ihnen gut. Warum sterben trotzdem so viele Völker? Forscher diskutieren eine Reihe von Ursachen: Sonnenwinde, Handystrahlen und Gentechnik-Pollen. Was den Klimawandel betrifft, sieht es laut aktuellen wissenschaftlichen Daten vor allem bei den wild lebenden Verwandten der Honigbiene kritisch aus – besonders die kälteliebenden Hummeln dürften einen Temperaturanstieg kaum überleben. Als größte Bedrohung für Bienenvölker gilt meist die aus Asien eingeschleppte Milbe Varroa destructor. Der Parasit saugt die Körperflüssigkeit der Bienen aus und überträgt dabei tödliche Krankheiten. Mittlerweile ist jedes Bienenvolk in Europa befallen. Professor Bernd Grünewald entwickelt Gegenmaßnahmen mit Hilfe der Biotechnologie.

"Man versucht sozusagen durch Entnahme von Brutwaben den Varroa-Befall von Völkern zu reduzieren, und schließlich – also das ist eine langfristige Unternehmung – versuchen wir Bienen zu züchten, die resistenter sind gegen die Varroamilbe, sprich: besser mit der Milbe auskommen können."

Derzeit managen Imker den Parasitenbefall, indem sie ihre Bienenvölker im Jahreslauf mit organischen Säuren behandeln, die verhindern, dass sich die Milbe weiter vermehrt. Imkermeister Thomas Radetzki, dreißig Jahre lang Vorsitzender des Vereins Mellifera für ökologische Bienenhaltung und Sachverständiger für Tierseuchen, drückt seine Verlustrate damit auf zehn Prozent. Für ihn ist der Parasit nicht die Ursache des Bienensterbens, sondern Folge eines ganz anderen Problems.

"Wir haben eine klare Korrelation zwischen Winterverlusten und dem Maß des Varroa-Befalls. Das ist aber keine kausale Beziehung! Die Frage ist, woran gehen die Bienen eigentlich zugrunde? Da gibt es inzwischen eine Reihe hochsignifikante Ergebnisse von Studien, die zeigen, dass durch die Anwendung von Pestiziden, insbesondere Neonicotinoiden, die Empfindlichkeit gegenüber diversen Erregern drastisch steigt. Und da ist das Problem!"

Neonicotinoide – hochwirksame Nervengifte gegen Insekten, zugelassen in über hundert Ländern und eine der wichtigsten Geschäftssparten der Pflanzenschutzmittel-Industrie. Zwar sind Honigbienen nicht das eigentliche Ziel der Gifte – doch weil auch sie Insekten mit Insektengehirnen sind, werden sie zum Kollateralschaden der Schädlingsbekämpfung.

"Dann stellt sich heraus, dass dann ihre Navigation beeinträchtigt ist. Ihre Tanzkommunikation ist beeinträchtigt. Sie brauchen höhere Konzentrationen von Zuckerlösung, um überhaupt wieder an die Futterstelle zurückzukommen. Also all das, was gut eingespielt ist, was eine kompliziertere Gehirnfunktion notwendig macht, ist massiv geschädigt."

Von den Befunden alarmiert, haben Behörden in den USA und der EU – teilweise und vorübergehend – Verbote erlassen. Dagegen klagen die Hersteller. Gleichzeitig sind die Gifte bei tausenden von Freizeitgärtnern noch immer beliebt. Wenn Imker den Verdacht haben, dass in ihrer Region Neonicotinoide ausgebracht wurden, können sie bei der zuständigen Behörde eine offizielle Schadensmeldung einreichen – eine Lösung bietet das nicht, sagt Thomas Radetzki.

"Schauen Sie, die Bienen haben einen Flugradius locker von fünf Kilometern, rechen Sie das mal in Quadratkilometer um, da sind unzählige verschiedene Pflanzenbestände, in irgendeiner Ecke hat jemand was angewendet, was verboten ist – wie soll ich da eine Pflanzenprobe ziehen?"

Insektengifte schaden Bienen erheblich

Thomas Radetzki hat es trotzdem versucht, Proben gezogen, an das zuständige Julius-Kühn-Bundesforschungsinstitut geschickt und erst nach vielen Monaten eine Antwort erhalten. Die lautete:

"Ja, es war eben – ich sag's ein bisschen ketzerisch, weil so ist die Wirklichkeit, deswegen schicken die Imker auch keine Proben mehr ein – "ja, es ist multifaktoriell, es war alles Mögliche beteiligt", Punkt. Und damit kann man nicht zufrieden sein als Imker – das ist eine Katastrophe."

Im April 2015 legten dreizehn Forscherinnen und Forscher der Europäischen Wissenschaftsakademien einen viel beachteten Bericht vor.

Sie hatten mehr als 100 internationale Studien über die Wirkung von Neonicotinoiden ausgewertet und kamen zu dem Befund: Die Insektengifte schaden Bienen und anderen bestäubenden Insekten erheblich. Im Oktober 2015 legte ein internationales Forscherteam unter Schweizer Führung erstmals auch Daten vor, wonach Neonicotinoide die Fortpflanzung von Bienenköniginnen stark beeinträchtigen. Auch für Professor Bernd Grünewald ist es wissenschaftlich unstrittig, dass schon geringe Mengen der Pestizide Lernen, Orientierung, Fortpflanzung und Lebensdauer von Honigbienen schädigen. Wundheilung und die Ausbildung der Futtersaftdrüsen sind gestört, Larven bleiben kleiner und leichter.

Dennoch: Das Bienenvolk als Ganzes werde, laut seiner Forschung, nicht geschädigt.

"Wir erklären uns das auch so, dass die vielen, vielen Bienen, die in einem Volk sind, leichte Schädigungen sozusagen kompensieren können, und auf diese Weise wir mit unseren Methoden nur relativ wenig sehen, was dann eigentlich im Volk passiert. Das heißt von so einer Katastrophen-Stimmung, da gehe ich eigentlich nicht davon aus. Da sehe ich keine Anzeichen."

Eine Biene sitzt am 7.1.2014 in Köln auf einer Blüte. (dpa)Bienen besitzen ein einfaches, dreilappiges Gehirn. Über ihre Fähigkeiten staunen Wissenschaftler bis heute. (dpa)

Schädigen Neonicotinoide nur einzelne Bienen unter den künstlichen Bedingungen wissenschaftlicher Experimente – oder langfristig auch die Super-Organismen der Bienenvölker mit ihren zehntausenden von Individuen? An dieser Verwerfungslinie stehen sich derzeit unterschiedliche wissenschaftliche Positionen gegenüber. Randolf Menzel sieht sehr wohl Anlass zur Besorgnis, wenn Bienen Pestizide aufnehmen.

"Wenn sie sie nun aufnehmen und sich außerdem herausstellt, dass sehr geringe Mengen in der Größenordnung von ein Nanoliter pro Tier und noch weniger, eine Wirkung hat, die dann ihr Verhalten stört – dann muss man schon sehr beunruhigt sein. Nun kann man immer sagen: "Na ja, das sind Laborexperimente, das ist eigentlich nicht so schrecklich relevant." Wobei das nicht stimmt, denn wir verwenden ja so geringe Dosen pro Tier, dass wir sehr wohl in dem Bereich sind, was also unter landwirtschaftlichen Bedingungen auftritt."

Was, wenn die Bienen aussterben?

Bienen- und Umweltschützer fordern: Bei der Zulassungsprüfung für Pestizide müsse man endlich auch die chronischen, nicht tödlichen Effekte auf Honigbienen berücksichtigen und dürfe Hummeln und Wildbienen nicht außen vor lassen. Tatsächlich hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit ihre Leitlinien für Zulassungsbehörden inzwischen verschärft. Eines wird bislang allerdings gar nicht untersucht: der Pestizidmix, der auf den Äckern der industriellen Landwirtschaft niedergeht – zu aufwendig, zu teuer.

"Es ist ja schon schwierig genug, eine Substanz in einem Volk nachzuweisen und dann zu gucken, was es tatsächlich dann tut. Jede Konzentration müssen Sie mit mindestens zehn oder fünf Völkern testen, und wenn Sie drei, vier Konzentrationen haben pro Substanz, dann sind Sie gleich bei einigen hundert Völkern, die Sie testen müssten – plus die ganzen Kontrollen."

Wenn die Biene stirbt, stirbt auch der Mensch? So verkürzt stimmt es nicht. Die meisten Kulturpflanzen liefern Samen oder Früchte auch ohne Bestäubung. Allerdings steigern über achtzig Prozent der wichtigsten Kulturpflanzen ihren Ertrag teils erheblich, wenn Bestäuber sie besuchen – zum Beispiel fast alle heimischen Obstsorten wie Äpfel, Birnen und Kirschen. Würde die Leistung von Bienen und anderen Bestäubern ganz wegfallen, entstünde weltweit ein jährlicher ökonomischer Schaden von 153 Milliarden Euro – auf diese Zahl hat sich die Mehrheit der Wissenschaftler geeinigt. Viele Nutzpflanzen – Tomaten zum Beispiel – tragen ohne Bestäubung überhaupt keine Früchte. Auch auf Schokolade und manches Gemüse müsste der Mensch ohne Insekten verzichten.

"Kulturpflanzen aus der Familie der Kürbisgewächse vor allen Dingen, das sind die Gurken, Melonen, Kürbisse – das müssen Insekten machen. Und das machen vor allen Dingen dann Bienen. Wenn man an die Tropen denkt: Das ist Kakao, da sind es aber Fliegen, das machen nicht die Bienen. Oder die Passionsfrucht, die Maracuja – da sind es große Holzbienen."

Die renommierte Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie an der Universität Freiburg, Alexandra-Maria Klein, untersucht in internationalen Forschungsteams das System der bestäubenden Insekten. In einer Studie konnte sie zeigen, wie wichtig Bienen für die Mandelernte in Kalifornien sind. Schrittweise entzog die Wissenschaftlerin jungen Mandelbäumen Wasser und Dünger – nur die Bestäubung ließ sie intakt.

"Und die Pflanzen haben auch unglaublich gelitten, diese kleinen Bäumchen, man hat gesehen, die Blätter sind welk, sie produzieren weniger Blätter. Aber die Pflanze hat trotzdem die ganze Energie aufgebracht, um sie in die Nussproduktion dann zu stecken. Wenn ich aber bei den Mandelbäumen die Bienen ganz vorne weggelassen habe, also wenn keine Bestäubung stattgefunden hat, gab es keine Früchte – beziehungsweise an einen Mandelbaum, wo bis zu zehntausend Mandeln hängen können, hingen dann nur noch zehn."

Die riesigen Monokulturen der industriellen Landwirtschaft

Eine noch recht junge wissenschaftliche Erkenntnis lautet: Wenn Honigbienen mit anderen Bestäubern zusammenarbeiten, fallen die landwirtschaftlichen Erträge höher aus. Das konnte Alexandra Maria-Klein in einer ihrer Studien zeigen: Je mehr Wildnis eine landwirtschaftliche Monokultur umgibt – mit Hummeln, Motten, Fliegen, solitären Wildbienen – umso mehr steigen die Erträge, denn die anderen Insekten springen in vielen Situationen ein: Die Honigbiene verträgt den Wind nicht, manche Wildbiene nimmt es mit Sturmstärken auf. Die Honigbiene meidet den Schatten, manche Wildbienen sind darauf spezialisiert. Die Honigbiene liebt das Äußere der Mandelblüten, Wildbienen kriechen in die Blüten hinein.

"Große Bienen, kleine Bienen ergänzen sich ganz gut. Oder Bienen mit langer Zunge, mit kurzer Zunge. Wenn Sie an ein Grasland denken, wo wir verschiedene Blüten darin haben, die wollen alle bestäubt werden. Da gibt es Pflanzen darin, die haben einen sehr tiefen Blütenkelch. Da können die Bienen, die eine kurze Zunge haben, gar nicht bestäuben, da brauchen wir die da mit den langen. Also es kommt wirklich darauf an, dass die funktionellen Gruppen optimal vertreten sind, damit diese funktionelle Nische optimal abgedeckt ist."

Auch die Qualität von Früchten kann steigen. Erdbeeren entwickeln nur dann eine optisch ansprechende Form, wenn ihre vielen kleinen Blüten von Insekten unterschiedlicher Größe bestäubt werden. Und selbst der Nährstoffgehalt hängt davon ab, ob verschiedene Insekten eine Blüte besuchen, zeigt die Forschung von Alexandra-Maria Klein. So enthalten Mandeln weniger gesunde Fettsäuren und weniger Vitamin E, wenn die Bestäubervielfalt ausbleibt.

"Vitamin C kommt einfach vorwiegend in Kulturpflanzen vor, die sehr stark auf Bestäuber angewiesen sind. Folsäure, es sind vor allen Dingen die fettlöslichen Vitamine. Und das liegt einfach an sehr komplexen physiologischen Mechanismen. Aber das genau zu erklären, woran das liegt, da sind wir einfach auch erst an den Anfängen."

Wissenschaftler schätzen, dass bis zu 40 Prozent der essentiellen, für die menschliche Ernährung zwingend notwendigen Nährstoffe verloren gehen könnten, wenn die Artenvielfalt der bestäubenden Insekten zugrunde geht.

Keine Wildnis, keine Insekten, Bienennahrung nur in den kurzzeitig blühenden, riesigen Monokulturen der industriellen Landwirtschaft: Genau das wird bereits Wirklichkeit, zum Beispiel in den USA, weiß Imkermeister Thomas Radetzki.

"Die Imker sind verzweifelt. Die müssen abwandern. Denen bleibt gar nichts übrig – wenn sie ein bisschen auf Nebenerwerb eingestellt sind oder gar auf Erwerb –, als ihre Bienen auf den Lastwagen zu packen. Und der Spruch der Berufsimker ist ja: 'Dieselkraftstoff ist das beste Bienenfutter.' Die Bienen werden aufgeladen, von einer landwirtschaftlichen Massentracht in die nächste gefahren. Man muss dann nur sehen, dass man rechtzeitig genug rauskommt, bevor die Spritzungen kommen. Ja, so ist das!"

Ein Mangel an Blütenpollen

Dabei läge es im Interesse der Landwirtschaft selbst, die Vielfalt der Ökosysteme langfristig zu erhalten, damit das Gesamtsystem der Bestäuber seine Arbeit für hohe Erträge und gute Lebensmittelqualität leisten kann – doch diese Botschaft ist bislang nicht angekommen, bedauern Bienenexperten. Denn es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Honigbienen und ihren wilden Verwandten, erklärt Randolf Menzel.

"Gerade diese Tiere, die solitären Bienen und die Hummeln, um die kümmert sich eigentlich kaum jemand. Die Honigbienen haben eine Lobby – das sind die Imker und das ist das gute Ansehen der Honigbienen und die gesellschaftliche Wahrnehmung. Aber Hummeln und solitäre Bienen, ob da mal ein paar weniger sind, das kommt nicht schnell in das Bewusstsein der Gesellschaft. Und deswegen muss man unbedingt ständig darauf hinweisen."

Optimal wäre es, eine Landwirtschaft zu haben, die so mosaikartig ist, wo man am Feldrand Hecken hat. Die am Anfang des Jahres blühen, mit Haselnüssen. Dann mit Schlehen, mit Weißdorn. Auch Frühjahrsblüher können da irgendwo dabei sein. Die Agrarlandschaft müsste wieder bunter gestaltet werden und mehr Naturelemente müssten eingearbeitet werden.

Doch dafür gibt es in der industriellen Agrarproduktion keinen Platz mehr. Indem die moderne Landwirtschaft die Artenvielfalt auf dem Acker und im Grünland gezielt vernichtet, wird sie zur größten Bedrohung für bestäubende Insekten.

"Im Grünland ist es ja so, dass die Betriebe immer öfter mähen, fünf-, sechsmal ist in vielen Regionen heute normal. Das heißt, die Grünflächen kommen kaum zum Blühen, dadurch stürzt auch die Artenvielfalt ab, zumal wenn sie dann mit Gülle oder Kunstdünger noch gedüngt werden oder gar mit Klärschlamm. Und im Acker ist es so, dass wir eben immer weiter perfektionierte Unkrautbekämpfungsmethoden haben, die – zumal wenn sie chemisch-synthetisch sind – dazu führen, dass riesige Flächen für die Bienen zu einer Wüste werden."

"Wenn die Monokulturen riesengroß waren und da waren kilometerweit keine Ressource, kein Naturhabitat, nichts anderes für die Bienen – dann gab es da keine einzige Wildbiene. Und wir waren da fünf Jahre vor Ort ich hab keine einzige Wildbiene in diesen Flächen gesehen. Manchmal, wenn man Glück hat, in den biologisch bewirtschafteten oder ökologisch bewirtschafteten – da findet man manchmal noch die eine oder andere Fliege in den Blüten. Aber sonst nichts. Das muss die Honigbiene ganz, ganz alleine machen."

Artenarme, überdüngte Grünlandflächen und Monokulturen konfrontieren die Insekten mit einem Mangel an Blütenpollen. In der Folge sind sie mangelernährt und anfälliger für Krankheitserreger. Wenn die Landschaft ihnen die Chance gibt, steuern die Tiere aktiv gegen – Bienenforscher Bernd Grünewald.

"Wenn die Bienenvölker zum Beispiel Rapspollen eintragen können, in großer Menge, dann gehen sie trotzdem noch weitere Wege, um Pollen verschiedener Herkunft zu sammeln. Also sie fliegen noch weiter, um noch zusätzlichen Pollen zu finden. Sie sammeln also aktiv, suchen aktiv nach verschiedenen, nach vielfältigen Pollenquellen. Warum das so, das wissen wir nicht."

Die Gentechnik auf dem Acker forciert die Entwicklung weiter. Nicht nur in den USA, auch in Brasilien und Argentinien wachsen auf einem großen Teil der Agrarflächen Pflanzen aus Gentechnik-Laboren. Das Thema spielt auch beim geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA eine große Rolle. Amerikanische Produzenten machen Druck – die EU soll ihre Märkte öffnen. Gentechnik – das bedeutet immer auch Monokulturen mit riesigen Äckern, die nur kurze Zeit blühen.

"Es geht nicht darum, dass ich an ein paar Pollenkörnern gentechnisch verändertem Mais in meinem Honig Krämpfe kriege und krank werde und sterbe – das wäre ein Missverständnis. Es geht uns darum, dass gentechnisch veränderte Pflanzen ein völlig anderes Anbaukonzept in der Agrarfläche bedeuten und einen Quantensprung bedeuten in der Intensivierung der Bewirtschaftung der Flächen und einen Quantensprung bedeuten in der Abhängigkeit der Landwirte von diesen großen Konzernen."

Bienen haben starke Beschützer

Weil viele Gentechnik-Systeme auf pestizidresistente Nutzpflanzen setzen, die Beikräuter inzwischen aber resistent gegen die Gifte werden, steigen sogar Anbaukosten und Pestizidverbrauch, sagen Gentechik-Gegner – allerdings bestreiten Befürworter diese Zahlen. Um in der Landwirtschaft ökologisch gegenzusteuern, bietet die europäische Politik finanzielle Anreize für ein "Greening" – Bauern erhalten EU-Direktzahlungen nur, wenn sie verschiedene Feldfrüchte anbauen sowie artenreiche Wiesen, Hecken und Randstreifen unterhalten. Reicht das aus?

"Natürlich, die Politik bietet Anreize, auch Flächen brachliegen zu lassen oder bienenfreundliche Pflanzen anzupflanzen, allerdings halte ich diese Anreize noch viel zu gering. Der Landwirt ist natürlich gleichzeitig auch ein Unternehmer, es muss sich halt irgendwie rechnen. Er muss natürlich irgendwo Gewinn erwirtschaften – wenn er den über einen Maisanbau erwirtschaften kann, dann wird er das natürlich machen."

"Wenn ich eine Landwirtschaft betreibe, im industriellen Sinne, indem ich also Glyphosat und Neonicotinoide in unbegrenzten Mengen aufbringen kann, dann gibt es natürlich auch keine Streifen mehr, wo die unbehandelten Pflanzen wachsen können. Dann ist auch das Programm, um solche Randstreifen zu erhalten, unattraktiv – weil man dann sehr viel besser verdienen kann als industrieller Landwirt, wenn man eben in großen Mengen Mais anbaut und dann in die Biogasanlagen transportiert."

Honigbienen – faszinierende Super-Organismen, deren winzige, aber hoch leistungsfähige Gehirne die Wissenschaft immer neu in Erstaunen versetzen. Die Honigbiene ist heute zwar vielfach gefährdet, doch mit den Imkern haben die Tiere starke Beschützer. Ein viel dramatischeres Sterben findet unter ihren wilden Verwandten statt: den Fliegen, Mücken, Hummeln, solitären Bienen, die alle keine robusten Staaten bilden. Für Randolf Menzel liegt das eigentliche Problem noch tiefer:

"Dass wir mit diesen Giften eine massive Beeinträchtigung der Umwelt akzeptieren und dass diese sich auswirkt eben zum Beispiel auf andere Bestäuber natürlich, aber natürlich auch auf die Nahrungsgrundlage von Fischen und Vögeln – und dass das natürlich dann zur Verarmung unserer Umwelt führt."

Fünfhundert verschiedene Bienenarten gibt es in Deutschland, fünfundsechzig Prozent davon stehen auf der roten Liste der bedrohten Arten. Doch auch sie werden gebraucht, in den Ökosystemen der Wildnis – und um eine ertrag- und vitaminreiche Ernährung für den Menschen zu sichern. Um hier einen gemeinsamen Kenntnisstand zu erreichen, sollten Industrie und Landwirtschaft mehr mit der unabhängigen Forschung zusammenarbeiten, sagt Alexandra-Maria Klein.

"Das ist schwierig, wenn die verschiedenen Interessengruppen an verschiedenen Ecken und Enden arbeiten - und nicht miteinander kommunizieren."

"Das ist der Wahnsinn"

Deutschland ist in der Fläche ein kleines Land – hier preiswert Nahrungsmittel zu produzieren, geht nur unter einer Bedingung, meint Bernd Grünewald:

"Wir müssen schon mit Monokulturen auskommen. Aber eine wünschenswerte politische Antwort wäre, einen Kompromiss zu finden zwischen ökonomischer Landwirtschaft, aber auf der anderen Seite eben freie Flächen, die ökologisch intakt gelassen werden."

Wo liegt die politische Verantwortung für das Sterben der Insekten? Nicht bei den Bauern, nicht bei der Umweltpolitik, betont Thomas Radetzki – es ist die EU-Landwirtschaftspolitik, die ökologisch umfassend in die Pflicht genommen werden muss.

"Das ist einfach den EU-Förderrichtlinien geschuldet. Die ganze Politik von uns für eine andere Landwirtschaft richtet sich nicht gegen Bauern. Die richtet sich gegen die vorhandene Agrarpolitik, die auf Kosten der natürlichen Ressourcen betriebswirtschaftliche Vorteile bei den Höfen produziert, die dann zu Weltmarktpreisen konkurrenzfähig sein sollen. Das ist der Wahnsinn."

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