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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.03.2011

Bedeckende Mode muss nicht langweilig sein

Zwei Unternehmerinnen aus Berlin produzieren Mode für muslimische Frauen

Von Mandy Schielke

Moschee der Ahmadiyya Gemeinde in Berlin-Pankow (AP)
Moschee der Ahmadiyya Gemeinde in Berlin-Pankow (AP)

Wie sind sie eigentlich, die deutschen Musliminnen? Irgendwo zwischen Neuköllner Kopftuchmädchen und exotischen Haremsfantasien schweben die Bilder. Wie wäre es, mal zu fragen, was sie anziehen?

Ihre Haut ist blass, die Augen hellgrün, ihr Gesicht umrahmt ein schlichtes graues Kopftuch. Nele Abdallah ist 31 Jahre alt, in West-Berlin geboren, als Kind ging sie in die Bibelstunde. Vor fünf Jahren ist sie zum Islam konvertiert. Sie verzichtet auf Alkohol und Schweinefleisch, verhüllt sich, lebt nach den Regeln ihrer Religion. Und sie will schwimmen:

"Ich hatte, nachdem ich mich entschieden hatte, Kopftuch zu tragen, keine Möglichkeit mehr. Mir ist es dann ganz schmerzhaft bewusst geworden, als ich im Urlaub war. Habe dann damals das Glück gehabt, dass ich einen Ganzkörperbadeanzug dort gefunden habe und dachte dann, so etwas brauchst Du auch hier in Deutschland und vor allem braucht man das in einer vernünftigen Qualität."

Also gründete sie das Unternehmen Dressed to swim. Seit vier Jahren verkauft die junge Frau über ihren Onlineshop in Deutschland, Österreich und Frankreich Burkinis. Der "Burkini", eine Wortschöpfung aus "Burka", also Ganzkörperschleier, und Bikini, hat mit beiden Bekleidungsstücken wenig zu tun. Es handelt sich vielmehr um einen zweiteiligen Schwimmanzug aus Elastan. Nele Abdallah importiert die muslimischen Bademoden aus Australien:

"Das ist eine Faser, die ganz wenig Wasser nur aufnimmt und deswegen im Wasser nicht schwer wird und wenn man aus dem Wasser rauskommt, nicht viel Wasser mitnimmt. Alles in allem hat man dann auch den Effekt, dass es nicht am Körper klebt. Es ist so leicht im Wasser, dass, wenn es nicht miteinander verbunden wäre – Oberteil und Unterteil – es ein Bauchfrei-Schwimmen werden würde."

Die Ganzkörperbadeanzüge haben ganz unterschiedliche Designs. Es gibt sie mit eng anliegender Kapuze oder ohne. Einige Modelle sind schlicht, andere haben farbenfrohe Streifen und Applikationen. Nele Abdallahs Kundinnen: Muslimische Frauen, die in der Öffentlichkeit schwimmen wollen. In Berlin hat sich die deutsche Muslimin dafür eingesetzt, dass Burkinis auch in Schwimmbädern gestattet sind. In einer Kreuzberger Schwimmhalle können Musliminnen nun während der Frauenschwimmzeiten mit Ganzkörperbadeanzug ins Wasser – ein kleiner Schritt zu mehr Freiheit für muslimische Frauen hierzulande, findet Frau Abdallah.

Die Geschichte der Modemacherin Susanne Queck klingt ähnlich:

"Als ich selbst konvertiert bin vor einigen Jahren, ist mir aufgefallen, dass es die Mode, die ich gern tragen würde, dass es die nicht so gibt auf dem deutschen Markt. Und ich habe mir ganz viel bestellt aus England, Amerika und habe mich dann gefragt, warum kann man das nicht einfach hier in Deutschland machen? Und dann hab ich es einfach gemacht."

Sie nahm ihre Ersparnisse und gründete vor einem Jahr vom Küchentisch aus Imzadi Couture. Die Webseite für ihren Online-Shop baute sie selbst:

"Imzadi ist ein Kunstwort, das sehr gut gepasst hat. Es klingt sehr weiblich und hat mir einfach gut gefallen. Und Couture für Mode, französisch Mode."

Lange Mäntel in gedeckten Farben und mit femininen Raffungen an der Taille. Hochgeschlossene Blusen, die weit über das Gesäß fallen und leuchtende Farben haben. Schnallen, Knöpfe, Abnäher – überall lassen sich raffinierte Details finden. Bedeckende Mode muss eben nicht langweilig sein, sagt die 32-Jährige:

An einem Wintermorgen sitzt Susanne Queck in einem Café im Berliner Stadtteil Wedding. Sie muss gleich zum Flughafen. Am Nachmittag ist sie mit belgischen Designern für muslimische Mode in Brüssel verabredet, die sie über Imzadi Couture gern auch hierzulande vertreiben will. Susanne Queck sagt, dass sie sich schon als Kind sehr für Mode interessiert hat und ihren Puppen Kleidchen genäht habe. Das war in den 80er-Jahren in Berlin-Hohenschönhausen − im Ostteil der Stadt.

Susanne Queck ist wie viele Kinder in der DDR ohne Religion aufgewachsen und lange habe ihr das auch nicht gefehlt. Nach dem Abitur macht sie eine Ausbildung zur Tierpflegerin, später schult sie um zur Werbekaufrau und studiert schließlich in Leipzig Medienkommunikation. Nebenbei arbeitet sie selbstständig als Grafikdesignerin, reist durch die Welt und suchte nach ihrem Platz in ihr:

"Ich fühlte mich schon so ein bisschen leer. Ich war als Sängerin sehr sehr lange unterwegs, bin gereist hier und da, habe viele Menschen getroffen und es blieb aber nie was da, es blieb nichts zurück."

Sie beginnt, sich für Religion zu interessieren, beschäftigt sich immer stärker mit dem Islam. Sie nimmt Unterricht in der Moschee und entscheidet sich ein Jahr später, Muslima zu werden. Drei Jahre ist das jetzt her. Susanne Queck sagt von sich selbst, dass sie seitdem ruhiger, zufriedener geworden sei. Und ihre Eltern in Hohenschönhausen?

"Sie wollten das nicht so richtig wahrhaben. 'Dann isst man ja kein Schwein mehr' und das wurde dann als Spleen abgetan und 'mal sehen, wie lange das dauert'. Inzwischen haben sie gemerkt, dass ich es ernst meine."

Die Konvertitin und Bademodenunternehmerin Nele Abdallah geht inzwischen jeden Freitag in die Moschee. Die Klarheit, die Absolutheit des Glaubens, der so eng mit dem Alltag zusammenläuft, hat die junge Mutter vom Islam überzeugt:

"Ich hatte in meiner Religion, in der ich geboren wurde - dem Christentum - immer ein paar Fragen, die haben sich einfach nicht auflösen wollen. Ich hatte mich damit in Deutschland ganz gut arrangiert, weil man die Religion hier sehr frei leben kann. Man hat die positive Religionsfreiheit, man hat die negative Religionsfreiheit. Eigentlich muss man sich für gar nichts rechtfertigen. Das hat sich geändert, als ich eine längere Zeit in Ägypten war. Da habe ich ein ganz anderes Christentum kennen gelernt. Auch mit einem ganz anderen Missionsbedürfnis. Und da ist mir aufgefallen, dass ich mich dazu gar nicht so richtig bekennen konnte."

Jung, modern, muslimisch – das sind keine Gegensätze, sagt Nele Abdallah selbstbewusst. Bei "Dressed to swim" ist sie ihre eigene Chefin. Mit dem Klischeebild der unselbständigen, verhüllten Muslima will sie aufräumen und blickt dabei auch in die Vergangenheit: Schließlich war auch die erste Ehefrau des Propheten Mohammed eine erfolgreiche und sehr wohlhabende Kauffrau, sagt die 31-Jährige lächelnd. Sich zu verhüllen, zurückgenommen, unauffällig zu erscheinen, sich Männerblicken zu entziehen, hat ihr niemand verordnet, sagt Nele Abdallah. Das habe sie frei entschieden.

Dass die Wirkung des Kopftuches in der westlichen Gesellschaft aber genau umgekehrt ist, also Aufmerksamkeit erregt, mit diesem Widerspruch muss die Bademodenunternehmerin leben. Die Vorurteile, die in Deutschland gegenüber muslimischen Frauen existieren, gehören zu ihrem Alltag. Immer wieder wird sie auf der Straße als Islamistin beschimpft. Auch das hält sie aus:

"Bei all den vielen Möglichkeiten, die sich einem so bieten, sich benachteiligt oder ausgegrenzt zu fühlen, dass man es damit nicht belässt, sondern in Kontakt tritt und nachhaltig versucht, diese gesellschaftliche Teilhabe auch einzufordern und die auch zu leisten."

Sie engagiert sich als Elternsprecherin im Kindergarten ihres kleinen Sohnes und berichtet auf Podiumsdiskussionen über ihre Erfahrungen als Muslima. Ob der Koran die Verschleierung vorschreibt und welche Körperteile zu bedecken sind, darüber streiten die Gelehrten. Nele Abdallah weiß, dass die Mehrheit der Musliminnen in Deutschland kein Kopftuch trägt. Einen Kopftuchzwang für Musliminnen gibt es ihrer Ansicht nach nicht, auch wenn das Tuch für sie einfach dazu gehört:

"Ich denke eher praktisch", sagt Susanne Queck von Imzadi Couture: "Weil ich den ganzen Tag sehr viel arbeite, rumhetze, hebe, trage, mache und dabei würden mich lange Kleider einfach stören. Das sage ich offen, damit kann man nicht richtig arbeiten. Und deswegen trage ich ganz normal: Hose, Pulli, Mütze."

Ihr weiter Strickpullover ist farblich bestens abgestimmt zur hellblauen Mütze, die lässig auf ihrem Kopf sitzt. Aus der Mütze fallen rotbraune Haarstränen ins Gesicht. Ein Kopftuch trägt sie nicht. Noch nicht, sagt sie. Ihr Modeunternehmen wächst rasant. Die Nachfrage ist so groß, dass Susanne Queck inzwischen drei Mitarbeiterinnen einstellen konnte. Noch sind die meisten Kleider bei Imzadi Couture von Designern aus England und den USA. Im Frühjahr wird Susanne Queck ihre eigene Kollektion vorstellen. Ihr persönliches und berufliches Leben hat sich seit dem Übertritt zum Islam sehr verändert.

Nele Abdallah geht es ganz ähnlich:

"Aber die Persönlichkeit ändert sich nicht, weil ich denke, wenn ich mich für eine Religion entscheide, dann mache ich das auch auf einer Suche und als Suchender bin ich vorher durch die Welt gegangen und das hört auch nicht auf, wenn man erst einmal eine Antwort gefunden hat. Nur weil man für sich jetzt entschieden hat, ich bin jetzt Muslim, hat man ja nicht alle Fragen des Lebens beantwortet. Die gehen ja weiter, man guckt sie sich nur durch eine andere Brille an."

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