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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.05.2015

Bayerische Staatsoper MünchenLiebesgier und Todesnähe in Alban Bergs "Lulu"

Von Franziska Stürz

Szene mit Bo Skovhus (als Dr. Schön) und Marlis Petersen (als Lulu) an der Bayerischen Staatsoper München, aufgenommen am 20.5.2015 (imago/DRAMA-Berlin.de)
Szene mit Bo Skovhus (als Dr. Schön) und Marlis Petersen (als Lulu) an der Bayerischen Staatsoper München (imago/DRAMA-Berlin.de)

Schonungslos stellt Dmitri Tcherniakov Begierde, Sehnsucht und Lust in Alban Bergs "Lulu" an der Bayrischen Staatsoper dar. In Marlis Petersen hat der Regisseur eine glaubhafte Sängerdarstellerin mit stimmlicher Brillanz, Eleganz und Schönheit gefunden.

Alban Bergs "Lulu" nach Frank Wedekinds Tragödien "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" gilt als eine der tödlichsten Opernfiguren überhaupt. Ihre jugendliche Schönheit und Sehnsucht nach Liebe ziehen die Männer an wie Motten. Lulu treibt sie in den Selbstmord oder tötet selbst, denn die Eifersucht macht ihre zahlreichen Ehemänner alle wahnsinnig.

An der Bayerischen Staatsoper nimmt Dmitri Tcherniakov alle Figuren der Tragödie sehr ernst und konzentriert sich vollkommen auf deren komplexe Psychologie. Begierde, Sehnsucht und Lust werden in seiner minutiösen Personenführung schonungslos dargestellt, keine Requisiten, keine Räume gibt es auf der Bühne – nur die nackten Menschen und ihre Beziehungen.

In seiner Glaskastenbühne gefangen, gespiegelt und vervielfacht durch einen Tanzchor, zeigt Tcherniakov die faszinierende Persönlichkeit der nach Liebe gierenden Lulu, wobei sie in seiner Sichtweise weniger das kindliche Opfer von Männerprojektionen darstellt. Diese Lulu trifft ihre fatalen Entscheidungen bewusst und bringt sich am Ende mit Jack the Rippers Messer selbst um. Zurück bleibt pure Verzweiflung. Die Todesnähe ist durch den weißen Körperumriss auf der Glasscheibe als Lulus Abbild immer präsent. Leider gelingt der dritte Akt etwas zu statisch, um die hohe Spannung auf der Bühne bis zum Schluss zu halten.

Saftig-düstere Orchesterwogen

Marlis Petersen in der Titelpartie triumphiert als grandiose Sängerdarstellerin mit unerschöpflicher Energie, stimmlicher Brillanz und der Eleganz und Schönheit, die eine glaubhafte Lulu braucht. Sie bedient alle Facetten der komplexen Persönlichkeit Lulus und lässt sich auch durch Nasenbluten nicht beirren. Weiß wie Schnee sind ihre Kleider und rot wie Blut ist ihr immer perfekt sitzendes Haar. Ihre körperliche und stimmliche Akrobatik sind tatsächlich anbetungswürdig. Neben ihr glänzt eine großartige Sängerriege in allen weiteren Rollen, angeführt von Bo Skovhus als ebenfalls packender Dr. Schön und Jack the Ripper .

Kirill Petrenko hat eine Verwandtschaft zu Wagners Tristan und Isolde im Bergs Musik entdeckt und lässt mit dem monumental besetzten Staatsorchester in saftig-düsteren Wogen sämtliche Motive der komplizierten Partitur aufwallen. Das ist in den Orchester- Zwischenspielen ein Genuss, wird aber im Zusammenklang mit den textlastigen Gesangspassagen im Verlauf des dreistündigen Abends auch anstrengend.

Etwas erschlagen muss sich das Publikum erstmal schütteln, um die großartigen künstlerischen Leistungen dann zu würdigen. Diese Lulu ist zwar schwer verdaulich, aber auch schwer beeindruckend.

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Profil, 05.02.2014)

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