Samstag, 23. Mai 2015MESZ00:12 Uhr

Buchkritik

Lebensmitteln auf der SpurDie Bionuss aus der Steppe
Ein Biosiegel haben viele Produkte. (picture alliance / dpa / Michael Vogl)

Der Journalist Peter Laufer ist auf Weltreise gegangen hin zu den Quellen unserer Biolebensmittel. Er beschreibt die Lücken der Zertifizierungsstellen und die völlige Vernachlässigung des Kontrollwesens für die Prädikate und Siegel auf den Produkten.Mehr

"Die Macht des Unwahrscheinlichen"Verblüffende Zufälle
Die offiziellen Lotto-Kugeln, aufgenommen im Sendezentrum des Zweiten Deutschen Fernsehens (dpa / picture alliance / Fredrik von Erichsen)

Wie kann es sein, dass kurz hintereinander dieselben Lottozahlen gezogen werden? David Hand geht in seinem Buch "Die Macht des Unwahrscheinlichen" diesen und anderen Fragen nach. Er konzentriert sich dabei auf die Normalität des extrem Unwahrscheinlichen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Fritz Rudolf Fries zum GedenkenDer Rausch im Niemandsland
Fritz Rudolf Fries (imago/ gezett)

Im Alter von sechs Jahren zog der in Bilbao geborene Fritz Rudolf Fries in die DDR. Jazz, Literatur, Politik: Von einem magischen Dreieck handelt das Feature über den späteren Schriftsteller, der letztes Jahr gestorben ist und am 19. Mai 80 Jahre alt geworden wäre.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.02.2013

Barometer für den Zustand der Beziehung

Alexandre Lacroix: "Kleiner Versuch über das Küssen", Matthes & Seitz, Berlin 2013, 176 Seiten

Eine entzückende Perle zum Valentinstag: "Kleiner Versuch über das Küssen" (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)
Eine entzückende Perle zum Valentinstag: "Kleiner Versuch über das Küssen" (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)

Der französische Philosoph Alexandre Lacroix hat ein kluges Buch über das Küssen geschrieben - und amüsant ist es auch noch. Seine "Theorie des Kusses" ist ein Streifzug durch die Geschichte und nebenbei ein Plädoyer für das Küssen - leicht, elegant und nie verlegen.

Ein Philosoph, der ein Buch über das Küssen schreibt – der kann eigentlich nur Franzose sein. Jeder deutsche Philosoph, der etwas auf sich hält, würde das Thema wohl als zu operettenhaft von sich weisen. Und Alexandre Lacroix geht auch noch nicht streng wissenschaftlich vor und widmet das Buch "allen zärtlich Liebenden". Ja, ist der sonst so seriöse Verlag Matthes & Seitz denn verrückt geworden?

Ganz im Gegenteil, der Verlag hat genau hingesehen, mit dem Buch eine entzückende kleine Perle geborgen und bringt es nun pünktlich zum Valentinstag heraus.

Die Frau von Alexander Lacroix warf ihm eines Abends vor, sie zu selten zu küssen. Das führte bei ihm, ganz Philosoph, nicht zu mehr ehelichen Küssen, sondern zu diesem Buch. Lacroix macht darin einen Streifzug durch die Literaturgeschichte, entwickelt eine "Theorie des Kusses", hält ein Plädoyer für das Küssen und beschreibt ganz unverkrampft immer wieder eigene Kuss-Erfahrungen, aus denen er höhere Wahrheiten ableitet.

Lacroix stellt nämlich bei der Beschäftigung mit dem Thema fest: "Philosophen und Psychologen haben überreichlich Intelligenz darauf verschwendet, zu verstehen, was beim Geschlechtsverkehr vor sich geht, doch neigten sie dazu, den Kuss allzu stiefmütterlich zu behandeln."

Auch die Ursprünge des Kusses liegen historisch weitgehend im Dunkeln. Dabei gibt es über ihn einiges zu sagen: Er "markiert die Schwelle zur Adoleszenz" und ist für das Gefühlsbekenntnis wichtiger als der Geschlechtsakt – um eine Liebe, in der nicht mehr geküsst wird, steht es nicht gut; der Kuss ist das "Barometer für den Zustand des Paares". Und was für ein Liebesbeweis so ein morgendlicher Kuss sein kann, der sich durch die Rotwein- und Camembert-Dämpfe des Abendessens kämpfen muss!

Und Lacroix bringt den Kuss sogar als zivilisierendes Moment in unseren rabiaten Zeiten ins Spiel: "Indem wir, entgegen unserer eigenen pornographischen Hybris, diese Zärtlichkeitsbezeugung weiterhin zu schätzen wissen, tragen wir Sorge für den besten Teil von uns selbst." Seine Alltagsbeobachtungen unterfüttert Lacroix mit Beispielen aus Film, Malerei und Literatur, vor allem der französischsprachigen (weshalb die Küsse-Bisse von Kleists "Phentesilea" leider nicht vorkommen).

Lacroix' Betrachtungen sind kenntnisreich und originell und vor allem sind sie amüsant. Er kokettiert selbst damit, sich gelegentlich auf Frauenzeitschriftenniveau zu begeben, nur um im nächsten Absatz gleich wieder auf philosophisch, psychoanalytisch oder soziologisch abgesichertes Terrain zu springen. Und Lacroix hat einen Tonfall gewählt, der absolut seinem Thema entspricht: leicht, elegant, nie verlegen um ein Bonmot oder einen Aphorismus: "Seltsamer Kuss, dessen Gabe der Beginn einer Geschichte ist und dessen Verweigerung deren Ende."

Wie gut, dass Alexandre Lacroix mit diesem Buch das Küssen aus der Operetten-Kiste holt. Übrigens, Frankreich hält den weltweiten Kussrekord: Paare tauschen dort im Schnitt täglich sieben Küsse aus.

Besprochen von Dina Netz

Alexandre Lacroix: Kleiner Versuch über das Küssen
Aus dem Französischen von Till Bardoux
Matthes & Seitz, Berlin 2013
176 Seiten, 16,90 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Sehnsucht nach Nähe
Kleine Liebesgeschichten ganz groß