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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.03.2009

Balkan-Krimi

Edo Popovic: "Die Spieler", Voland & Quist 2009, 288 Seiten

Die kroatische Flagge (AP)
Die kroatische Flagge (AP)

Mladen Folo ist Leiter einer kroatischen Polizeiabteilung. Eigentlich ist er nur ein kleines Rädchen im Getriebe, doch er entwickelt sich zum Rächer der Entehrten. - Edo Popovic hat mit "Die Spieler" weniger einen Krimi, sondern vielmehr ein Meisterwerk unaufdringlicher Gesellschaftskritik vorgelegt.

Der kroatische Krimi - so räsoniert der Erzähler irgendwo im zweiten Drittel des Buches - sei eine spezielle Gattung: 100-prozentig sauber und 100-prozentig kroatisch, ohne diese idiotischen Komplikationen und Unklarheiten, die das Gehirn des kroatischen Bürgers nur belasten würden, als hätte dieses Gehirn nichts Klügeres zu tun, als sich mit der Frage zu beschäftigten, wer wen abgemurkst hat und warum.

Eine so kräftige Dosis zynischen Humors kann sich der Autor Edo Popovic allemal leisten. Schließlich geht es Popovic in seinem dritten auf Deutsch bei Voland & Quist erschienenen Roman "Die Spieler" kaum darum, von seinen Lesern anspruchsvolle kriminalistische Rätsel lösen zu lassen. Die hier aus brutalen Verbrechern, gnadenlos korrupten Staatsdienern und vollkommen opportunistischen Journalisten gestaltete Welt dient vielmehr dazu, die Zagreber Gesellschaft der Nach-Tudjman-Ära satirisch zu entlarven. Da gibt es vergleichsweise harmlose Typen, wie den Dinamo-Zagreb-Fan Niko, der sich für 100 Euro darauf eingelassen hat, einen Homosexuellen im Park zu verprügeln, dann aber, weil er die Kontrolle über seinen Baseballschläger verloren hat, zwei Jahre wegen Totschlags hinter Gitter muss. Danach empfindet Niko Reue und will ein friedlicher Bürger werden.

Auch der Polizeispitzel Funtak, der den Tarnnamen Märzhase trägt, ist kein ganz schlechter Mensch; vielleicht deshalb entdeckt man ihn eines Tages mit einer Kugel im Kopf in einer öffentlichen Toilette. Aus anderem Holz geschnitzt sind Kriminelle wie der Tycoon Colak, einst Chef der Jugomafia in Frankfurt am Main, oder sein Freund Tomic, ein großer kroatischer Patriot, der es im Jugoslawienkrieg vom Gabelstaplerfahrer zum hoch dekorierten General gebracht hat und nun, in Friedenszeiten, von Geschäften mit Waffen, Heroin und humanitärer Hilfe lebt. Aus den feinsten Villen der Stadt dirigieren sie das organisierte Verbrechen mithilfe von befreundeten Politikern und Medienvertretern.

"Die Spieler" bestehen aus drei relativ eigenständigen Teilen. Zusammengehalten werden diese Teile von der Figur des Mladen Folo. Von Hause aus Literaturwissenschaftler, wird Folo nach dem 11. September als Leiter der Polizeiabteilung für "kulturellen Terrorismus" damit beauftragt, einen prominenten, ganz und gar unverdächtigen Schriftsteller als potenziellen Attentäter anzuschwärzen, um durch die vermeintliche Entlarvung Kroatiens Reputation im internationalen Anti-Terror-Kampf zu stärken. Da ist Folo nur ein Rädchen im Intrigenbetrieb; doch nach und nach entwickelt er sich zum Rächer der Entehrten. In eigener Regie klärt er den Mord an einer ukrainischen Prostituierten auf und erschießt fast aus einer Laune heraus zwei der dafür verantwortlichen Mafiosi. Einer von ihnen ist der Gabelstaplergeneral Tomic. Da Folo kompromittierendes Fotomaterial aus dem Liebesleben der Ministerpräsidentin besitzt, droht ihm keine Strafe des Gesetzes.

Edo Popovic kam 1957 im bosnischen Livno zur Welt und lebt seit über 30 Jahren in Novi Zagreb, einer rund 200.000 Einwohner zählenden, zu sozialistischen Zeiten in bekannter Symmetrie und Monotonie errichteten Satellitenvorstadt. Hier spielen die meisten seiner Geschichten und Romane, und dieser "Schlafsaal von Zagreb" bildet auch die Hauptbühne für "Die Spieler". Mit der ihm eigenen Schnoddrigkeit, seinem ausgeprägten Sinn für die tragikomischen Seiten des Lebens und einer feinen Grautonzeichnung seiner Helden ist Popovic dabei ein Meisterwerk unaufdringlicher Gesellschaftskritik gelungen.

Rezensiert von Martin Sander

Edo Popovic: Die Spieler
Roman
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Voland & Quist 2009
288 Seiten, 19,90 Euro

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