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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 09.01.2006

Bahr: RIAS war Katalysator des Aufstandes

Ex-Chefredakteur über die Rolle des Senders während des 17. Juni 1953

Moderation: Nana Brink

Egon Bahr (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Egon Bahr (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Der ehemalige Chefredakteur des RIAS, Egon Bahr, hat den Einfluss des Senders beim Aufstand des 17. Juni 1953 in der sowjetisch besetzten Zone hervorgehoben. Weil der RIAS die Forderungen der Streikenden über den Äther schickte, habe sich der Aufstand überall im Land ausgebreitet, sagte Bahr anlässlich der RIAS-Gründung vor 60 Jahren.

Brink: Der RIAS, über den wir hier anlässlich seiner Gründung vor 60 Jahren in diesen Wochen berichten, war - zugespitzt formuliert - auch ein Radio im Kalten Krieg. Heute beschäftigt uns der 17. Juni 1953, der Aufstand in Ost-Berlin und der DDR. Der SPD-Politiker Egon Bahr, der Architekt der neuen Ost-Politik unter Willy Brandt, war 1953 Chefredakteur des RIAS. Er formulierte am 18. Juni einen Kommentar zum Aufstand in der DDR, aus dem wir jetzt Auszüge hören:


"Meine sehr verehrten Hörerinnen und Hörer. Was wohl kaum jemand im Westen für möglich gehalten hat: Die Arbeiterschaft und sich anschließende Menschen aus allen Bevölkerungsschichten haben aus eigenem Willen demonstriert. Demonstriert nicht nur gegen die Normen und die hohen Lebenshaltungskosten, sondern für etwas. Für ihre Vereinigung mit dem übrigen Deutschland, für die Freiheit. Und es muss wohl dieses Für gewesen sein, dieses Sichhinstellen und Bekennen für eine uneigennützige Sache - trotz jahrelangen Terrors, trotz jahrelanger Unterdrückung, trotz der Bewaffnung der Unterdrücker -, was diesen Massen den echten revolutionären Hauch der Begeisterung gegeben hat."

Brink: Der Kommentar ist fast zwölf Minuten lang und nach der Würdigung des Mutes und der Leistung der Aufständischen mahnt Egon Bahr zu Besonnenheit. Sein Kommentar endet mit Hinweisen auf die realpolitische Situation in der DDR 1953:

"Unmöglich aber ist es, unorganisiert gegen den Willen der Besatzung das Regime zu stürzen. Unmöglich ist es, unorganisiert die Macht zu übernehmen. Aber möglich ist es, die Machthaber so zu diskreditieren, dass niemand sie auf die Dauer halten kann. Und das ist geschehen. Man möchte es fast ein Wunder nennen. Die Macht des Regimes wurde verkleinert; der Wert der Zone für die Sowjets wurde verringert. Und das ist der Weg, der die deutsche Einheit beschleunigen wird. Und diese Tage werden die Einheit beschleunigen, daran kann kein Zweifel sein."

Brink: Egon Bahr, damals Chefredakteur beim RIAS, kommentierte die Aufstände in Ost-Berlin am 17. Juni. Ich begrüße Sie jetzt im Studio, schön, Herr Bahr, dass Sie zu uns kommen konnten. Am 17. und 18. Juni 1953 war die Situation in der DDR ja hoch brisant. Mit dem Aufstand demonstrierte die Bevölkerung der DDR, dass sie diesen Staat nicht wollte, dass sie mit der Bundesrepublik wiedervereinigt werden wollte, wie Sie es formuliert haben. Das wäre doch eigentlich die Gelegenheit gewesen, um als Chefredakteur des RIAS' ins Rad der Geschichte zu greifen und den Aufstand aufzuheizen, anzuheizen. Der RIAS war ein Radio im Kalten Krieg. Stattdessen mahnten Sie zu Besonnenheit. Warum?

Bahr: Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich erst mal mit einer kleinen Korrektur beginne: Wir haben damals nicht DDR gesagt. Das war noch Zone.

Brink: In Anführungszeichen?

Bahr: Nein, wir haben halt Zone gesagt, ganz normal Zone. Was war es denn sonst? Eine sowjetisch besetzte Zone, mit dem Anspruch, ein Staat zu sein - den wir nicht anerkannten und gar nicht so nennen durften. Eine zweite kleine Korrektur: Der entscheidende Faktor fand am 16. Juni statt. Und am 16. Juni kamen am Nachmittag ein paar Leute in mein Büro, eine Abordnung der Streikleitung aus der Stalinallee, und haben exakt das von uns verlangt und erwartet, wovon Sie gerade gesprochen haben, nämlich: Wir sollten aufrufen zum Generalstreik in der Zone. Und natürlich war das für einen amerikanisch verantworteten Sender völlig unmöglich. Das habe ich ihnen aber nicht gesagt, sondern ich habe ihnen gesagt: Gibt es denn irgendwelche Vorbereitungen, irgendwelche Organisationen? - Nein. Und darauf habe ich ihnen gesagt: Ohne Organisation funktioniert weder ein Generalstreik noch das, was sich da anschließt.

Brink: Eine Machtübernahme sozusagen?

Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (AP Archiv)Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (AP Archiv)Bahr: Eine Machtübernahme. Da waren die sehr bedripst. Und dann haben wir uns hingesetzt, ich habe gefragt: Nun sagen Sie doch erst mal Ihre Forderungen. Und dann sprudelte eine Reihe von Forderungen. Dann haben wir uns hingesetzt und haben diese Forderungen in ein vernünftiges Deutsch gebracht, in eine Reihenfolge gebracht und dann haben wir das gesendet. Punkt. Aus. Schluss. So, und dann kam der 17. Juni und mittags wurde der Ausnahmezustand verhängt. Und damit war Schluss und damit war auch für den Sender klar: Nicht gegen die Besatzungsmacht.

Und dann kam in der darauf folgenden Woche - ich kann den Tag nicht mehr genau sagen - zum ersten Mal einer in den Sender, mit nassen Kleidern, der war durch den Kanal geschwommen und hat berichtet: In Brandenburg war auch was los. Die ganze Zone war hochgegangen. Und wir stellten fest: Überall waren die fünf Punkte in der Reihenfolge, in dem Wortlaut verkündet worden und plakatiert worden und benutzt worden. Das heißt, der RIAS war - ohne es zu wissen und ohne es zu wollen - zum Katalysator des Aufstandes geworden.

Brink: Weil Sie es berichtet haben? Also weil Sie berichtet haben, was passiert ist?

Bahr: Ja. Und weil wir gar nicht geahnt haben, dass ein Radiosender, also ein elektronisches Medium, innerhalb von Stunden einen solchen Erfolg oder ein solches Ergebnis haben würde. Das war neu. Das hatte es ja noch nicht gegeben. Ich meine, heute wissen wir, 50 Jahre später oder auch schon etwas früher: Die elektronischen Medien mit bewegten Bildern - gar noch in Farbe - sind heute in der Lage, global und weltumfassend fast zeitgleich die Informationen zu verbreiten. Mit entsprechenden Folgerungen. Damals war das noch nicht so.

Brink: Habe ich Sie dann richtig verstanden, dass der RIAS eigentlich unfreiwillig eine Rolle gespielt hat, ...

Bahr: Ja.

Brink: ... die er ja nicht spielen wollte? Nämlich politisch eigentlich einzugreifen?

Bahr: Ich habe gesagt: Ohne es zu wollen und ohne es zu wissen.

Brink: Dem RIAS wurde ja von östlicher Seite vorgeworfen, dass er Propaganda macht, dass er die Stimmung in der DDR anheizt, dass er sogar Spitzel hat in der DDR. Haben Sie Spitzel gehabt?

Bahr: Wir haben Leute gehabt, die gekommen sind und berichtet haben. Und wiedergekommen sind und wieder berichtet haben.

Brink: Auch live über den Äther?

Bahr: Nein, sondern nur den Redakteuren. Und das ist dann in die Sendungen eingeflossen. Der Grundsatz des RIAS war: Alles, was wir berichten, muss wahr sein. Nach bestem Wissen und Gewissen. Auch wenn es unangenehm ist. Auch wenn es nicht im westlichen Interesse zu liegen scheint. Die Leute müssen Vertrauen zum Sender gewinnen können. Und das war der oberste Grundsatz und an den haben wir uns gehalten. Und dadurch wurde eine Vertrauensbasis aufgebaut, die dazu führte, dass in der gegebenen spannungsreicheren Situation die Zone am RIAS gehangen hat.

Brink: Sie haben gerade eben gesagt, dass die Leute zu Ihnen kamen, Ihnen Sachen berichteten, die vielleicht auch nicht im Sinne oder im Interesse der westlichen Machthaber waren, auch der Amerikaner. Nun waren Sie ja ein von amerikanischer Seite finanziertes Programm. Gab es denn wirklich Meinungsfreiheit? Oder ist Ihnen diktiert worden von amerikanischer Seite? Konnten Sie das berichten, wovon Sie erzählen?

Bahr: Ich muss sagen, die deutschen Kollegen - oder genauer gesagt: die Kollegen, die bei deutschen Sendern arbeiteten - kamen und sagten: Mensch, Du bist wirklich zu beneiden; ihr könnt im RIAS sagen, was ihr wollt; wir müssen Rücksicht nehmen auf unsere Aufsichtsgremien. Die einzige Begrenzung, die der RIAS hatte, war: Wir durften nicht sagen, dass der amerikanische Präsident ein Idiot war. Das hat aber auch niemand in einem deutschen Sender gesagt, denn das war so außerhalb völliger Kritik. Ich habe ein einziges Mal in meiner ganzen Zeit eine amerikanische Weisung bekommen. Nämlich am Abend des 16. Juni 1953 ...

Brink: Und die war?

Bahr: ... wo der amerikanische Chef, Gordon Ewing, mit bebendem Bart in mein Zimmer kam und fragte, ob ich denn den Dritten Weltkrieg beginnen wolle, weil wir berichtet hatten: Also Treffpunkt am 17. Juni, früh morgens - ich glaube, sechs oder sieben Uhr - am Strausberger Platz. Und das war etwas, was den amerikanischen Hochkommissar, Doktor Conant, alarmiert hatte, weil er gesagt hatte: Um Gottes Willen, was ist, wenn die Russen nun marschieren? Und was ist, wenn sie weitermarschieren werden und nach West-Berlin? Dann beginnt ja der Dritte Weltkrieg. Und ich habe argumentiert - oder versucht, zu argumentieren: Das ist politisch undenkbar. Und er sagt: Sie können das nicht garantieren. Da sage ich: Nein, natürlich nicht. Aber egal, dies ist eine Weisung. Und die mussten wir befolgen. Aber das war das einzige Mal, dass ich eine Weisung von den Amerikanern bekommen habe.

Brink: Fiel Ihnen das schwer oder gab es zum damaligen Zeitpunkt so etwas wie einen antikommunistischen Konsens?

RIAS (Deutschlandradio / Bettina Straub)RIAS (Deutschlandradio / Bettina Straub)Bahr: Ein antikommunistischer Konsens war da. Der RIAS war natürlich ein Sender des Kalten Krieges. Das war doch völlig klar. Ich habe jedenfalls, skurrilerweise, bis zum Bau der Mauer gebraucht, um aus einem Kalten Krieger ein Entspannungspolitiker zu werden. Wir hätten ja damals, 1953, schon sehen können, dass die Amerikaner nicht eingegriffen haben, dass alle interessiert waren am Status quo, obwohl es noch keine Mauer gab. Aber so schlau oder so klug waren wir noch nicht.

Brink: Hätten Sie zum damaligen Zeitpunkt schon Ihre Ideen zur neuen Ostpolitik, also dieses ...

Bahr: Nein.

Brink: ... Wandel durch Annäherung ...

Bahr: Nein. Überhaupt nicht.

Brink: War also außerhalb jeder Vorstellungskraft?

Bahr: Völlig außerhalb der Vorstellung.

Brink: Wie wichtig war denn der RIAS aufs Ganze gesehen für die Entwicklung in beiden deutschen Staaten?

Bahr: Na ja, der RIAS hat auf der einen Seite dafür gesorgt - oder versucht, dafür zu sorgen -, dass der innere Kontakt und die Informiertheit zwischen dem, was in der Bundesrepublik vor sich ging, und dem, was in der DDR vor sich ging, erhalten blieb.

Brink: Was ist denn aus dieser RIAS-Zeit persönlich in Erinnerung geblieben, wenn Sie jetzt zum Beispiel hier in diesem Gebäude sind, das ist ja das alte RIAS-Gebäude, aus dem Deutschlandradio Kultur sendet?

Bahr: Also das Gebäude kommt mir immer noch sehr vertraut vor. Ich weiß, in welchem Stockwerk ungefähr ich was wo finden kann. Die Stimmung im Haus war - es gab in der Redaktion eine offene Diskussion mit Meinungsunterschieden taktischer Art, journalistischer Art, politischer Art, die war sehr anständig. Die Amerikaner haben sich zurückgehalten. Also ich habe mich hier wohl gefühlt. Es war ein liberales Haus.

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