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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2014

AuszeichnungMaxim Gorki Theater ist Theater des Jahres 2014

Juror Franz Wille: Kein Virtuosentheater, sondern Ort der Auseinandersetzung

Moderation: Liane von Billerbeck

Das Maxim Gorki Theater, aufgenommen am 29.10.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)
Das Maxim Gorki Theater in Berlin (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)

Das Berliner Maxim Gorki Theater ist Theater des Jahres 2014. Das gab der Juror und Redaktionsleiter der Zeitschrift "Theater heute" im Deutschlandradio Kultur bekannt.

Liane von Billerbeck: Heute ist es wieder soweit: Die Theaterwelt erfährt, welches Haus sich mit dem Titel „Theater des Jahres 2014" schmücken darf. Und wenn wir jetzt bei den Oscars wären, dann würde ich natürlich das berühmte Kuvert öffnen, in dem die Karte mit dem Namen des Gewinners steckt. Wir haben es leichter, weil diese Auszeichnung ja vom Fachblatt „Theater heute" verkündet wird, und dessen Redakteur ist auch Juror, Franz Wille, und extra zu uns zu „Studio 9" gekommen, um die Nachricht zu verkünden. Grüß Sie, Herr Wille!

Franz Wille: Morgen, hallo!

von Billerbeck: 44 Kritiker haben gewählt. Welches ist es denn nun, das „Theater des Jahres"?

Wille: Ja, welches ist es denn nun, das „Theater des Jahres"? Das Gorki-Theater in Berlin ist es geworden, und das ist mit großer Mehrheit gewählt worden: 15 Kritiker haben sich für das Gorki entschieden. Das ist ein sehr, sehr überzeugendes Votum.

von Billerbeck: Das Gorki-Theater unter Shermin Langhoff und Jens Hillje, und das nach der ersten Spielzeit unter deren Ko-Intendanz. Was bitte macht denn dieses Berliner Haus aus, dass es diesen Titel sich jetzt an die Brust heften kann?

Wille: Ich versuche, es ganz einfach zu sagen: Das Gorki-Theater weiß, was es will, und kriegt das auch rüber. Es erzählt von einer anderen Normalität, es erzählt von einer Realität, die multiethnisch ist, die multikulturell ist, und das zieht sich durch alle Produktionen des Hauses durch. Es ist kein Theater, das primär theaterästhetisch interessiert ist, es ist inhaltlich interessiert. Es ist kein Virtuosentheater, sondern es ist ein Theater, das etwas im öffentlichen Raum verhandeln will und das dem Publikum auch sehr gut überträgt.

Alexander Radenkovic hat das in einem kleinen Statement geschrieben, das möchte ich schnell vorlesen, weil das einfach so toll ist und weil das das Theater so auf den Punkt bringt, Radenkovic schreibt: "Ich will, dass mein Theater eine Haltung hat, eine Position einnimmt, auch wenn sie unangenehm, vielleicht zu laut, für manchen zu eindimensional scheint. Ich will mich zugehörig fühlen, mich breit machen in der Gesellschaft, und ich will mich ärgern, streiten und auseinandersetzen, meine eigenen Widersprüche überwinden, auf der Bühne gratwandern zwischen Person und Fiktion, angstlos." Das ist es.

Das Ensemble funktioniert gleich in der ersten Spielzeit

von Billerbeck: Das war einer der Schauspieler vom Gorki-Theater, und das Interessante an diesem Ensemble ist ja, nachdem der Vorgänger-Intendant Armin Petras nach Stuttgart gegangen ist, dass bis auf eine einzige Schauspielerin, nämlich Ruth Reinecke, das komplette Ensemble neu ist – und man könnte das ja damit vergleichen: Das wäre so, als würde aus einer aus vielen Ligaspielern zusammengewürfelte Nationalelf Fußballweltmeister werden, oder?

Wille: Das ist das Geheimnis dieses Theaters und erklären kann man es nicht, weil es hat funktioniert, es hat funktioniert gleich in der ersten Spielzeit. Bei anderen Bühnen dauert das länger, da ist das Ensemble dann in der zweiten oder dritten Spielzeit so weit, dass man sagen kann, das ist ein Ensemble – und das Gorki hat das vom Start weg geschafft. Und das ist eine großartige Leistung. Es ist kein großes Theater, muss man sagen, das sind 150 Leute, das ist ein mittleres Stadttheater, das ist kein Riesenhaus und sie haben auch nicht so wahnsinnig viel Geld, das ist auch, was die finanzielle Ausstattung angeht, ein mittleres Haus, und umso toller, dass sie es geschafft haben.

von Billerbeck: Wenn man sich jetzt ansieht, wer dort spielt – und das kann man natürlich einmal im Theater selbst, morgen geht die Spielzeit ja wieder los, man kann das auch auf der Webseite des Gorki-Theaters und auch bei Ihnen in der Sonderausgabe von „Theater heute" –, dann fällt jedes Mal auf, dass fast alle Schauspieler den berühmten Migrationshintergrund haben und in den 1980er-Jahren, plus, minus, geboren wurden. Ist das also einfach ein Ensemble, das die Heterogenität so einer Millionenstadt wie Berlin widerspiegelt?

Wille: Das ist es ganz bestimmt, aber das allein ist es natürlich auch nicht.

von Billerbeck: Nimm eine Gruppe von Migranten und schon hast du ein gutes Theater.

Schauspieler, die brennen, die was wollen

Wille: ... und du hast ein tolles Theater. So funktioniert es natürlich nicht. Es kommt da einfach alles zusammen. Es kommen tolle Schauspieler zusammen, die ehrgeizig sind, die brennen, die was wollen, die auch für geringe Gagen arbeiten, die ein irrsinniges Arbeitspensum da abarbeiten, die Begeisterung versprühen. Das kann man alles wollen, das kann man am grünen Tisch planen – und trotzdem muss es erst mal passieren.

von Billerbeck: Nun ist Armin Petras gegangen, hat ganz viele Schauspieler mitgenommen oder die sind auch woanders hingegangen, nicht mit ihm mit, sondern an andere Bühnen. Das heißt, Langhoff und Hillje konnten also kein Repertoire übernehmen. Das ist ja auch für ein Publikum ziemlich hart. Wie hat denn das Gorki-Publikum darauf reagiert, dass es damit konfrontiert oder beglückt wurde?

Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters, posiert am Rande einer Pressekonferenz am 07.11.2013 in ihrem Theater in Berlin (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Wille: Also ich sage immer, wenn man von "dem" Publikum redet, ist ein kleines Problem, weil das Publikum sind jeden Abend ein paar hundert Leute, also wenn es denn kommt, und die sind in der Regel ganz schön unterschiedlich. Das "Publikum" des Gorki-Theaters, in Anführungszeichen, hat sich sicher verändert, hat sich bewegt, ist auch, wenn man den Aussagen der Theaterleute Glauben schenkt, durchaus disparat und sehr debattenfreudig und sozusagen... Im Abenddienst ... die Leute kriegen es dann immer zu hören, dass es da ziemlich hin und her geht. Das ist aber sozusagen genau die Absicht des Theaters.

Das Gorki versteht sich als öffentlicher Raum, in dem etwas zu verhandeln ist. Es ist keine Kunstabspielstätte, es ist kein Repertoirebetrieb, in den man reingeht und sozusagen so wieder rausgeht, wie man reingegangen ist, sondern das ist ein Ort der Auseinandersetzung. Und dieser Ort wird angenommen von den unterschiedlichsten Leuten mit unterschiedlichen Zustimmungen oder Resonanzen. Und so muss Theater sein, weil nur dann funktioniert es, nur dann ist es Interessant.

Im Theater muss es um etwas gehen

von Billerbeck: Gibt es eigentlich etwas, das andere Stadttheater von dieser Bühne lernen können?

Wille: Das ist immer schwierig, wenn man sich Rezepte anschauen will, weil Kunst funktioniert, glaube ich, nicht wirklich nach Rezepten. Es ist sicher auch ein Haus, das nur in einer Großstadt so funktioniert, weil sozusagen die Realität, auf die es abhebt, ist natürlich eine Berliner Realität oder ist eine Realität, wie sie es vielleicht auch in Hamburg oder in Frankfurt gibt, aber es ist jetzt nicht etwas, was man auf jedes deutsche Stadttheater übertragen könnte. Was man sicher übertragen kann, ist der Grundgedanke: Theater ist ein öffentlicher Raum, und an diesem Raum muss es um etwas gehen. Es ist nicht einfach da, weil es da ist, sondern es ist nur da, weil es zur Auseinandersetzung, zur Debatte, zur Meinungsbildung, auch zum Konflikt beiträgt. Und das ist etwas, das kann man sich abgucken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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