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Tonart | Beitrag vom 04.05.2016

Ausstellung "Pop im Pott"Wie das Ruhrgebiet rockt

Von Stefan Keim

Panorama der Innenstadt von Essen, Skyline vor Abendhimmel, vorne Kühlturmgerüste der Kokerei Zollverein (imago/Jochen Tack)
Das Rurhgebiet - hier Essen - ist der Geburtsort der Neuen Deutschen Welle, behaupten die Macher von "Pop im Pott". (imago/Jochen Tack)

Neben Herbert Grönemeyer hat das Ruhrgebiet noch viele weitere deutsche Pop- und Rockgrößen hervorgebracht. Die Macher der Ausstellung "Rock & Pop im Pott" in Essen behaupten sogar, hier sei die Neue Deutsche Welle erfunden worden.

Bei ihren Auftritten ziehen sie sich gern aus und sauen mit Nahrungsmitteln herum. "Die Kassierer" aus Wattenscheid sind die Helden des Proll-Punk aus dem Ruhrgebiet. Sänger Wolfgang "Wölfi" Wendland kandidiert immer wieder bei Bürgermeisterwahlen in Bochum, hat aber noch nicht gewonnen.

Die Punker sind inzwischen Herren in den besten Jahren. Auf der Bühne merkt man das aber nicht. Christoph Schurian, einer der Kuratoren der Ausstellung "Rock und Pop im Pott" kennt sich gut aus in der Punkszene.

"Bestimmte Bands hier, die haben in den Siebzigern angefangen und spielen noch. Oder 'Die Kassierer' waren schon Thema Mitte der Achtziger bis heute. Und die haben jetzt gerade ihre erfolgreichste Zeit überhaupt mit wirklich sehr fröhlichem, aber auch hintersinnigem, provokantem, absichtlich provozierendem aber auch immer witzigem, gut gelauntem Krach."

Verschmelzung von Hochkultur und Underground

Inzwischen sind die "Kassierer" Dauergast im Dortmunder Schauspielhaus. Sie haben in dieser Saison mit dem Ensemble die Punk-Operette "Häuptling Abendwind" herausgebracht und werden bald wieder am Stadttheater arbeiten.

Hochkultur und Underground bewegen sich aufeinander zu, manchmal verschmelzen sie sogar. Auch die Ausstellung im Ruhr Museum beweist: Die Rockszene gehört inzwischen zum kulturellen Kanon der Region.

Zur Eröffnung der Ausstellung spielt die Hagener Band "Extrabreit". Der Song "Hurra, hurra die Schule brennt" hat eine andere Atmosphäre, wenn ihn Herren um die 60 grölen. Seit den Siebziger-Jahren war das Ruhrgebiet eine Kreativzelle vor allem des Punk und des Heavy Metal. Museumsleiter und Chefkurator Theo Grütter.

"Das passt zur Region, weil diese Region ist natürlich bei schwerem Metall angesagt. Und ich glaub, die vielen leer stehenden Industrieräume, die soziokulturellen Zentren, die Probenräume, die hier zur Verfügung standen, schrien geradezu danach, dass man hier als Gruppe – auch wenn man keinen Background hatte, kein Geld hatte – doch sein Ding machen konnte, Musik machen konnte. Und deshalb war es 'ne ideale Region für junge Punk-, junge Metalbands, die hier massenhaft entstanden sind."

Wir stehen in einem Raum voller Langspielplatten, Singles und CDs. Manche Gruppen und Interpreten sind bekannt, von anderen hat wohl auch im Ruhrgebiet noch kaum jemand etwas gehört.

"Wir versuchen, hier in dieser großen Plattensammlung des Ruhrgebietes nicht zu unterscheiden zwischen Profis und Amateuren. Sondern das ist wirklich die gesamte Bandgeschichte dieser Region. Wir haben über 800 Gruppen identifiziert, die einen Tonträger – Single, LP oder auch CD - aufgenommen haben. Und wir hoffen, dass diese Sammlung weiter wächst. Denn wir fordern alle Gruppen auf, die hier nicht vertreten sind und eine Platte produziert haben, sie uns als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Damit werden sie Teil der Ausstellung und hier im Ruhr Museum zu sehen sein."

Schwelgen in Erinnerungen

Der größte Teil der Schau ist ein Schwelgen in Erinnerungen. Da hängen Plakate von großen Stars, deren Auftritte im Ruhrgebiet Großereignisse waren, Cateringlisten zum Beispiel von Gianna Nannini, in denen Dosenbier in rauen Mengen geordert wird. Aber auch "guter Rotwein".

Die Besucher sehen Instrumente, Soundanlagen, ein Kassenhäuschen. Im Vergleich zu Kunstausstellungen, grinst Theo Grütter, ist das eine preisgünstige Schau. Weil das Museum keine teuren Versicherungen abschließen muss. Ins Schwärmen gerät er bei der Neuen Deutschen Welle.

"Die Neue Deutsche Welle, das ist meine These, ist hier im Ruhrgebiet erfunden worden. 'Komm nach Hagen, werde Popstar' hat Extrabreit mal großspurig gesagt. Sehr viele der Musiker, die wir kennen, Fritz Brause, Geier Sturzflug, Herne 3, das sind alles junge Studenten, die in den 1970er-Jahren im Ruhrgebiet Platten aufgenommen haben und die Neue Deutsche Welle geprägt haben."

Es ist keine Schau der großen Bilder, sondern der Details. Die Ausstellung hätte stärkere Akzente auf Highlights wie Punk, Heavy Metal und die Neue Deutsche Welle legen können. Dann wäre sie spektakulärer. Aber das war nicht der Ansatz, und das Mosaikhafte hat auch seinen Reiz. Man kann eine Menge entdecken.

Das Ruhrgebiet als Gütesiegel für Authentizität

Die Aufführung führt bis in die Gegenwart. Inzwischen sind viele Migranten auf dem Musikmarkt aktiv, vor allem im HipHop wie Deniz Koyu. Eine große Plattenfirma gibt es nicht im Ruhrgebiet, aber viele Agenturen, Produzenten und Veranstalter. Kurator Christoph Schurian:

"Ich glaube, dass das Ruhrgebiet für Musiker, die authentisch sein wollen, die was rüber bringen wollen von ihrer Persönlichkeit, was zu tun hat mit dem Leben, was andere Menschen auch haben, dann ist das Ruhrgebiet immer ein Gütesiegel. Weil es dafür steht, dass man Realität, Gegenwart wahrnimmt und so geerdet ist. Man darf nicht vergessen: Herbert Grönemeyer hat vier erfolglose Platten gemacht. Die fünfte nennt er '4630 Bochum' nach seiner Heimatstadt, singt über das Ruhrgebiet, und das ist sein Durchbruch. Bis heute ist er der Gefühls-Ruhrgebietler, obwohl er seit fast 40 Jahren nicht mehr im Ruhrgebiet wohnt."

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