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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 25.03.2016

Ausstellung "Massel und Broche" in FrankfurtDas Museum Judengasse in neuem Gewand

Von Jochanan Shelliem

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Blick in den Ausstellungsraum des Museums Judengasse in Frankfurt am Main, das am 20. März 2016 seine Wiedereröffnung feierte. (picture-alliance / dpa / Norbert Miguletz / Jüdisches Museum Frankfurt)
Blick in den Ausstellungsraum des Museums Judengasse in Frankfurt am Main (picture-alliance / dpa / Norbert Miguletz / Jüdisches Museum Frankfurt)

Das Frankfurter Museum Judengasse ist nach zweijährigem Umbau wiedereröffnet worden. "Massel und Broche" – so heißt die aktuelle Dauerausstellung. Mit der aus Berlin abgeworbenen Leiterin Mirjam Wenzel zieht auch ein neuer Stil ein.

Das neue Haus eröffnet mit einem Kaleidoskop facettenreicher Überraschungen. Mirjam Wenzel, die neue Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt am Main zur Konzeption:

"Die erste Sache, die wesentlich ist, das ist hier fortan das Museum Judengasse, das heißt, das ist der erste Teil des Jüdischen Museums Frankfurt. Hier erzählen wir jüdische Geschichte schwerpunktmäßig der frühen Neuzeit. Und zwar in Form von inszenierten Objekten in den Ruinen, dem was bewahrt wurde von den Ruinen der Judengasse. Der zweite Teil der neuen Dauerausstellung wird dann im Rothschildpalais eröffnet, im Jahre 2018. Dort wird der Fokus sein auf jüdische Geschichte von der Emanzipation bis in die Gegenwart. Ja, also: ein Museum, zwei Standorte."

Das Leben in einem der ältesten Ghettos von Europa wurde von Zeitzeugen sehr unterschiedlich eingeschätzt, ob vorurteilsbeladen wie in dem Bericht des brandenburgischen Hofrats Mayer, der sich, wie er notierte 1777 "aus bloßer Neugier eine Art Menschen in ihren Nestern aufzusuchen" in die zwangsweise überbevölkerte Judengasse begab oder als Hort der Gelehrsamkeit, wie im Reisebericht des Amsterdamers Abraham Levie, der über die Anziehungskraft der Synagogen der Judengasse tief beeindruckt war, "sodass sich hier sehr viele fremde jüdische Studenten aus ganz Deutschland und auch aus Polen befinden".

Mirjam Wenzel: "Man betritt jetzt das Museum Judengasse und läuft zuerst vorbei an der Gedenkstätte Börneplatz, also an der Erinnerung an die ermordeten und deportierten Juden Frankfurts. Auf deren Rückseite, der Rückseite dieser Wand ja des jüdischen Friedhofs, der bereits zurückdatiert ins Mittelalter: einer der ältesten jüdischen Friedhöfe Europas überhaupt, auch bedeutsamsten. An dem läuft sozusagen zuerst vorbei und wir nehmen in unserer Audioführung insbesondere auf diesen Friedhof Bezug."

Konfliktreiche Museumsgeschichte nicht ausgespart

Im Untergeschoss der Frankfurter Stadtwerke wird der Alltag und das Umfeld der Frankfurter Judengasse audiovisuell und spielerisch belebt, sodass nach dem zweijährigen Umbau das Zwangsquartier, das 1462 zwischen der Stadtmauer und dem jüdischen Friedhof entstand, in seinem historischen und sozialen Kontext verblüffend sichtbar wird. Wobei Mirjam Wenzel die konfliktreiche Geschichte des eigenen Hauses nicht aussparen will:

"Wir thematisieren sowohl den Konflikt von 1987, also das Zustandekommen dieses Museums, als auch die Vielschichtigkeit des Ortes. Sprich, hier ist der Friedhof, der erwähnte, der von den Nationalsozialisten systematisch geschändet und zerstreut wurde. Und hier ist eben heute das Museum, das aufgrund des Konflikts '87 durchgesetzt wurde. Diese Vielschichtigkeit dieses Ortes rücken wir als Auftakt des Museums am Anfang in den Blick."

Die Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, aufgenommen anlässlich ihrer Vorstellung am 11.09.2015 m Kulturamt in Frankfurt am Main (picture-alliance / dpa / Andreas Arnold)Mirjam Wenzel, Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt (picture-alliance / dpa / Andreas Arnold)
Viele Geschichten werden in den restaurierten Ruinen der fünf Häuser der Judengasse erzählt, die Grundmauern werden möbliert.

Mirjam Wenzel: "Hier thematisieren wir beispielsweise das Leben einer Witwe, der Witwe Rösel: Die sich und ihre Kinder damit durchgebracht hat, dass sie, was damals sehr weit verbreitet war, Kleidung weiterverarbeitet hat. Hier also in Form dieses Thoravorhangs – wahrscheinlich für eine Wanderthora – und hier sehen Sie auch die Werkzeuge, die hier vor Ort gefunden wurden: Patchwork der frühen Neuzeit."

Audiostationen und eine differenzierte Lichtregie

Neben Audiostationen richten sich eine differenzierte Lichtregie und niedrigere Spielstationen auch an Kinder, die das Leben der Ghettobewohner mit Rate-, Steckspielen und Hausgeschichten erkunden können:

Mirjam Wenzel: "Es gibt eben diese Stationen, diese Spiele für die Kinder und gleichzeitig wird es einen Katalog geben, der die Kinder auf Spurensuche durch das Museum schickt, um Sachen zu erkunden. Der Gedanke ist wirklich der eines Familienmuseums. Das heißt, wir wollen, dass Familien hierher gehen können mit den Kinder und die Eltern quasi auch ein bisschen Zeit und Muße haben, auch sich was anzuschauen und die Kinder während dessen an den Kinderstationen spielen.

Das untermauern wir auch mit einem Familien- und Kinderprogramm. Und jetzt bin ich mal gespannt, ob der Film startet. Ah ja, dann schauen wir uns den Film mal an…"

Der Film nähert sich der 300-jährigen Geschichte mit einer innovativen Grafik, die im Kontrast mit dem Acrylmodell des dreireihigen dichten Ghettos, in dem bis zu dreitausend Menschen lebten, Alltag und Konflikte in der Frankfurter Judengasse in ihrem komplexen Kontext nachvollziehbar werden lässt. Deutlich wird dabei auch, dass die Museumsdirektorin dieses Familienmuseum am Main durch den Aufbau eines neuronalen Netzes, also in Zusammenarbeit mit anderen Häusern ihr Museum, bespielen will. Dass Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems in der Eröffnungswoche als sachkundiger DJ auftreten wird, ist erst der Anfang.

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