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Studio 9 | Beitrag vom 22.07.2016

Ausstellung Darstellung eines Schwebezustands

Von Christiane Habermalz

Eine Mann geht am 21.07.2016 in Berlin an der Gemeinschaftsarbeit "Boot" in der Ausstellung "daHeim: Einsichten in das flüchtige Leben" vorbei. Die Ausstellung im Museum Europäischer Kulturen wurde von der Flüchtlingsinitiative Kunstasyl gestaltet und nimmt Bezug auf Zuwanderer durch Flucht in Deutschland und Europa. Die Arbeiten entstanden in der Zusammenarbeit von Künstlern mit den Flüchtenden. Die Ausstellung eröffnet am 22.07.2016 ist bis 02.07.2017 geöffnet. Foto: Wolfram Kastl/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Wolfram Kastl)
Ausstellung "daHeim: Einsichten in das flüchtige Leben" (picture alliance / Wolfram Kastl)

"daHEIM - Einsichten in flüchtige Leben" ist nicht einfach eine neue Ausstellung. Das Museum Europäischer Kulturen in Berlin versucht bei diesem Projekt, gemeinsam mit Flüchtlingen eine Lebensituation nachzuzeichnen: die Fremde.

Es begann mit einer freundlichen Übernahme. Aber eine, die mit großem Wohlwollen der Museumsdirektorin Elisabeth Tietmeyer von statten ging: "Sie sehen draußen das Kunstasyl-Banner. Das war der Startschuss mit dem Beginn einer Ausstellung, die sich dann entwickelt hat. Es war ein werkstattartiger Prozess, den die Besucher auch beobachten konnten."

Im März dieses Jahres besetzten Menschen aus Albanien, Afghanistan, Bosnien, Irak, Kosovo und  Syrien Räumlichkeiten des Museums Europäischer Kulturen. "daHEIM – Einsichten in flüchtige Leben" heißt die Ausstellung, die in fünf Monaten daraus entstand. Gemeinsam ist allen Beteiligten, dass sie aus ihren Heimatländern fliehen mussten.

Die meisten wohnen in einem Heim in Berlin-Spandau. Für Barabara Caveng, Künstlerin und Begründerin von "Kunstasyl", ist das Ganze nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein soziales Experiment. Ist es möglich, mit Menschen mit so unterschiedlicher Herkunft, Religionen und Werten eine neue Gesellschaft zu bilden?

Am Lebensanfang in Deutschland steht das Bettgestell

"Mit diesen Menschen haben wir diese Idee, diese Untersuchung, ist es möglich, eine Gemeinschaft aufzubauen, schlicht und ergreifend durchlebt!"

Am Anfang eines Lebens in Deutschland steht das Bettgestell. Profan, aluminiumfarben, zwei Matratzen übereinander, Spannbettlaken. In der Ausstellung ist es das dominierende Element, immer wiederkehrendes Motiv.

"Betten, Bettgestelle, Bettgestellteile, und sie stammen aus den Einrichtungen wo eben Menschen provisorisch temporär untergebracht sind, wenn sie hierher kommen. Diese Arbeit heißt auch "90 mal 20 Zentimeter: Ich bin ein Mensch". Weil wir den Menschen, die hierher kommen, im Endeffekt genau die Fläche einer 9 cm hohen Schaumstoffmatratze als Raum zugestehen."

Aus Bettgestellen aufgetürmt ist auch die riesige Rauminstallation des jungen Irakers Dachil Sado. Darin verwoben drei Monitore, auf denen wechselnde Bilder zu sehen sind: Spielende Kinder in einem Garten, Hochzeitsfotos, Bilder von Familienfeiern. Alltagsfotos aus einer Zeit vor der Flucht, aus der Heimat: "Die Installation ist nach dem Krieg entstanden, die Fotos zeigen alle das Leben vor dem Krieg. Der Titel lautet auch daHEIM, aber für mich ist es genau der Schwebezustand, in dem wir alle leben, zwischen Heim und Heimat. Heim ist ja auch das Asylbewerberheim. Es ist irgendwas dazwischen."

Einen Raum weiter hat Jasim Gull seinen Weg von Afghanistan nach Deutschland an die Wand gemalt. 15 Länder hat er durchwandert, fast die meiste Zeit zu Fuß, tagsüber musste er sich verstecken, nachts ist er gelaufen. Kleine sternförmige Explosionen deuten an, wo auf der Flucht schlimme Dinge passiert sind. An der Grenze zum Iran wurde auf ihn geschossen, im irakischen Kurdengebiet ebenso, die ungarische Flagge hängt in Fetzen wie ein zerborstener Traum. Es ist eine persönliche Geographie: Die Schweiz ist doppelt so groß wie Deutschland, sie war sein Traumziel. Doch von hier wurde er abgeschoben, jetzt ist er in Berlin, fünf Jahre nachdem er losgelaufen ist.

Das Projekt - ein Experiment

Auch für das Museum Europäischer Kulturen ist das Kunstasyl-Projekt ein Experiment. Ganz unmuseal soll es keine Präsentation über Menschen sein, sondern die Menschen sollen sich selbst repräsentieren.  Sie tun dies mit Selbstbewusstsein. Die junge Kosovarin Kumrije Isufi ließ sich in Marylin-Monroe-Pose ablichten, die Albanerin Valbona Cani als Mona Lisa. "Ergo Sum" heißt die Arbeit, schlicht: "Also bin ich". Die Botschaft:  Ihr seht nicht in uns, was wir in uns sehen. Und: Wir können alles sein.  
Und immer wieder Bezüge zu vergangenen Zeiten: Flucht, so das Narrativ der Ausstellung, ist zeitlos.

"Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie verrückt haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich: Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den obdachlosesten dieser Welt zählten."

Geschrieben hat das die jüdische Schriftstellerin Anna Seghers, die 1933 aus Deutschland fliehen musste. Daneben ein Bild des Syrers Serdar, der seine zwei kleinen Kinder an sich drückt. Eineinhalb Jahre lang hatte er sich die  Haare nicht schneiden lassen, bis seine Kinder 2016 endlich bei ihm waren.
Die Kunst und die äußere Wertschätzung ihrer Ideen hat die Menschen zusammengebracht. Das ist bemerkenswert, denn die meisten der Beteiligten hatten zuvor noch nie mit Kunst zu tun.

"In meinem Land sind wir völlig auf Physik, Chemie und Mathematik fokussiert. Kunst kommt bei uns nicht vor. Aber trotzdem findet man nicht eine einzige Fabrik im Irak, die Autos produziert. Hier gibt es Kunst, und für mich ist es interessant, zu sehen, welche Kraft Kunst haben kann. Wie sie die Dinge verändern kann. Oder wie sie Brücken in ganz andere Bereiche hinein schlagen kann. Alles was du denkst und tun willst, hat Bedeutung in der Kunst." 

Sado wollte in Syrien eigentlich Elektroingenieur werden. Jetzt hat er sich an der Kunsthochschule Weißensee beworben – und einen Platz bekommen.

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