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Reportage / Archiv | Beitrag vom 17.12.2013

AusbildungsmarktZug nach Norden

Für eine Frisörausbildung von Portugal nach Hamburg

Von Katrin Albinus

Eine Frisörin schneidet die Haare einer Kundin. (AP)
Eine Frisörin schneidet in einem Salon im thüringischen Suhl die Haare einer Kundin. (AP)

Vera Lopes ist für ihren Ausbildungsplatz ganze zweieinhalbtausend Kilometer umgezogen. Denn in ihrer Heimat hat sie keinen Job gefunden. Sie ist zufrieden – und ihr Chef auch. Denn der hatte keinen passenden deutschen Azubi gefunden.

Seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise vor fünf Jahren ist vor allem die Zahl der erwerbslosen Jugendlichen ständig gestiegen. Besonders hart betroffen davon sind die südeuropäischen Länder: In Griechenland, Spanien und Kroatien sind über 50 Prozent der Jugendlichen bis 25 Jahre ohne einen Ausbildungsplatz oder Arbeit, in Portugal und Italien sind es zwischen 30 und 40 Prozent.

In Deutschland dagegen bleiben auch in diesem Jahr wieder Tausende von Lehrstellen unbesetzt. An Bewerbern mangelt es zwar auch hierzulande nicht, doch fehle es an der gewünschten Qualifikation, so die Betriebe. Abhilfe sollen europäische Mobilitäts-Programme schaffen, die Jugendlichen aus Südeuropa eine Ausbildung etwa in Deutschland ermöglichen. Katrin Albinus hat eine junge Portugiesin an ihrem Ausbildungsplatz in einem Hamburger Frisörsalon besucht.

Decker: "Vera, wie oft haben Sie schon eine Farbe aufgetragen, seit dem Sie bei uns sind?" Vera: "Das vierte Mal?"   

Decker: "Das vierte Mal, genau. Schön dick auftragen, ruhig noch ein bisschen mehr, Sie haben noch genug Material. Genau ... "

Vera: "Huch!"

Decker: "Sehr gut."

Vera: "Wir haben das erst mal in eine Topfkuppe ... Kupfpoppe..."

Decker: "Trainingskopf."

Vera: "Trainingskopf genau - wir haben dann erst mal geübt."

Vera Lopes ist erst seit einem Monat als Auszubildende im Salon - trotzdem darf sie schon am Kunden arbeiten. Chef und Meister Willi Decker bleibt aber immer in der Nähe der 23-Jährigen mit den langen dunklen gepflegten Haaren.

Vera: "Muss man auch achten, dass die Farbe ganz gleichmäßig getragt ist, nä. Und dass wir nicht die Kunden alle färben. Nicht dass die Farbe überall kommt."

Vera ist aus dem Süden Portugals in den Norden Deutschlands, nach Hamburg gezogen - um hier das Frisörhandwerk zu lernen; einen Beruf, bei dem die Kommunikation mit dem Kunden eine wichtige Rolle spielt.

Deutsch konnte sie vorher allerdings nur ein paar Brocken - jetzt steht sie acht Stunden am Tag im Salon. Und geht abends zwei Mal in der Woche zu einem dreistündigen Deutschkurs.

"Ich glaube, ich lerne viel schneller, wenn ich einfach rede, einfach kein' Angst habe. Wenn ich denn Angst habe, dann ist vorbei. Das ist schon ein Beruf, der viele Sachen hat, der mir gefällt. Die Kontakt mit Leute, die Leute schön zu machen, diese Menschlichkeits.... - ich weiß nicht, wie ich das erklären soll."

Nachdem die Farbe 20 Minuten eingewirkt ist, spült Vera sie aus und massiert der Kundin sanft die Kopfhaut. Willi Decker steht in der Nähe und beobachtet seine Auszubildende. Fünf freie Lehrstellen hat er jedes Jahr zu vergeben, aber nur zwei konnte er dieses Jahr besetzen - und das, obwohl er als Ausbildungsbetrieb mehrfach prämiert ist. Als er über die Arbeitsagentur von einem Programm hört, das junge Europäer fördert, wenn sie eine Ausbildung in Deutschland machen - beschließt er in seiner Not daran teilzunehmen.

"Sie hatte glänzende Haare, sie kam mit einem Lächeln rein, sie war pünktlich, sie hatte einen guten Händedruck, sie war gepflegt angezogen, hatte tolle Schuhe an und war offen. Heute ist jemand, der pünktlich ist, der adrett ist, das ist die Ausnahme. Man kann sagen, in 30 Jahren hat sich der Status der Bewerbungen komplett gedreht."

Das Trockenföhnen übernimmt der Meister selbst, Vera macht kurz eine Pause und setzt sich auf einen der Rollhocker.

Nach der Hauptschule zieht sie mit 16 aus Lissabon in den Süden des Landes, arbeitet in einem Restaurant. Andere Perspektiven als schlecht bezahlte Gastronomiejobs gibt es dort allerdings auch nicht.

"Meine Freunde sind alle ungefähr zwischen 20 und 25 Jahre alt, ich glaube, niemand hat keine Abschluss oder Arbeit. Weil: Für Arbeit  man braucht Erfahrung, aber für Erfahrung haben, braucht man Arbeiten."

Im Internet liest sie auf der Seite des Arbeitsamtes von einem europäischen Mobilitätsprogramm mit dem vielversprechenden Titel: The Job of my Life. Sie packt ihre Koffer, macht bei Willi Decker in Hamburg ein Praktikum - und beschließt zu bleiben. Ein mutiger Schritt, zu dem sich nur fünf von 10 Praktikanten aus Spanien oder Portugal durchringen. Und das, obwohl bei den Azubis Deutschkurse, zwei Reisen pro Jahr nach Hause und die Kosten fürs Wohnen übernommen werden.

Autorin: Haben Sie auch - Heimweh?

Vera: Ja...ja. Aber mit der Zeit, man merkt nicht so viel.

Im grauen, kalten Hamburg sehnt sich Vera auch nach ein paar Monaten noch immer nach ihrer Heimat, nach Familie und Freunden. Mittlerweile sind ihre Aufgaben anspruchsvoller geworden - das lenkt zumindest ab.

Mann: "Hallo - ich hab einen Termin."

Vera: "Ja. Einmal Jacke aufhängen."

Heute arbeitet Vera im Salon an der Rezeption: Kunden begrüßen, Telefonate annehmen, Termine ausmachen - etwas, was sie sich, zumindest sprachlich, vor ein paar Monaten noch gar nicht zugetraut hätte.

Vera: Willi Decker-Frisör, guten Morgen, Sie sprechen mit Vera.... Ja, wann möchten Sie denn? Zu einen bestimmte Frisör, oder... Dann kann ich Ihnen bei Frau Führer um  12.30 Uhr anbieten. Ja? Ist das ok?... Ja, bitte schön!

Die letzten zwei Monate war Vera in der Berufsschule. Hat viel gelernt und viel gelacht:

"Wir haben auch geschnittet, wir haben eine kompakte Form geschnittet und auch eine graduierte Form und diese Haarpflegesachen, wir waren auch in eine Seminar und wir durften auch einander die Haare frisieren - das hat echt Spaß gemacht."

Drei Jahre dauert ihre Ausbildung im Salon Willi Decker - der Betrieb würde sie danach -wenn alles läuft wie bisher- gerne übernehmen. Das hat ihr Chef bereits durchblicken lassen. Und auch wenn sie nach ihrer Ausbildung am liebsten erst mal in anderen Ländern noch Erfahrung sammeln würde - ein wenig stolz macht sie das Angebot schon. Auch, weil es ihr das Gefühl gibt, dass ihre Entscheidung, sich zweieinhalbtausend Kilometer von zu Hause eine Arbeit zu suchen, die richtige war.

Decker: "Dann schreib ich das für Sie auf Vera, schönen Feierabend."

Vera: "Ok, Tschühüss."

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