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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.04.2008

Aus der Welt der iranischen Oberschicht

Tirdad Zolghadr: "Softcore", Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 224 Seiten

Atomstreit und Präsident Mahmud Ahmadinedschad - im Roman des Iraners Zolghadr geht es gerade darum nicht.  (AP)
Atomstreit und Präsident Mahmud Ahmadinedschad - im Roman des Iraners Zolghadr geht es gerade darum nicht. (AP)

Im Mittelpunkt steht ein schmallippiger Antiheld, der auch durch verschiedene Extremerfahrungen nicht sympathischer wird. Dennoch - oder gerade deshalb - ist Tirdad Zolghadrs Erstlingsroman "Softcore" fesselnd. Er bietet Eindrücke eines Irans jenseits von Urananreicherung, Mullahs und Ahmadinedschad.

Auf den ersten Blick scheint das Muster bekannt: Ein junger Mann möchte eine ehemals mondäne Cocktailbar nach dreißig Jahren wiedereröffnen. Aus diesem Mix aus Nostalgie und urbanem Flair wurde schon so manche (dürftige) Rahmenhandlung gezimmert. Allein, dieses Buch ist anders.

"Softcore", der Romanerstling des 1973 geborenen iranischstämmigen Kurators und Kunstkritikers Tirdad Zolghadr, spielt nämlich im Teheran dieser Tage. Dazu - und zwar ohne an innerer Spannung und Konzentration zu verlieren - in Hamburg, Beirut, New York. Projekt- und Lebenskünstler bilden sein Personal, eine global vernetzte Community durchaus marktbewusster ohemiens, die genau wissen, welche Markenkleidung man tragen und welche Ausstellung man gesehen haben muss.

Um kein Geheimnis zu verraten: Sehr sympathisch sind diese bei aller elaborierten Distinktionsrhetorik durch und durch geistlosen und seltsamerweise auch irgendwie asexuellen Menschen nicht. Über sie zu lesen, ist dennoch ein lehrreiches Vergnügen, denn der mittlerweile in Berlin lebende Tirdad Zolghadr, zweifellos ein Kenner des Kunstbetriebs, idealisiert nicht, urteilt nicht. Und er beschreibt einen Iran jenseits von Urananreicherung, Mullahs und Ahmadinedschad - eine Welt der hauptstädtischen Oberschicht, selbstreferenziell und fragil.

Der kaltblütige Ich-Erzähler - ebenfalls kein Mensch, mit dem man einen Tag oder eine Nacht verbringen möchte - fühlt sich trotz der Auslandserfahrungen seiner Eltern hier bald wieder wie zu Hause, lässt sich von der Dolce vita während der Schah-Zeit erzählen, begeistert sich für seine Galerie-Idee - und erfährt doch beizeiten, dass die verwestlichte Oberfläche trügt. Verwestlicht, aber nicht westlich, fehlt doch der asozialen Hautevolee jegliches Fairnessgespür, wie es in den sozialdemokratisierten Mittelstandsgesellschaften unserer Breiten längst verinnerlicht wurde.

Der Antiheld wird denunziert, verhaftet und wieder freigelassen, doch selbst diese Hardcore-Erfahrung mit dem Regime bringt ihn nicht von seiner ästhetisierten Schmallippigkeit ab, von einer forcierten Ironie, die von beträchtlicher Einsamkeit zeugt.

"Softcore" ist ein beeindruckendes Debüt, das vor fremdvertrauter Kulisse literarische Subversion gleich zweifach buchstabiert: Gegen eine allein politische Wahrnehmung der Gegenwart ebenso wie - ob nun gewollt oder ungewollt - gegen die plappernde Ignoranz eines sich forciert neckisch und ethikfrei gebenden internationalen Kunstbetriebs.

Rezensiert von Marko Martin

Tirdad Zolghadr: Softcore.
Roman. Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008
224 Seiten, 8, 95 Euro

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