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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.04.2013

Aus der Finanzkrise Gewinn schlagen

Sascha Reh: "Gibraltar" , Schöffling Verlag, Frankfurt 2013, 461 Seiten

Möglichst noch vom Unglück anderer profitieren will der Protagonist in "Gibraltar". (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Möglichst noch vom Unglück anderer profitieren will der Protagonist in "Gibraltar". (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Die Finanzkrise bietet ausreichend Material zur literarischen Inspiration. So legt auch der in Berlin lebende Autor Sascha Reh nun einen spannenden, lehrreichen Wirtschaftskrimi um eine kleine Privatbank und eine Familiensaga vor - raffiniert gebaut und stilistisch süffig erzählt.

Romane, die von Finanzmarktkrisen, Hedgefonds, Staatspapieren und skrupellosen, geldgierigen Bankern handeln, erobern zur Zeit die Belletristik. Zur Riege um Nora Bossong, John Lanchester, Rainald Goetz oder Ernst-Wilhelm Händler gesellt sich nun der in Berlin lebende Sascha Reh, Jahrgang 1974.

Mit seinem zweiten Roman "Gibraltar" erzählt er vom Niedergang der fiktiven, alteingesessenen Berliner Privatbank Alberts, die die Erschütterungen des letzten Jahrzehnts halbwegs unbeschadet überstanden hat. Bis sich Bernhard Milbrandt, Ziehsohn des Altbankiers Johann Alberts und wagemutiger Prop Trader, im Frühjahr 2010 gehörig verspekuliert, die Alberts-Bank in der Hoffnung, aus der Griechenland-Krise gewaltigen Gewinn zu ziehen, in den Ruin treibt und indirekt den Tod des Eigners mitverschuldet. In einer Nacht- und Nebelaktion flieht er vor den Gläubigern und der Finanzaufsicht BaFin nach Spanien, wo er das zu einer Offshore-Bank auf Gibraltar transferierte Geld an sich reißen will.

Eingerahmt von zwei Zeitungsartikeln, die die Hintergründe des Alberts’schen Niedergangs beleuchten, erzählt der Roman in sechs Kapiteln aus sechs Perspektiven, wie es zu den desaströsen Ereignissen kam. Geschickt ineinander verschränkt schildern zahlreiche Rückblenden und Vorgriffe vor allem das Unvermögen der Beteiligten, den halsbrecherischen Aktionen Milbrandts vorzubeugen. So lässt Sascha Reh unter anderen Patriarchensohn Thomas, der sich einst weigerte, in die Bank einzutreten und nun eine Art Telefonseelsorge für diejenigen betreibt, die sich im galoppierenden Wirtschaftswahnsinn nicht mehr zurechtfinden, dessen psychisch aus den Fugen geratene Freundin Valerie, Johann Alberts und seine Frau Helene, die seit langem eine Ehe auf Eis führen, sowie den Übeltäter Milbrandt selbst aufmarschieren.

Das ist mit Raffinement gebaut und stilistisch süffig erzählt, wenngleich Reh auf "scharfe Habichtnasen" oder mit Golfschlägern erzeugte Orgasmen verzichten und seinen ausgeprägten, hölzernen Nominalstil einschränken sollte. Getragen ist dieser Roman, der sich zwischen Wirtschaftskrimi und fernsehserientauglicher Familiensaga bewegt, von einem moralischen Impetus, der sich gegen jene Finanzjongleure wendet, die keine "wertschöpfenden Arbeiten" mehr verrichten. Die "Substanz der Bank" besitze, wie es in einer Schlüsselstelle heißt, "nicht einmal den Gehalt eines Gedankens oder einer Idee".

Dennoch ist "Gibraltar" kein moralinsaurer Thesenroman, der bösen Bankern sagen möchte, dass sie böse Banker sind. Er versucht – und das sollte man nicht geringschätzen – das Handeln seiner Akteure, so übel es sich im Detail ausnehmen mag, psychologisch nachvollziehbar zu machen und den Untergang des Hauses Alberts in möglichst vielen Facetten nachzuzeichnen. Die Anfänge all dieser Krisen lägen, so Johann Alberts in einem Moment später Einsicht, in den 1990er-Jahren, als sich auch in kleinen Privatbanken ein "virtuelles Reich aus Terminkontrakten und Kaufoptionen" auszubreiten begann. Hinterher ist man schlauer, auch in diesem Roman.

Besprochen von Rainer Moritz

Sascha Reh: Gibraltar. Roman.
Schöffling Verlag, Frankfurt/Main 2013
461 Seiten, 22,95 Euro

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